03.03.2010 · Am 3. Februar 2008 stand das Haus, in dem auch die Familie Kamil Kaplans lebte, in Flammen. Neun Menschen starben. Mit einer kühnen Tat rettete Kaplan seinem Neffen das Leben. Eine Dokumentation des ZDF versucht nun sensibel, die Folgen der Katastrophe nachzuzeichnen.
Von Zhe WeberInnerhalb weniger Minuten wurde Kamil Kaplans Leben aus der Bahn geworfen. Am 3. Februar 2008 war seine Familie gerade von einem Fastnachtsumzug heimgekehrt, als in ihrem Haus in Ludwigshafen ein Feuer ausbrach. Als die Kaplans den Brand bemerken, hatte sich das Feuer schon im gesamten Treppenhaus ausgebreitet. Einen Fluchtweg gab es nicht. Aus Verzweiflung warf Kamil Kaplan seinen sechs Monate alten Neffen aus dem Fenster der Wohnung im dritten Stock. Der kleine Junge überlebte, der Polizist Uwe Reuber konnte ihn auffangen. Die anderen Mitglieder der Familie entkamen nicht. Neun Menschen starben, darunter Kamil Kaplans Mutter, seine Frau und zwei seiner Töchter. Sein Schwager brach sich beim Sprung aus dem Fenster die Wirbelsäule, weil das von der Feuerwehr vorbereitete Luftkissen noch nicht vollständig aufgeblasen war.
Am Grab der Familie
Gülseren Sengezer hat Kamil Kaplan und seine Verwandten ein paar Wochen lang begleitet. Sie war dabei, als Kamil Kaplan das Grab seiner Familie in der Türkei besuchte. Mit ihr spricht er zum ersten Mal öffentlich von seinen persönlichen Erinnerungen an jenen Tag. Seine Schilderungen bilden den Kern des Films.
Als besonders störend empfand Kaplan, dass die Katastrophe zum Politikum stilisiert wurde. Weil nur Türkischstämmige bei dem Brand ums Leben gekommen waren, breitete sich eine Debatte um Fremdenfeindlichkeit in Deutschland aus, die über Monate durch die Medien ging. Türken äußerten ihren Unmut über die Politik. Erst der Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan konnte die Lage etwas beruhigen. Später stellte sich heraus, dass das Feuer durch einen Schwelbrand entstanden war und kein Fremdverschulden vorlag.
Die Frage nach der Schuld spielt für Kamil Kaplan eine untergeordnete Rolle. Der Film zeigt, wie er seine Familie anleitet, den Schmerz zu ertragen. Von seinem Schwager wird er als umsichtiger Mensch beschrieben, als schützendes Familienoberhaupt im besten Sinn. Diese Aufgabe hatte zuvor seine Mutter. Seine eigene Trauer behält Kamil Kaplan für sich. Sein größter Wunsch ist, dass seine Familie wieder zur Normalität zurückzukehren kann, auch wenn es ein langer Weg ist.