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Im Fernsehen: „Pershing statt Petting“ Geschichtsstunde mit Schlagseite

02.08.2011 ·  Helmut Schmidt und der Nato-Doppelbeschluss: Das ZDF zeigt die Dokumentation „Pershing statt Petting“ über die Debatte um die Aufstellung amerikanischer Pershing-II-Raketen im Jahr 1983.

Von Michael Hanfeld
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Der Dritte Weltkrieg beginnt in dem osthessischen Dorf Hattenbach, gelegen zwischen Bad Hersfeld und Fulda. Hier erwartet die Nato den Durchbruch der Panzertruppen des Warschauer Pakts. Und hier beginnt das Undenkbare, wird aus dem Kalten Krieg die atomare Endschlacht, die Deutschland in ein verstrahltes Trümmerfeld verwandelt - der Ernstfall, von dem die Apologeten der Abschreckung ausgingen, dessen Eintreten sie jedoch für ausgeschlossen hielten. Wer konnte schon ein Interesse an der totalen Vernichtung haben, die keinen Sieger kennen sollte?

Die Friedensbewegung traute dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan, der im Januar 1981 ins Amt kam, zu, die Oberhand gewinnen und in einer Auseinandersetzung obsiegen zu wollen, welche die Kategorien von Sieg und Niederlage außer Kraft setzte. Reagan, der wildgewordene Cowboy und an seiner Seite der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, Vater des Nato-Doppelbeschlusses, der dem Warschauer Pakt Verhandlungen über eine beiderseitige Abrüstung nuklearer Mittelstreckenraketen anbot, zugleich aber die „Nachrüstung“ statuierte, die Aufstellung der Pershing-II-Raketen als Gegengewicht zu den von der Sowjetunion stationierten SS 20. Drei Ziele in Westdeutschland vermochte eine dieser Raketen zu vernichten. Der Warschauer Pakt hatte davon „zig“ aufgestellt, erinnert sich Schmidt. Ihm erschien es „im Interesse meines Volkes“ geboten, diese SS-20-Rüstung nicht einfach hinzunehmen.

Kurzschluss-Debatte

Das schildert der ehemalige Bundeskanzler in der Dokumentation von Sandra Maischberger und Jan N. Lorenzen, die das ZDF heute und am folgenden Dienstag zeigt. Der Titel dreht einen zeitgenössischen Slogan der Friedensbewegung um: „Pershing statt Petting“. Die beiden beginnen ihr Stück in dem Duktus, in dem die Debatte seinerzeit geführt wurde - im Kurzschluss. Auf ein Bild dörflicher Idylle folgt die Aufnahme einer Atomexplosion, wo eben noch Menschen flanieren, wütet im nächsten Augenblick der Atomsturm. Während Ronald Reagan - noch als Schauspieler - am Set eines Films Reklame für Seife macht, kommen in der Bundesrepublik Sitzblockaden und Großdemonstrationen in Mode. Munitionsdepots der amerikanischen Armee werden abgeriegelt - jene, in denen Atomwaffen vermutet werden, die Zeitschrift „Stern“ hat die entsprechende Karte geliefert, die Informationen dazu wiederum hatte der ostdeutsche Geheimdienst beigesteuert, die Stasi.

Und mittendrin der Bundeskanzler, dem es ergeht wie allen - sozialdemokratischen - Regierungschefs, die epochale Entscheidungen treffen. Er setzt seinen Kurs durch, verliert den Rückhalt seiner Partei und - wird abgewählt. Aufgestellt werden die Pershing-II-Raketen unter seinem Nachfolger Helmut Kohl, dem es vergönnt ist, das Ende der letzten Phase des Wettrüstens zu erleben - 1987 vereinbaren die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion den Abzug und die Vernichtung der Raketen. Helmut Schmidt darf gewiss sein, historisch Recht behalten zu haben.

Der „Schlüssel“ zur Lösung des Konflikts

In dem Film von Sandra Maischberger und Jan N. Lorenzen aber treten die Vertreter der Friedensbewegung und Schmidts innerparteiliche Widersacher wie Erhard Eppler auf, als hätten allein sie den Umschwung bewirkt. Mit Blick auf die Stimmung damals vermag man das vielleicht zu verstehen. Allerdings werden nur einige von den Autoren des Films an die entscheidende Frage herangeführt: Warum richtete sich die Protestbewegung allein gegen die amerikanischen Raketen und blendete die sowjetischen, die schon da waren, inklusive der programmierten Ziele, aus? Wären sie von allein verschwunden? Und warum erschienen die Vereinigten Staaten als lüstern auf Offensive und nicht die Sowjetunion, die Weihnachten 1979 in Afghanistan einmarschiert war?

Sogar ein Vertreter der sowjetischen Regierung hält Helmut Schmidt im Film zugute, dass er bei den Verhandlungen mit dem Generalsekretär Leonid Breschnew den „Schlüssel“ zur Lösung des Konflikts präsentierte: Schmidt hatte vorgeschlagen, dass beide Seiten ihre strategischen Karten buchstäblich offenlegten - die Militärkarten, auf denen die Waffenbestände verzeichnet waren. Sie waren weitgehend deckungsgleich, man hätte nur damit beginnen müssen, sie zur Grundlage einer beiderseitigen Abrüstung zu machen. Doch dazu war die Sowjetunion erst unter dem Generalsekretär Michail Gorbatschow bereit.

Dubiose Interviewpartner

Die Massendemonstrationen - im Bonner Hofgarten versammelten sich schließlich Dreihunderttausend - hätten ihn schon beeindruckt, sagt Schmidt, „aber nicht in dem Sinne, in dem die das wollten.“ Gerne hätte man gehört, was Jo Leinen dazu sagt. Als Friedensbewegter wollte er in den achtziger Jahren „das Land unregierbar machen“ - mit diesem Satz taucht er in dem ZDF-Film auf. Heute sitzt er für die SPD als Abgeordneter im Europaparlament. Herta Däubler-Gmelin fand Schmidts Haltung „interessant“, aber von einem „bestimmten Punkt“ an „politisch nicht mehr tragbar“ und Erhard Eppler würde sich gerne mit Helmut Schmidt aussprechen - so dieser ihn zu einem Gespräch einlüde.

Im zweiten Teil bekommt der Film von Sandra Maischberger und Jan N. Lorenzen, der im ersten Teil noch recht ausgewogen von einer zur anderen Seite schaltet, leider Schlagseite. Helmut Schmidt erscheint als zunehmend seltsam, die Friedensbewegung und die Grünen als Seite des Heils. Dabei jemanden wie den Musikproduzenten Dieter Dehm zu Wort kommen zu lassen, ohne seine dubiose Rolle in der SPD zu erwähnen und seine Vergangenheit als von der Stasi registrierter IM (Dehm bestreitet, dies wissentlich gewesen zu sein), ist fahrlässig.

Und wie lautet der Schluss der Nachrüstungsgegner zu ihrem damaligen Wirken im Lichte der historischen Entwicklung? Er lautet, wie Erhard Eppler am Ende der Dokumentation sagt: „Die Nachrüstung war nicht so gefährlich, wie ich geglaubt habe, und sie war nicht so nötig, wie Helmut Schmidt geglaubt hat.“ Das klingt salomonisch, ist aber in Wahrheit erstaunlich oberflächlich und nur scheinbar ein gutes Schlusswort.

Pershing statt Petting läuft heute um 22.45 Uhr im ZDF, der zweite Teil folgt am Dienstag, dem 9. August, ebenfalls um 22.45 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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