18.08.2011 · Die Brüder Fosco und Donatello Dubini, beide preisgekrönte Dokumentarfilmer, begaben sich auf die Suche nach der Vergangenheit ihrer Familie. „Die große Erbschaft“ erzählt im WDR von einer Schatzsuche in der Geschichte.
Von Stefan SchulzWenn die Begriffe Haus und Familie synonym verwendet werden, geht es um Erinnerungen an eine nicht allzu weit, aber doch zurückliegende Zeit. In der modernen, mobilen Gesellschaft, sind Häuser kaum mehr der archimedische Punkt, an sich dem das Leben von Familien generationenübergreifend festmacht. Wenn es sie jedoch noch gibt, sind diese Häuser wie Schatzkammern, in denen es eine einzigartige Familiengeschichte zu entdecken gilt. Wer sich auf die Suche begibt, wird fündig.
Die Brüder Fosco und Donatello Dubini, beide preisgekrönte Dokumentarfilmer, begaben sich 2010 auf die Suche nach der Vergangenheit ihrer Familie. Ihre Erinnerungen beginnen mit dem Blick auf ein Haus in einem Bergdorf im Schweizer Kanton Tessin, das sie durch einen Brand schwer zerstört vorfinden. Noch steht es, es kann begangen werden, doch in ihm gelebt wird nicht mehr. Es beschließt das Leben einer Familie, die es vier Generationen bewohnte.
Als ob es ums Scheitern ginge
Der Brand überführte es in einen skurrilen Zustand. Er überdeckte alle Räume mit einer dünnen Ascheschicht, die jedem Gegenstand einen, genau seinen Platz zuweist. Entfernt man ein Stück, hinterlässt es eine sichtbare Lücke. Es ist spannend mitzugehen, wenn die Söhne vom Vater durch das Haus geführt werden. Der Vater, Jahrgang 1920, zeigt ihnen, wie die zerstörte Treppe noch zu benutzen ist. Oben waren die Brüder, die selbst in Zürich aufwuchsen, lange nicht. Gelebt wurde hinter dem Eingang rechts, in der Küche, dort steht der Tisch und dort wurde geheizt.
Nun gehen sie nach oben, in das Zimmer der Großmutter, das nach deren Tod vor vierzig Jahren verschlossen und seitdem nicht geöffnet wurde. Sie beginnen zu suchen. Ihre Erinnerungen sind so blass, dass sie gar nicht wissen, wonach. Fosco Dubini sucht, Donatello Dubini filmt ihn dabei - und der eine vermutet, der andere wolle nur dokumentieren, wie die Suche scheitert. Als ob es bei diesem Gang durchs Haus ums Scheitern ginge. Vielleicht doch. Sie erinnern sich, dass sie als Jungen glaubten, die Großmutter habe einen Schatz versteckt. So bekommt ihre Suche ein erstes konkretes Ziel. Sie kehren zurück, ausgestattet mit einem Metalldetektor, lassen ihn über die Wände und den Rasen gleiten, finden den Schatz aber nicht. Sie lassen sich ablenken und überraschen und finden dabei alles andere.
Alles im und um das Haus wird geschichtsträchtig
Der Film erzählt nicht, sondern lässt erzählen. Er überspannt die Zeit, in der der Großvater im Ersten Weltkrieg war und der Vater im Zweiten. Die Zeitgeschichte, die heute als druckfähiges Panorama in die Lehrbücher abgewandert ist, wird über die Verknüpfung mit der Familienerzählung lebendig. Sie ist so nah, dass Vater und Sohn buchstäblich hingehen können. Im Garten finden sie nicht nur einen zugeschütteten Teich, sondern auch einen alten Schützenbunker. Alles im und um das Haus wird geschichtsträchtig: die ungetragenen Kleider der Mutter, das Dekor der Großmutter, der durch die Hitze des Brandes verformte Kronleuchter. Alles weckt Erinnerungen und wirft Fragen auf.
Das Haus hatte einen guten Platz. Es stand mitten im Dorf. Die Metzgerei und Bäckerei machten es zur ersten Adresse, auch für die Gäste. Im Zweiten Weltkrieg diente es als Versorgungsstätte für die Soldaten, ein einträgliches Geschäft. Und doch schottete das Haus die Familie auch ab, die nach ihrer Einwanderung aus Italien nie richtig im Dorf angekommen war. Am Ende des Films steht das Haus nicht mehr. Der Brand war die Zäsur, der Abriss die Folge. Die Erinnerung an die Familie Dubini ist in einen Film abgewandert, der einen Bogen spannt vom Leben des Einzelnen bis zur Weltgeschichte. Der WDR zeigt „Die große Erbschaft“ als Erinnerung an Donatello Dubini, der im März dieses Jahres verstarb.