http://www.faz.net/-gsb-6m5fs

Im Fernsehen: Odenwaldschule : Sie hatten die Macht, Kinder zu zerstören

Wirkt beschaulich, doch das war eine Lüge: die Odenwaldschule, jahrzehntelang Ort schwerster sexueller Übergriffe Bild: SWR/zeroone

Die Odenwaldschule stand wie eine Festung im Hambachtal: Luzia Schmid und Regina Schilling arbeiten in einer ARD-Dokumentation den Missbrauch an der Odenwaldschule auf. Auch die Zeit wird diese Wunden niemals heilen.

          Kurz bevor der Film endet, als man denkt, nicht mehr tiefer in den Abgrund blicken zu müssen, folgt eine der erschütterndsten Szenen. Ein Altschüler erzählt, wie er Gerold Becker, den ehemaligen Leiter der Odenwaldschule, in dessen Wohnung aufgesucht hat, um den alten, kranken Mann mit seinen abscheulichen Taten von einst zu konfrontieren, deren Opfer er zwar selbst nie geworden ist, von denen er aber wusste. Damals hatte er die Augen vor Beckers sexuellen Übergriffen auf Mitschüler verschlossen, und selbst jetzt, da der Skandal öffentlich geworden war, bringt er es nicht fertig, Becker zur Rede zu stellen. Unverrichteter Dinge verlässt er die Wohnung. Im Flur hängen drei Bilderrahmen, gefüllt mit Passfotos von Jungs.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Luzia Schmid und Regina Schilling haben einen Film über die Odenwaldschule gedreht, er heißt „Geschlossene Gesellschaft - Der Missbrauch an der Odenwaldschule“, und es liegt auf der Hand zu fragen, weshalb man sich, nachdem der Skandal über Monate hinweg in allen Medien ausgebreitet worden ist, noch einen Film dazu ansehen sollte. Kennt man nicht jede Einzelheit? Weiß man nicht alles über den beschaulich wirkenden Ort im Hambachtal, wo die Bäume so schön rauschen? Über die Schule, der das Autoritäre zuwider war, die die Freiheit feierte, als hätte sie sie selbst erfunden - und deren Leitspruch heißt: „Werde, der du bist“. Über Gerold Becker, der sich zu seinen Zöglingen unter die Dusche drängte, sie befummelte, missbrauchte, jeden Tag, jahrelang? Und weiß man nicht auch, wie ein Musiklehrer namens Wolfgang Held mit unzähligen Opfern seine perversen Spielchen trieb? Tatsächlich weiß man vieles, aber es braucht noch einmal all die Bilder und Stimmen, damit die Dimension des Geschehens unvergessen bleibt. Genau das leistet dieser Film.

          Am Ende steht eine große Lüge

          Wir sehen Fotos und Filmsequenzen aus der Scheinwelt, Schüler und Lehrer unter freiem Himmel, sie lachen, albern, liegen einander in den Armen, ein heiler Kosmos in Schwarzweiß. Gerold Becker ist allgegenwärtig, umringt, umzingelt von seinen Anhängern. Die Musik klingt noch fröhlich, bald klingt sie düster, und im Hambachtal geht die Sonne unter. Missbrauch ist ein monströses Wort, aber es bewegt sich stets im Ungefähren und überlässt uns unserer Phantasie. Bei Luzia Schmid und Regina Schilling füllen die Opfer das Wort mit Erlittenem. Sie schonen weder sich noch uns. Wie ein Berserker habe Becker ihm „am Schwanz gelutscht“, sagt ein erwachsener Mann, dreizehn Jahre war er damals alt. Selbst die „stabile Bauchlage“ rettete jene nicht, zu denen sich Becker morgens ans Bett setzte. „Er hat einem einfach den Finger in den Anus gesteckt.“ Und Wolfgang Held fragte jedes Mal: „Soll ich kommen? Soll ich kommen?“

          Selbstverständlich äußern sich auch andere, Menschen, die Teil des Systems waren und darin unterschiedliche Rollen einnahmen, wie Wolfgang Harder, Beckers Nachfolger, oder Benita Daublebsky, die im Vorstand der Schule saß. Salman Ansari, der einzige Lehrer, der sich sofort auf die Seite der Opfer stellte, wurde dafür als Judas beschimpft. Beschädigte sind sie am Ende alle, weil das, woran sie geglaubt hatten, sich als Lüge entpuppte.

          Eine Ruine ohne Zukunft

          Das Verdienst dieses Films liegt vor allem darin, dass die Autorinnen sehr deutlich machen, was man sich selbst immer wieder vor Augen führen muss: Gerold Becker und Hartmut von Hentig, sein Lebenspartner, waren mächtige Menschen, Personen von Rang und Namen, fest verankert in der linken Elite, das „Powerpaar der Pädagogik“. Becker saß auf Fernsehsofas, hielt Vorträge, diskutierte auf Podien, ein gerngesehener Gast, genauso wie Hentig. Über Beckers Charisma wurde viel erzählt und geschrieben, doch wer ihn nie erlebt hat, kann diese Anziehungskraft nicht nachvollziehen. Er stand zudem unter persönlichem Schutz von Hellmut Becker, einem der einflussreichsten Bildungsforscher und -politiker der damaligen Zeit. Eine Schlüsselfigur. Das Perfide: Hellmut Becker wusste über die sexuellen Vorlieben seines Schützlings Bescheid und verhalf ihm dennoch zum Schulleiterposten. So funktionieren Netzwerke.

          Die Odenwaldschule stand wie eine Festung im Hambachtal. Ihr düsteres Geheimnis hütete sie jahrzehntelang. Das gelang ihr nur, weil die Gemeinschaft von einem Korpsgedanken getragen wurde, der mit der Grundangst jedes Menschen spielt: der, ausgeschlossen zu sein. Man gehörte dazu oder nicht, es existierte kein Dazwischen. Viel zu spät wurde die Festung eingenommen, jetzt steht kein Stein mehr auf dem anderen. Geblieben ist eine Ruine ohne Zukunft, denn die Zeit wird diese Wunden niemals heilen.

          Weitere Themen

          Warum arme Kinder arm bleiben

          Bildung : Warum arme Kinder arm bleiben

          Sozial schwache Schüler haben es in Deutschland oft schwer. Das liegt an fehlenden Bildungschancen – aber eben nicht nur. Auch das Verhalten der Eltern trägt einen großen Teil dazu bei, dass Kinder arm bleiben.

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Topmeldungen

          Jens Spahn greift an : Mit Dolch und großem Kaliber

          Im Rennen um den CDU-Parteivorsitz liegt Gesundheitsminister Jens Spahn inzwischen deutlich hinter Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz. Ihm bleibt nur eine Chance.

          Israels Verteidigungsminister : Darum springt Liebermann ab

          Ministerpräsident Netanjahu wollte durch seinen Deal mit der Hamas Zeit und Ruhe erkaufen. Der Rücktritt seines Verteidigungsministers trifft ihn hart. Neuwahlen sind möglich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.