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Helmut Qualtinger Sein eigener Freund war er nur selten

Ein Anarchist in allen Dingen: Der österreichische Schauspieler und Kabarettist Helmut Qualtinger war ein Titan seines Faches. Sein Freund André Heller hat ihm zum fünfundzwanzigsten Todestag ein Filmporträt gewidmet.

© ORF Vergrößern Das kann nur in den sechziger Jahren sein: Helmut Qualtinger mit dem jungen André Heller in einer Wiener Laube

André Heller hat recht: Helmut Qualtinger hätte restlos überzeugend nicht nur einen ungarischen Emigranten, einen Chinesen auf Reisen oder einen giftigen österreichischen Richter spielen können, sondern eben auch ein kleines Mädchen. Das weiß man spätestens, wenn ihn ein Filmausschnitt als die einst in Österreich vergötterte Schauspielerin Annie Rosar zeigt, die er in den sechziger Jahren im Wiener Kabarett imitierte. Imitierte? Nein, viel mehr noch - auf ihren Wesenskern konzentrierte und wiedergab.

Es habe viele Schauspieler gegeben, sagt ein Kollege, die Qualtinger ebenbürtig gewesen seien, und fügt hinzu: „Aber als Kabarettist war er genial, unübertrefflich.“ Am Ende dieses Porträts fragt man sich, ob das Urteil nicht zu kurz greift: Helmut Qualtinger als lüsterner erzkatholischer Metzgergeselle in Horvaths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ ist von einer derart beklemmenden Präsenz, dass einen vor Bewunderung schaudert. Und was heißt es schon zu wissen, dass der „Herr Karl“, seine wahrhaft geniale Erfindung, als unsterbliche Kabarettfigur gilt? In ihr kam alles zum Vorschein, was Österreich an sich selbst hasste und leugnete.

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„Sie war halt a bissl spinnert“

Aus den Archiven geholt, in weitem Abstand zu den aktuellen Ereignissen, auf die sich diese Kunstfigur bezieht, steht sie vor einem als furchtbarer und furchterregender zeitloser Spießer, der einem den Spiegel vorhält, Mitleidstränen in die Augen treibt und Angst macht, weil er in seiner Gemeinheit, aber auch Hilflosigkeit so gar nichts mehr mit der Bühne, aber alles mit dem Leben zu tun haben scheint. Vielleicht wusste nicht einmal ihr Erfinder zu unterscheiden, was an diesem Monster Kunstfigur und was er selbst war.

Qualtinger-Heller-hoch © ORF Vergrößern Starb vor fünfundzwanzig Jahren: Helmut Qualtinger mit seinem künstlerischen Ziehsohn André Heller

Zu verdenken wäre es dem Schauspieler und Autor nicht nach einer Kindheit mit einem bis ins Mark überzeugten Nazivater, der von ihm nur als „mein Sohn, der Trottel“, sprach, und einer Mutter, die sich aus der Wirklichkeit in Traumwelten flüchtete, aus denen sie nur selten zurückfand. „Sie war halt a bissl spinnert“, kommentiert Qualtingers Sohn, der seinerseits von seinem Vater unbewusst distanziert als „dem Helmut Qualtinger“ spricht und davon, dass er, am Krankenbett des Vaters, von dem knapp dem Tod Entronnenen als Erstes den Satz hörte: „Wann gehts du denn endlich?“

Sein tödlicher Alkoholismus

Furchtbare Auseinandersetzungen Qualtingers mit der Mutter seines Sohnes, seiner ersten Frau, die im Nachhinein sagt, sie hätte ihn nie heiraten sollen, behalte ihn aber als den besten Geliebten im Gedächtnis. Qualtingers zweite Frau, die den Siebenundfünfzigjährigen zu Grabe trug, erklärt, das Leben nach seinem Tod sei für sie schwer, ja kaum erträglich, ein Kollege lässt sich lang und breit über die besondere sexuelle Ausstrahlung dicker Männer wie Qualtinger aus, den er als erotisch für so anziehend erklärt wie Hemingway oder Orson Welles, dem er tatsächlich verblüffend ähnlich sah. Andere versuchen Qualtingers am Ende tödlichen Alkoholismus wegzureden oder zu beschönigen.

Indiskret wirkt Hellers Porträt in solchen Momenten. Doch dann taucht Helmut Qualtingers Gesicht auf, spuckt er als Kabarettist, Schauspieler oder Sänger mal Gift und Galle, lässt mal zwerchfellerschütternde Kalauer los, ist in einer Sekunde ölig und kriecherisch, in der nächsten militant, der übernächsten melancholisch - und gewinnt dabei eine unantastbare Würde. Ein Anarchist in allen Dingen, hat er Freunde wie Kollegen gequält oder bloßgestellt, wenn es ihn überkam.

Quasi, ein Genie

Einmal ruft er mit verstellter Stimme einen Komiker an und offeriert ihm eine große Rolle. Der Getäuschte ist sofort einverstanden, sich deswegen eine Glatze scheren zu lassen, und erkennt die Täuschung erst, als Qualtinger ihm eine „rollengerechte Kastration“ nahelegt. „Der Mann hat ein Jahr lang nicht mit mir gesprochen.“ So endet er die Anekdote. Dabei schaut er so erstaunt wie sein Herr Karl, wenn der sich von der Welt unverstanden fühlt.

Der abwesende Blick, den er dabei zeigt, ist der, mit dem er als Metzgergeselle sein „Man ist und bleibt eben allein“ vor sich hin sagt. Qualtinger war vielleicht zeitlebens allein. Das ist eine Botschaft dieser Hommage, an deren Ende sich die gesammelte Elite der Dichter, Schauspieler und Kabarettisten Österreichs vor diesem 1986 gestorbenen Genie verbeugt hat. André Heller hat sie mit dem Überschwang desjenigen zusammengestellt, der zu Beginn erklärt, Qualtinger sei ihm der beste „verlässliche Freund“ gewesen, aber „selten sein eigener“ - gleichsam zwischen den Zeilen huldigt er dem Porträtierten auch als Vorbild und Gegenvater. Das ist bewegend.

André Hellers „Qualtinger“ läuft am heutigen Donnerstag um 20.45 Uhr bei ZDFkultur und am Samstag, 1. Oktober, um 21.50 Uhr bei 3sat.

Quelle: F.A.Z.

 
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