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Historienfilm Als liefen sie tatsächlich um ihr Leben

13.05.2011 ·  In Litauen dreht das ZDF einen Film über den Zweiten Weltkrieg, den das Fernsehen so noch nicht sah. „Unsere Mütter, unsere Väter“ handelt von fünf jungen Leuten im Jahr 1941. Der Dreiteiler soll die Dimensionen des Historienfilms sprengen.

Von Michael Hanfeld, Vilnius
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Gegen Mitternacht, freies Feld, eine halbe Autostunde von Vilnius entfernt. Ein Knall, ein Feuerball, dreißig Meter hoch, Druck und Hitze sind noch auf hundert Meter Entfernung zu spüren. Applaus, die Szene ist im Kasten. Mehrere Dutzend frierende Gestalten haben auf diesen Augenblick gewartet. Denn jetzt endlich ist Drehschluss und es geht zurück in die Unterkunft, nur die Pyrotechniker haben noch zu tun. Sie müssen löschen, was zuvor genau nach Plan in die Luft geflogen ist. Die Komparsen laufen auf dem Feldweg in die Nacht.

Sie sehen aus wie Hitlers geschlagene Armee an der Ostfront. Und um diese geht es in dem Film „Unsere Mütter, unsere Väter“, den das ZDF dieser Tage in Litauen dreht. Er handelt von fünf jungen Leuten in den Jahren 1941 bis 1945. Von den beiden Brüdern Wilhelm und Friedhelm, die in den Krieg müssen, von Charlotte, der Krankenschwester, die direkt hinter der Front im Lazarett arbeitet, von Greta, der Sängerin, und von Ludwig, dem jungen jüdischen Schneider, der bald ins Konzentrationslager verschleppt wird. Fünf Lebenswege, die gemeinsam beginnen, auseinanderführen und sich wieder kreuzen, fünf junge Menschen, die zur Opfer- oder Tätergeneration des NS-Regimes zählen, einer Generation, von der wir scheinbar alles wissen, die uns das Fernsehen mannigfaltig gezeigt hat, vor allem in Dokumentationen, seltener in fiktionalen Filmen und - was die deutschen Sender angeht - wohl noch nie wie in diesem Fall: ganz nah und subjektiv erzählt aus der Perspektive junger Menschen. Wie war das, im Frühjahr 1941 in Berlin jung zu sein?

Axel Cortis Film „Welcome in Vienna“ als Urerlebnis

Stefan Kolditz war diese Frage aufgegeben, sechs Jahre lang hat er an dem Drehbuch gearbeitet. Aufgeworfen hat sie der Produzent Nico Hofmann, der bei „Unsere Mütter, unsere Väter“ an seine eigene Mutter und an seinen eigenen Vater denkt, an seine Mutter, die mit der NS-Ideologie aufwuchs, an seinen Vater, der als Zwanzigjähriger in Russland war. Die Erfahrungen aus dieser Zeit, sagt Hofmann, hätten seine Familie geprägt. Der privateste und vielleicht auch sein präzisester Film werde dies, Erlebnisgeschichte, ein Generationenporträt. Der Film „Welcome in Vienna“, den Axel Corti 1985 nach einem autobiographischen Drehbuch des Schriftstellers und Journalisten Georg Stefan Troller drehte, kommt ihm als „Urerlebnis“ in den Sinn, beispielhaft für eine historische Erzählung, die ihre Kraft aus der subjektiven Wahrhaftigkeit des Erzählers bezieht. „Sehr ehrlich, nicht pathetisch, nicht verkitscht“, lebend von der Ambivalenz der Figuren, das stellt sich Hofmann vor.

Schaut man auf das Drehbuch von Stefan Kolditz und das, was der junge Regisseur Philipp Kadelbach daraus macht, dürfte die Zuschauer so etwas wie das deutsche Pendant der amerikanischen Serie „Band of Brothers“ erwarten, im Härtegrad der Bildgebung von Steven Spielbergs „Saving Private Ryan“ entsprechend. Schonungslos treibt der sympathische Regisseur seine ebenfalls junge Crew durch vierundachtzig Drehtage. Bei Vilnius haben die Location Scouts ein altes Fabrikgelände gefunden, so groß wie ein Straßenzug, das die Filmemacher aus Deutschland nach allen Regeln der Filmkunst in Schutt und Asche legen können. Es sieht dort aus, als habe eine echte Schlacht stattgefunden.

Die Amerikaner haben Heldengeschichten in petto

Dies wird ein zwar vielleicht privater, aber kein kleiner Film, es wird eine Trilogie von dreimal neunzig Minuten, die 13,8 Millionen Euro kostet und zweitausend Komparsen aufbietet. Knapp vier Millionen Euro haben die Produzenten bei verschiedenen Filmförderungen eingeworben, mit fast zehn Millionen Euro ist das ZDF dabei. Der Programmdirektor Thomas Bellut - der im nächsten Jahr wahrscheinlich Intendant wird - hat „Unsere Mütter, unsere Väter“ zu seiner Sache gemacht. Spiritus Rector im Sender aber ist Heike Hempel, die Chefin der „Hauptredaktion Unterhaltung-Wort“, wie es im Senderorganigramm-Jargon heißt.

