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Im Fernsehen: „Das Fremde in mir“ : Ein Baby macht noch kein Mutterglück

  • -Aktualisiert am

Nach einer schwierigen Zeit finden Julian (Johann von Bülow) und Rebecca (Susanne Wolff) langsam wieder zusammen Bild: ZDF

Wenn man froh sein soll und nicht kann: Der Film „Das Fremde in mir“ von Emily Atef zeigt die Qualen einer Wochenbettdepression, nähert sich dabei dem Thema angemessen und mit einem Gefühl, das den Kitsch scheut.

          Depression ist ein hässliches Wort. Es klingt, als würde irgendwo die Luft rausgelassen, wo Luft reingehört, zum Schluss zischt es noch mal, und dann ist's aus. Kein Wort also, das zu Menschen passt, die noch etwas vorhaben, und kein Wunder also, dass niemand gern davon spricht. Als Rebecca auf einmal weniger lacht und mehr weint als sonst, wirft ihr Mann ihr folgerichtig ein „ewiges Vorwurfsgesicht“ vor, das ihm nicht etwa Sorgen macht, sondern „auf den Zeiger“ geht. Rebecca hat ja auch keinen Grund für Tränen: Sie ist gerade Mutter geworden, der kleine Lukas ist gesund und für Neugeborenenverhältnisse ganz hübsch. Ihr Mann hat einen guten Job als Architekt und finanziert das Leben der jungen Familie hinter hohen Hecken und Leinenvorhängen.

          Rebecca hat also viel vor, als auf einmal die Leere und die Schwere über sie kommen. „Das Fremde in mir“ heißt der Film von Emily Atef (Buch und Regie) dann auch angemessen doppeldeutig. Denn Lukas, der kaum eben ihren Körper verlassen hat, ist ihr ebenso fremd wie die Nicht-Gefühle, die seine Stelle in ihrem Innersten einnehmen: Teilnahmslosigkeit und Desinteresse. Schon im Krankenhaus sieht Rebecca hilflos zu, wie ihre Schwägerin das Baby verzückt liebkost, während sie selbst danebensteht, als sei das Kind ein misslungenes Weihnachtsgeschenk, Umtausch ausgeschlossen.

          Ein Kampf gegen die Ignoranz

          Es kommt, wie es eigentlich gar nicht kommen muss: Rebeccas Familie ignoriert die Veränderungen, die mit der jungen Frau vorgehen, solange nicht die eigene gute Laune auf dem Spiel steht. Es könne ruhig mal wieder eingekauft werden, sagt der junge Vater Julian (Johann von Bülow) kekskauend, der Kühlschrank sei ja ganz leer. Mach's gut, sagt Rebeccas Mutter am Telefon, weit weg in Amerika, und hört das Tochterschluchzen nicht. Man kann sich fragen, warum in dieser Familie niemand etwas merkt: Alle sind gebildet und gesprächsbereit, füreinander da und wollen nur das Beste. Dass bei all der umfassend betriebenen Geburtsvorbereitung niemand etwas von Postpartaler Depression gelesen, dass keine Schwester im Krankenhaus etwas von der Not der Frau gesehen haben will, ist rätselhaft.

          Das hässliche Wort nimmt also so lange niemand in den Mund, bis Rebecca fast ihr Kind ertränkt und dann wegläuft, bis sie halbtot im Wald liegen bleibt. Der Kampf gegen sich selbst, den Susanne Wolff als Rebecca schon zuvor unbewusst führte und von da an wütend kämpft, macht „Das Fremde in mir“ sehenswert. Es ist auch ein Kampf gegen die Ignoranz, denn Julian tut immer noch so, als sei Depression ein medizinischer Fachbegriff für schlechte Laune, und seine Schwester (Judith Engel) spielt, während Rebecca in der Spezialklinik ist, die Ersatzmama so gern, dass sie nicht mehr aufhören will. Wer so eine Familie hat, braucht keine Depression, um unglücklich zu sein - denkt man, bis sich das Blatt noch einmal wendet.

          Die Mutter verzweifelt an ihrer Lieblosigkeit

          Dass Atefs Film, der in Zusammenarbeit von Arte und der ZDF-Redaktion von „Das kleine Fernsehspiel“ entstand, 2008 in Cannes Premiere hatte und nun erst um Mitternacht im Fernsehen läuft, ist schade. Er hätte einen früheren Sendetermin verdient, denn trotz ein paar kleinen Stolperern im Drehbuch, die wohl die Geschichte beschleunigen sollen, nähert er sich dem Thema angemessen still und mit Gefühl, das den Kitsch scheut. Wolff spielt die Mutter, die an ihrer Lieblosigkeit verzweifelt, mit dem ausdruckslosen Gesicht, das man dafür braucht, und so gut, dass man das Fernsehbaby fast selbst hasst, wenn es der depressiven Mutter ins Gesicht schreit. Und es mit ihren Augen sieht, als sie das Lächeln wieder lernt.

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