05.03.2009 · Lächerlich und teuer dazu: Die blamable Leipziger „Tagung zur Realisierbarkeit eines deutschen Hochschulfernsehens“ setzt neue Maßstäbe hinsichtlich der Entwissenschaftlichung der Medienwissenschaften. Ein Notruf.
Von Oliver JungenAuf welchen Hund ist eigentlich die Medienwissenschaft gekommen? Es ist ein weißer Terrier, jener treudoof in den Trichter blickende Nipper, aus dem „His Master's Voice“ schallt. Seminare, in denen Filmhandlungen nacherzählt werden, gehören noch zu den anspruchsvolleren Veranstaltungen. Kaum Verständnis gibt es dafür, dass Medienwissenschaft im medialen Zeitalter zu zwei Dritteln Soziologie sein muss. Die Theorie wird oft mit einem Blitzbesuch bei den intellektuellen Großvätern abgehakt: Walter Benjamin, Vilém Flusser, Marshall McLuhan, jeweils drei Seiten. Überhand nimmt dagegen die Praxis: Was ist und wie stelle ich ein Feature her? Ja, man schämt sich nicht einmal dafür, blinde Diener des Systems auszubilden. Wie konnte - von einigen Ausnahmen abgesehen - die Distanz zum Gegenstand, die Grundlage jeder Wissenschaftlichkeit, so restlos wegbrechen?
Jetzt stellte das Leipziger Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft einen neuen Weltrekord im medienwissenschaftlichen Blamieren auf, und zwar mit einem Eklat von einer Konferenz, die den einzigen Zweck hatte, dem offenbar größenwahnsinnig gewordenen Organisator eine schier unglaubliche Idee auszureden. Rüdiger Steinmetz nämlich hat sich verrannt in die Vision eines Hochschulfernsehsenders - kein YouTube-Gedöns also, sondern ein auf allen technisch möglichen Wegen ausstrahlender Großsender mit Vollprogramm, Redaktionen, Gremien etc. - und möchte dazu die ARD noch einmal gründen, allerdings verbessert, eine „Mischung aus ARD und McDonald's“: „Jedes regionale Hochschulfernseh-Studio bleibt der Produzent und Rechteinhaber seines Programms und ist zugleich Franchise-Nehmer der Marke ,Deutsches Hochschulfernsehen.'“ Zahlen sollen das bitte die Universitäten.
Der Blödsinn hat System
Steinmetz, seit 1992 Inhaber des Lehrstuhls für Medienwissenschaft und Medienkultur an der Universität Leipzig, kann sich (einzig) auf eine im Auftrag der Münchener Tellux Film GmbH erstellte „Enquete“- Studie stützen, die viele seiner Argumente vorwegnimmt, was kein Wunder ist, hat Steinmetz sie doch selbst verfasst: „Aus der heterogenen, dispersen Zahl existierender Hochschulfernsehprogramme muss eine Marke entwickelt werden, unter der die besten Angebote vereint werden, zum Beispiel Uni TV-D. Diese deutsche Marke sollte dann nach und nach auf europäischer Ebene - englischsprachig - vernetzt und dadurch erweitert werden: Uni TV-UK, Uni TV-F, Uni TV-SP, Uni TV-Pol, Uni TV-H etc.“ Der Blödsinn hat System.
Was immer eine heterogene, disperse Zahl sein soll, sie liegt in Deutschland im kleinen zweistelligen Bereich: Viele dieser Vertreter der verschiedenen Campus-TV-Stationen waren nun in Leipzig erschienen, um jüngste Produktionen vorzuführen: unbeholfene Minireportagen über Mensaküchen oder Turnhallenwiedereröffnungen. Es sind eben Anfänger, die sich hier üben, was keineswegs verwerflich ist. Im Schnitt entstehen pro Sender etwa zehn Minuten Programm im Monat, natürlich längst im Internet abrufbar. Die Macher selbst wiesen darauf hin, dass Qualität und Relevanz für ein überregionales Publikum nur selten ausreichten. Einen Inhalt hätte der neue Sender also nicht, weder qualitativ noch quantitativ.
Gewaltige Kosten
Es blieb nur die Flucht nach vorn: dann eben die Übertragung von Vorlesungen. Ein entsprechendes Projekt, das allerdings den Nachteil hat, bereits seit zehn Jahren zu existieren, stellte Andreas Metz vom „Institut für Rundfunktechnik“ vor. Ein Quotenrenner ist diese auf BR alpha gesendete Reihe mit 1,2 Prozent Marktanteil und einem Altersdurchschnitt von fünfzig Jahren allerdings nicht, wie der zuständige Redakteur, Eckhard Huber, freimütig eingestand. Zudem bieten viele Universitäten längst Video-Downloads an.