Sie sagt klipp und klar: „Wir wollen ähnlich fulminant vom Zweiten Weltkrieg erzählen wie die Amerikaner.“ Anhand von fünf Figuren, die in epischer Breite vorgestellt und in einen umfassenden historischen Rahmen gestellt werden. Dabei ist sich Heike Hempel der Gratwanderung bewusst: Die Amerikaner haben Heldengeschichten in petto, bei den Deutschen geht es um die Generation der Täter, um junge Menschen, die das NS-Regime trugen oder ihm zum Opfer fielen. Da geht es „um Verdichtung und historische Wahrheit“, um zwei von fünf Figuren, die an Hitler glauben, aber schnell eines Besseren belehrt werden, um zwei weitere, die sich zuerst durchlavieren, und um einen, den der Vernichtungswillen der Ideologie von vornherein trifft. „Wenn der Film gelingt“, sagt Heike Hempel, „hat er etwas Zeitloses. Er ist gelungen, wenn er generationsübergreifend begriffen wird, wenn wir die letzten lebenden Kriegsteilnehmer ebenso erreichen wie ihre Enkel.“ Trauerarbeit, sagt der Produzent Hofmann, Generationsverständigung, eine Debatte wie bei dem Film „Dresden“: „Es wäre schön, wenn das noch einmal möglich wäre.“

Kompromisse sind seine Sache nicht

Die Schauspieler, die den Zweiten Weltkrieg wieder aufrufen, entstammen der Enkel-, wenn nicht der Urenkelgeneration. Volker Bruch und Tom Schilling spielen die Brüder Wilhelm und Friedhelm, die an die Front müssen, Miriam Stein ist Charlotte, die zunächst vor Ideologie glühende Krankenschwester, Katharina Schüttler spielt die Sängerin Greta, die gern wie die große Garbo wäre, und Ludwig Trepte sehen wir als den jungen Juden Viktor, von dem man schon zu Beginn der Geschichte nicht annehmen darf, dass er überlebt.

Der Regisseur Philipp Kadelbach ist als Mittdreißiger wenig älter als die Hauptdarsteller. Mit der „Hindenburg“ bei RTL hat er schon bewiesen, dass er ein Händchen für groß inszeniertes Fernsehen hat. Nun aber steht er vor einer inhaltlich noch größeren Aufgabe. Deshalb will er zwar „schonungslos“ sein, aber jeden Eindruck der Inszenierung vermeiden und „zeigen, wie es war“. Nichts ist schwieriger, das weiß auch der Drehbuchautor Stefan Kolditz, der erst einmal ein Jahr lang gelesen und wie ein Besessener noch scheinbar unwichtige Details recherchiert hat, bevor er sich selbst ans Schreiben begab. Nichts Statuarisches hat sein Text, er schaut auf die „Generation, die das Rückgrat des Regimes“ gewesen ist, und er schaut, was aus ihr wurde. Als Autor von „Dresden“ hat Kolditz den Druck schon kennengelernt, der auf dem historischen Fernsehfilm lastet. Kompromisse sind seine Sache nicht, gern und ganz zu Recht regt er sich auch heute noch darüber auf, dass die britische Hauptrolle in „Dresden“ deutsch synchronisiert wurde.

„Die bloße Emotion bewirkt so wenig wie das bloße Wissen“

Wer Kadelbach zusieht und wer Kolditz zuhört, mag sich an die Worte erinnern, die Joachim Fest, der Hitler-Biograph und verstorbene Herausgeber dieser Zeitung, 1979 in seinem „Nachwort“ auf die damals im deutschen Fernsehen gezeigte amerikanische Serie „Holocaust“ schrieb: „Die bloße Emotion bewirkt sowenig wie das bloße Wissen. Erst aus der Verbindung beider kann jene gefestigte Einsicht kommen, die unseren geschichtlich begründeten Pessimismus verringern würde.“

Die jungen Schauspieler und Komparsen, die in dieser Nacht auf einem Feld in Litauen in den Schützengraben springen, der bald darauf in die Luft fliegt, verkürzen sich das Warten, bis die Szene eingerichtet ist, mit einer Partie Fußball: die mit Uniformjacken gegen die ohne. Zwei zu zwei ist es ausgegangen. Danach fehlt einem die Munitionstasche, ein anderer braucht mehr Patronen. Erst als die Tasche gefunden ist, treten sie vor die Kamera von David Slama und spielen dann so, als liefen sie tatsächlich um ihr Leben.

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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