25.07.2011 · Ein beeindruckendes Debüt im Kleinen Fernsehspiel des ZDF: Hannah Schweiers „Cindy liebt mich nicht“ über eine komplizierte Dreiecksbeziehung kratzt am Credo der modernen Unverbindlichkeit.
Von Daniel Grinsted„Euch hat jemand verarscht, oder?“, fragt der rothaarige Brückentroll die beiden jungen Männer. Mit verschränkten Armen hindert er sie am Passieren. Doch die zwei wollen gar nicht über einen Fluss, sondern an eine Patientenakte. Und der Troll (grandios: Linus Buck) ist kein Märchenwesen, sondern Krankenpfleger in der Psychiatrie. Verschaukelt fühlen sich Franz (Clemens Schick) und David (Peter Weiss) auf jeden Fall. Hunderte von Kilometer sind sie durch Deutschland gefahren, immer auf der Suche nach Maria (Anne Schäfer). Wo kann sie sein? Wieso ist ihr Handy ausgeschaltet? Es ist zum Verrücktwerden.
Dabei hat alles so schön begonnen: Franz arbeitet hinter dem Tresen der Mannheimer Bar „Cindy liebt mich nicht“, als plötzlich Maria vor ihm steht. Eine attraktive Endzwanzigerin mit braunen Locken, von Beruf Krankenschwester. Sie fragt ihn, ob er eine Freundin suche. Schnitt zu David: auch ein alkoholgeschwängerter Abend, eine Party, die sich vor allem auf dem Balkon seiner Altbauwohnung in der Oststadt abspielt. Maria und David kommen ins Gespräch. „Kann ich mich hier irgendwo hinlegen?“, fragt sie ihn schon ziemlich angetrunken.
Mit der Option auf mehr
Die zwei jungen Männer sind die Hauptpersonen in Hannah Schweiers Langfilmdebüt, das auf einem Roman von 2005 basiert. Sie könnten nicht verschiedener sein: Franz sieht aus wie Vincent Gallo, trägt Tattoos, Goldkette und Lederjacke. Er hat keine Ahnung, wie sich sein Leben in drei Tagen abspielen wird. In seiner unverputzten Wohnung stehen keine Möbel. David arbeitet als Rechtsreferendar bei der Staatsanwaltschaft. Die Haare streberhaft gekämmt, grauer Anzug und gestreifte Krawatte. Nur noch wenige Monate bis zum Zweiten Staatsexamen, dann wartet eine lukrative Stelle.
Trotz aller Unterschiede eint sie die Beziehung zur selben Frau und später die verzweifelte Suche nach ihr, die sie bis nach Philadelphia und nach Dänemark führt. Doch zunächst ahnen sie nichts voneinander. Monatelang führt Maria mit beiden so etwas wie eine Affäre, jeweils mit der Option auf mehr. Aber weder Franz noch David wissen, ob sie überhaupt mehr möchten. Schweier porträtiert zwei Männer, die sich längst selbstverliebt in ihrem jeweiligen Leben eingerichtet haben.
Vieles bleibt unausgesprochen
„Wenn die Wärme des einen nicht ausreicht, muss der andere nachlegen, so als gäb's eine Temperatur zwischen beiden zu halten“, stellt Maria fest. Bislang war immer sie es, die nachgelegt hat. Sie wäre gern jemand anderes. Auf keinen Fall allein. Doch Franz möchte nicht, dass sie bei ihm einzieht, ihm geht das zu schnell. Und David packt immer seinen Rucksack, wenn er ihre Wohnung verlässt. Keiner der beiden sagt Maria, dass er sie liebt. Niemand bemerkt ihre Bipolare Störung, ihre manische Depression. Im Hintergrund singt Daliah Lavi ihr Lied: „Willst Du mit mir geh'n / Wenn mein Weg ins Dunkel führt.“
Schweiers beeindruckender Film kratzt am Credo der modernen Unverbindlichkeit: immer alle Möglichkeiten offenhalten. Morgen könnte ich ja jemanden treffen, der mir noch besser gefällt. So lebt jeder in seiner kleinen Blase vor sich hin, immer auf der Suche nach der großen Liebe. Oder dem, was er sich darunter vorstellt. Der jungen Regisseurin, die auch das Drehbuch schrieb, ist ein melancholischer Blick auf die Welt der Menschen um die Dreißig gelungen. Ein gegenwartsnaher Film aus Deutschland, in dem erfrischenderweise weder das Internet noch Berlin eine Rolle spielen. Poetische Bilder, lebensnahe Dialoge und großartige Schauspieler genügen dieser ungewöhnlichen Liebesgeschichte.