21.04.2009 · Das „Friedensangebot“ von Marcel Reich-Ranicki lehnt die streitbare Elke Heidenreich in der Talkshow von Reinhold Beckmann ab und spricht von „Verrat“. Für den Regisseur Christoph Schlingensief besteht seit seiner Krebserkrankung derweil „eine ganz neue Zeit“.
Von Michael HanfeldElke Heidenreich will nicht mit sich verhandeln lassen, zumindest nicht in diesem Fall: Das Friedensangebot, das ihr Marcel Reich-Ranicki vor zwei Wochen in der Sendung von Reinhold Beckmann in der ARD gemacht hat, schlägt sie aus. Auf demselben Kanal, in derselben Sendung sagte sie am Montagabend, sie habe mit Reich-Ranicki endgültig gebrochen. „Es ist einfach ein Kapitel zu Ende. Dass er mir in den Rücken gefallen ist, fand ich nicht gut. Ich bin bleibend böse - ja“, sagte sie bei Beckmann.
Und sie fand weitere harte Worte, die an ihre Abrechnung erinnern, die sie nach der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises im vergangenen Herbst in der Frankfurter Allgemeine Zeitung publiziert hatte (Elke Heidenreich: Reich-Ranickis gerechter Zorn). Galt ihr Furor damals den Umständen, unter denen Marcel Reich-Ranicki bei der Gala des Preises empfangen wurde - den er bekanntlich nicht annahm - und der Verfasstheit des deutschen Fernsehens, insbesondere des ZDF-Programms, lässt sie nun nicht ab von Reich-Ranicki. Der langjährige Leiter der Literaturredaktion der F.A.Z. habe „einfach kein Talent zur Freundschaft“. Doch glaubt sie dafür auch einen Grund zu kennen: Nach dem, was er alles erlebt habe „in seinem Leben ist es wohl schwer, Menschen zu vertrauen und nah an sich ranzulassen. Ich glaube, das kann er nicht.“
„Ein Verrat zu viel“
Nahe an Reich-Ranicki aber glaubte sich die Psychologin Elke Heidenreich bis zu dem Eklat beim Deutschen Fernsehpreis und dem von ihr daran aufgehängten Streit mit dem ZDF, der schließlich dazu führte, dass sie den Auftrag für ihre Sendung „Lesen!“ verlor (ZDF trennt sich von Elke Heidenreich). Denn schließlich wähnte sich Elke Heidenreich mit ihrer Philippika unverkennbar als Ehrenretterin Reich-Ranickis. Der wiederum sich anschließend ihre Umarmung verbat und insbesondere seinen neuen Freund Thomas Gottschalk - der die Fernsehpreisgala moderiert hatte - gegen Heidenreichs Kritik in Schutz nahm. Die Düpierte trat nun bei Beckmann noch einmal nach. Früher habe sie Reich-Ranicki geschätzt“ und „Respekt vor seinem Lebenswerk“ gehabt, künftig wolle sie „mit ihm nichts mehr zu tun haben“. Gekränkt“ sei sie nicht mehr, doch sei dies „ein Verrat zu viel“ gewesen: „Zum Beispiel das blöde Gerücht, ich sei beleidigt gewesen, weil ich die Laudatio nicht hätte halten dürfen.“
Dabei hatte Elke Heidenreich, wenn wir uns richtig erinnern, durchaus angedeutet, dass sie eine würdigere Laudatio auf Reich-Ranicki hätte halten können als Kollege Gottschalk. Dieser Geschichte nun mit etwas Abstand ein versöhnliches Ende zu geben - diese Chance hat die Kritikerin, die sich nach ihrem Rauswurf beim ZDF im Internet verdingt, augenscheinlich gezielt verpasst. Gepasst jedoch hätte die Verbrüderung wahrscheinlich Reinhold Beckmann, in dessen sehr gelungener Sendung vor zwei Wochen Reich-Ranicki sein Friedensangebot unterbreitet hatte. „Ich bin jederzeit zur Versöhnung bereit“, hatte der Literaturkritiker gesagt (Reich-Ranicki bei Beckmann: Kostbare Fernsehminuten).
