22.09.2009 · Einen Sender übergreifenden Fluchtabend richten Sat.1 und ZDF an diesem Dienstag aus. Dabei übertreibt der Spielfilm seine Geschichte hanebüchen, das wahre Drama zeigt die Dokumentation.
Von Jochen HieberAuch ohne rhetorische Überhöhung und fiktionale Erfindung war dies ein dramatisches Ereignis: Am Abend des 2. Oktober 1961, nur wenige Wochen nach dem Beginn des Mauerbaus in Berlin, machen sich im thüringischen Böseckendorf einunddreißig Erwachsene und zweiundzwanzig Kinder aus sechzehn Familien auf, um die knapp einen Kilometer entfernte, befestigte und bewachte, aber noch nicht verminte Zonengrenze zu überwinden und in den Westen, nach Niedersachsen, zu fliehen. Haus und Hof, Äcker und Vieh lassen sie zurück. Als ihre geglückte Flucht Minuten später entdeckt wird, finden die Volkspolizisten und Staatssicherheitsdienstler in Küchen und Wohnzimmern noch die dampfenden Suppenteller auf den Abendbrottischen.
Erstaunlich genug, dass diese spektakuläre Gemeinschaftsflucht auch zwanzig Jahre nach dem Mauerfall und trotz der lange zugänglichen Stasi-Akten noch nie Gegenstand einer umfassenden zeitgeschichtlichen Studie wurde. Vor vier Jahren entstand unter dem Titel „Wir wollen hier nur noch raus!“ eine fundierte, Ende August wiederholte Dokumentation des MDR, die das Böseckendorfer Geschehen ins Umfeld der damaligen SED-Politik rückte. Deren Drohformeln hießen Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und Zwangsumsiedlung sogenannter „unsicherer Elemente“ ins Landesinnere. Zumal die Bauern aus dem katholischen Eichsfeld fühlten sich elementar bedroht - der Auszug der Böseckendorfer war eine Verzweiflungskonsequenz.
Dieses Ereignisses nimmt sich Sat.1 heute zweifach an. Am späteren Abend läuft eine Dokumentation von Falko Korth und Thomas Riedel, die den MDR-Recherchen von 2005 Bemerkenswertes hinzufügt. So identifiziert in „Grenzfall Böseckendorf - Flucht in letzter Sekunde“ eine Zeitzeugin den einstigen Dorfspitzel, nennt aber den Namen nicht. So erfährt man, dass die DDR-Grenzer sich aktiv zum Dienst gemeldet hatten - die Wehrpflicht wurde erst 1962 eingeführt. Dem Exodus der dreiundfünfzig folgte im Februar 1963 die Flucht zwölf weiterer Böseckendorfer - der tiefgefrorene Boden machte die inzwischen gelegten Minen relativ ungefährlich. Und schließlich berichten Korth und Riedel von den „endlosen Prozessen um die Rückgabe von Wohneigentum und Landbesitz“ nach 1989. Bis heute ziehe sich deshalb ein „unsichtbarer Riss“ durch die Gemeinde.
Wer's glaubt
Für das rhetorische Pathos und für eine fiktionale Freiheit bis ins Unmögliche hinein sorgt der Spielfilm, den Sat.1 aufbietet. Er ist in manchen Szenen gar nicht schlecht. Das reale Böseckendorf des Jahres 1961 aber liefert nur die Marke und dient als Aufhänger für eine partiell passable, oft aber hanebüchene Handlung. Schon der Untertitel - „Die Nacht, in der ein Dorf verschwand“ - ist unsinnig: Böseckendorf hatte dreihundert Einwohner, die zweihundertfünfzig Zurückgebliebenen lösten sich nicht in Luft auf. Der Dorfpfarrer beschert dem nun bald vierundsiebzig Jahre alten Fernsehliebling Horst Janson zwar eine dankbare Rolle, dass er evangelisch zu sein hat, ginge im Eichsfeld aber ganz und gar nicht.
Ganz sicher kamen den Fliehenden die tausend Meter bis zur Grenze unendlich lang vor. Dass eine Jungbäuerin in der kurzen Zeit bis zum Freiheitsgewinn erst in die Geburtswehen fallen, dann ihr Kind zur Welt bringen und vom gleichfalls fliehenden Dorfarzt kompetent umsorgt werden kann: dies glaube, wer mag. Rebecca Immanuel spielt eine knallharte SED-Genossin und muss deshalb wohl Marx heißen. In letzter Sekunde aber besteht ihr kommunistisches Manifest darin, einen Stasi-Schurken am Todesschuss auf eine Fliehende zu hindern und so ein Humanitätsmärchen zu beglaubigen.