Steinmetz aber wollte so leicht nicht aufgeben und zog seine Tagung nach Plan durch, was dazu führte, dass ein Vortrag nach dem anderen wie ein Vorschlaghammer auf den Düpierten niederging. Rechtlich seien die vielen Probleme durch Gründung eines Vereins mit angeschlossener Stiftung vielleicht lösbar, sagte der Jurist Alexander Freys, prognostizierte aber gewaltige Kosten im Bereich des Urheberrechts. Ein weiterer Jurist sekundierte mit der Bemerkung, ein Uni-Fernsehkanal kollidiere mit der in Artikel 5 geforderten Staatsfreiheit des Rundfunks. Hohe Kosten würde zudem die Technik verursachen, selbst wenn das universitätseigene „Deutsche Forschungsnetz“ Bandbreiten zu Verfügung stellen sollte. Teuer wäre natürlich auch die „(möglichst in Leipzig) neu einzurichtende Programmdirektion“.
Lächerlich
Mit der Andeutung, ein deutschlandweiter Bildungssender stehe kurz vor der Gründung, hatte Steinmetz auch Heinrich Wanz, Innovationsmanager der an digitalen Spartenkanälen (IP-TV) immer interessierten Telekom, auf den schicken Mediencampus der Villa Ida gelockt. Der aber gab konsterniert den Ball zurück: Es müsse hier wohl erst einmal geklärt werden, was man eigentlich für wen in welchem Medium senden wolle und wer das produziere. Man mache sich als Medienwissenschaftler doch wirklich lächerlich, so Wanz später im Gespräch, wenn man heute, wo alles in Richtung Fernsehen auf Abruf deute, einen linearen Sender etablieren möchte. Ob denn die Telekom - mal angenommen, es käme ein solches Programm zustande - dafür etwas zahlen würde? Wanz, amüsiert: „Natürlich nicht.“
Um die Blamage komplett zu machen, entglitt die Schlussdiskussion zum Tribunal: Steinmetz' wirtschaftlich, organisatorisch, juristisch, vor allem aber inhaltlich inzwischen völlig zerfetztes Projekt wurde von den Teilnehmern stillschweigend beerdigt und stattdessen die schlichte Programmierung einer (weiteren) Website nach YouTube-Muster beschlossen, auf der in Zukunft die Beiträge aller Campus-Sender zusammenlaufen sollen. Natürlich wollte zunächst niemand diese Arbeit übernehmen, und so blieb sie - eine gerechte Strafe - am Gastgeber hängen.
Unzufriedenheit, die in die Waden beißt
Nicht aber die intellektuelle Unbeholfenheit, sondern die Vermessenheit, sich über die Universität einen eigenen massenmedialen Komplex aufbauen zu wollen, ist der eigentliche Skandal: Vom Analytiker zum Praktiker führt der Weg nur über wissenschaftlichen Hochverrat. Wäre ein Mediziner tragbar, dem es einzig darum geht, einen neuen Menschen zu erschaffen? Ein Kriminologe, der das perfekte Verbrechen plant? Warum die Tagung so viel Interesse auf sich zog, liegt wohl vor allem an einer tiefen Unzufriedenheit mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Nicht zu leugnen ist ja, dass die Hochschule, dass überhaupt das Wissen einen viel zu geringen Stellenwert im heutigen Fernsehprogramm besitzt. Als nun einer der Weimarer „Studio Bauhaus“-Vertreter - die Einzigen übrigens, die mit hochwertigen Produktionen angereist waren - auch noch den naheliegenden Vorschlag machte, man solle also lieber an die Sender herantreten und Profis für Hochschuldokumentationen begeistern, platzte Steinmetz heraus: „Fassen Sie sich bitte kurz.“
Und doch war spätestens jetzt allen Teilnehmern klar, dass man sich auf einem Sondierungstreffen zur Prüfung der Realisierbarkeit der Erfindung des Rads befindet, zu dem alle Teilnehmer mit dem Wagen angereist sind. Vielleicht war es ja nötig, sich in Leipzig dermaßen die Finger zu verbrennen, um endlich zu den hehren Aufgaben einer Medienwissenschaft zurückzukehren: der kritischen Erforschung der Selbststeuerung der Gesellschaft durch Massenmedien und mithin des Einzelnen durch die Masse. Da mag man noch einmal zu einer gelungenen Marke aufblicken: Der im EMI-Logo verewigte Nipper trug seinen Namen, weil er Passanten gern in die Waden biss. Als Wadenbeißer hat diese Wissenschaft noch viel zu tun.