Doch war dieser Streit - zu dem Reinhold Beckmann die sehr, sehr berechtigte Frage stellte, ob er denn das Niveau gehabt habe, das sowohl Heidenreich als auch Reich-Ranicki dem Fernsehen absprechen - in dieser Sendung nur ein Randaspekt. Denn es ging um Wichtigeres, um die letzten Dinge sogar, von denen der Regisseur Christoph Schlingensief schon immer handeln wollte, seit seiner Krebserkrankung aber mit einer ganz anderen Deutlichkeit und Klarheit über sie spricht. Sträuße mit anderen ficht er, der ebenfalls bei Beckmann zu Gast war, so schnell nicht mehr aus, es muss sich schon lohnen. „Manches Geschwätz ist einfach nicht mehr interessant“, sagt Schlingensief, der nun mit einigem Abstand auf den Kulturbetrieb schaut, in dem er über Jahre hinweg den Zampano gegeben hat. So auch in Bayreuth, wo Schlingensief, wie er sagte, „eine kleine faschistische Armee“ am Werke sieht, die auf eine Werktreue in Sachen Richard Wagner achtet, die künstlerisch keinen Sinn ergibt.
„Ohne sie wäre ich da nicht durchgekommen“
Um die Sinnsuche aber geht es Schlingensief und darum, dass auch andere und nicht nur er selbst etwas davon haben. Im Januar 2008 war bei ihm Krebs diagnostiziert worden, ein Lungenflügel musste ihm entfernt werden. Von den Folgen schreibt Schlingensief in dem Tagebuch über seine Krebserkrankung, das an diesem Montag unter dem Titel „So schön wie hier kann‘s im Himmel gar nicht sein! Tagebuch einer Krebserkrankung“ erschienen ist. „Ich gieße eine soziale Plastik aus meiner Krankheit. Und ich arbeite am erweiterten Krankenbegriff“, heißt es darin. Er habe einen neuen Lebensrhythmus, bekannte Schlingensief bei Beckmann. „Es existiert eine ganz eigene Zeit. Es ist ein Vorteil der Krankheit, dass ich manchmal einfach sagen kann: Ich gehe jetzt nach Hause, ich bin müde“, sagte Schlingensief, der in seinem Schaffen vor seiner Erkrankung von nichts und niemandem zu bremsen war. Jetzt könne er für sich das Recht in Anspruch nehmen, die Zeit an- und innezuhalten. Kraft habe ihm vor allem seine Verlobte gegeben, die er demnächst heiraten wolle: „Ohne sie wäre ich da nicht so durchgekommen.“
Beim Thema Krankheit, Alter und Tod trafen sich Elke Heidenreich und Christoph Schlingensief, die Kritikerin und der Regisseur fanden darüber zueinander - Heidenreich verlor schon in jungen Jahren einen Lungenflügel und kämpfte später gegen den Krebs. Wie die beiden darüber bei Beckmann sprachen, das machte denn auch den Gewinn dieser Sendung aus, nicht Heidenreichs Spekulation, Reich-Ranicki habe über den Fernsehpreis-Streit ja vielleicht nur seine Sendung im ZDF zurückgewinnen und damit an ihre Stelle treten wollen. Wie wenig derlei Eitelkeitstopfschlagen bringt, davon handelte Elke Heidenreich dann gleich - ohne die Brüche selbst zu bemerken - im nächsten Satz, sie ist in der Tat eine „Emphatikerin“ durch und durch, die erst jetzt erkennt, dass die Tonlage ihrer Intervention vom vergangenen Herbst falsch war. Doch wähnt sie sich in der Sache immer noch auf der richtigen Seite und hätte tatsächlich erwartet, dass sich der Intendant des ZDF, Markus Schächter, nach ihrer Suada bei ihr gemeldet hätte.
Der tote Sohn reist mit dem Vater um die Welt
Vanitas, Vanitas das Ganze. Das mochte man erst recht denken, als Reinhold Beckmann seinen dritten und letzten Gast in die Runde bat - den Palästinenser Ismael Khatib. Sein zwölfjähriger Sohn Ahmed wurde von israelischen Soldaten erschossen. Die Organe seines toten Jungen gab dieser Mann zur Spende frei, auf dass sieben Kinder dadurch überleben - sieben Kinder, die Palästinenser oder Israelis und christlichen, jüdischen oder islamischen Glaubens sein können. Hauptsache, sie leben und geben - vielleicht - ein Beispiel für eine friedlich vereinte Gesellschaft. Sein Sohn, sagte Ismael Khatib, lebe in ihm, er reise mit ihm um die ganze Welt.