Vom Asterix-Prinzip geleitet
Daniel Maximilian und Thomas Pauli haben das Drehbuch geschrieben, Oliver Dommenget führt Regie - zur dröhnenden Musik von Jörg Rausch verbietet sich ein namenswitzelnder Kommentar. Geleitet hat Drehbuch und Regie das Asterix-Prinzip: Die ganze DDR ist von Staatssozialisten beherrscht, ein einziges Dorf aber leistet Widerstand und macht sich schließlich listig auf den Weg in eine bessere Welt. Im Thüringischen herrscht zu Anfang der sechziger Jahre stets Nebel, was dem Geheimnisvollen der im Mittelpunkt stehenden Dreiecksgeschichte nur zugutekommt: Die Pfarrerstochter Tonia (Anna Loos) ist mit dem herzensguten Jungbürgermeister Manfred Lantz (Thure Riefenstein) glücklich verheiratet, muss ihre Treue angesichts der Liebesavancen und der Konsumverlockungen des westdeutschen Handlungsreisenden Harald (Andreas Pietschmann) aber immer wieder unter Beweis stellen - auch sich selbst gegenüber: Eichsfelder Dorf- und Fernsehgeschichten, denen ein gewisser Unterhaltungswert nicht abgesprochen sei.
Parallel zum Böseckendorf-Dramolett bei Sat.1 widmet sich die Aktualabteilung von Guido Knopps Historienschmiede im ZDF ebenfalls jenen „mutigen Menschen, die der DDR den Rücken kehrten“. In der Tat, der ostdeutsche Realsozialismus hat sich vor allem deshalb ad absurdum geführt, weil ihm die Menschen, die zu beglücken er vorgab, dreimillionenfach davonliefen. Einigermaßen stabil, sagt der britische Zeitgeschichtler Frederick Taylor in dem Zweiteiler „Flucht in die Freiheit“ deshalb zu Recht, sei dieser Staat nur in jenen acht Jahren gewesen, in denen Mauer und Stacheldraht undurchlässig waren - also von August 1961 bis zum Beginn von Willy Brandts Ostpolitik.
Schließlich half nur der Freikauf
Jede einzelne Flucht aber hat ihre eigene Geschichte, und jede hat ein Recht, erinnert zu werden. Jörg Müllner und Oliver Hamburger konzentrieren sich auf spektakuläre Fälle. Er wäre falsch, sie deshalb zu tadeln. Zwar neigt auch ihre Tonspur - unheilssonorer Sprecher: Christian Schult - zu hochpathetischen Formulierungen, das filmische Nacherzählen wie die Analyse aber bleiben authentisch. Stets kommen die Betroffenen zu Wort.
Am 17. April 1963 entwendet der zivile NVA-Mitarbeiter Wolfgang Engels in Ost-Berlin einen Schützenpanzer, fährt zwanzig Minuten lang unbehelligt durch die Stadt und durchbricht in der Elsenstraße dann die Mauer - aber eben nur fast. Schwer verletzt wird der Angeschossene in den Westen der Stadt gerettet.
Der West-Berliner Klaus Köppen versucht seine Lebensliebe Roswitha und später die gemeinsame Tochter in abenteuerlichen Aktionen aus dem Ostteil der Stadt zu schleusen - alle Versuche misslingen. Schließlich hilft nur der Freikauf, welcher der DDR bis zu hunderttausend Westmark pro Person einbringt und etwa 35.000 Mal über die Bühne geht. Zugleich kosten die Instandhaltung der vierzehnhundert Kilometer langen Grenze sowie die fünfzigtausend „Grenzschützer“ die DDR jährlich eine Milliarde Ostmark.
Sportlich
Die Familie Strelzyk schafft es im zweiten Anlauf mit einem selbstgenähten Heißluftballon - ihre Geschichte wird von Hollywood verfilmt. Die Phase der Tunnelbauer und der Fluchthelfer vom Schlage eines Hasso Herschel passiert Revue - Herschel gab so kühn wie erfolgreich den Westernhelden in den Katakomben Berlins. Rudolf Müller erschießt einen DDR-Polizisten - und wird nach der Wende zu ausdrücklich nur „einem Jahr Gefängnis“ verurteilt; ob seine Tat aus Notwehr geschah oder vorsätzlich war, werden wir nie erfahren.
Unumstrittene Stars des sehenswerten Doku-Dramas im ZDF aber sind die Gebrüder Bethke: Ingo, Holger und Egbert. 1975 durchschwimmt Ingo mit einem Freund die Elbe auf Luftmatratzen, nachdem er zuvor ein Minenfeld überwunden hat. 1983 überquert Holger mit einem Kumpel den Todesstreifen in Berlin mittels eines Hochseilakts. 1989, wenige Monate vor dem Mauerfall, holen Ingo und Holger den jüngsten Bruder Egbert mit zwei Ultraleichtflugzeugen in sechzehn Minuten von Ost nach West - sie halten ihre tollkühne Aktion auf Video fest. Man konnte, das beweisen die Bethkes, der DDR auch sportlich beikommen, und man konnte sie austricksen. Ihren Untergang bereitete sie sich selbst.
Herr Hieber, schön wäre auch die Angabe, ob Filme in die ZDF mediathek
Anton Seidel (ase)
- 22.09.2009, 19:02 Uhr