23.03.2010 · Einen Monat lang hat das Land über Hartz IV diskutiert. Am Ende gab es kein Ergebnis, aber jede Menge politischen Journalismus - und nächste Woche kommt schon ein neues Thema. Eine Betriebsbesichtigung der Hauptstadtstudios.
Von Marcus JauerDiese Woche sind Guido Westerwelle und Hartz IV verschwunden. Vier Wochen lang ging es um nichts anderes als die beiden, bevor es um Missbrauch in der katholische Kirche ging, und nächste Woche geht es womöglich um Kundus und Karl-Theodor zu Guttenberg, bevor wieder etwas anderes kommt. Es wird immer neue Themen geben. Nur die Art, wie an sie herangegangen wird, die bleibt.
Es ist elf Minuten nach sieben. „Guten Morgen, Herr Sonne“, sagt die Regie, „Sie haben drei dreißig.“ Im Hauptstadtstudio der ARD geht das rote Licht an. Ein grauer Morgen, die Spree, der Bundestag und der Tresen, hinter dem Werner Sonne mit einem Politiker steht. Das ist die Einstellung, die der Zuschauer kennt, wenn ihm morgens etwas von der Politik aus Berlin erzählt wird. Abgesehen von dem Podest vielleicht, das heute dazu dient, Andrea Nahles etwas größer zu machen.
Die Themen der Woche sind die Steuersünder-CD, die die Bundesregierung kaufen will. Die Schweiz, die darüber nicht erfreut ist, und Guido Westerwelle, der eine Debatte über „Hartz IV“ angezettelt hat, worüber wiederum Sigmar Gabriel nicht erfreut war. Allerdings nehmen weder die Regierung noch die Schweiz, Westerwelle oder Gabriel dazu Stellung, sondern Nahles, die als Generalsekretärin einer Partei, die das nicht mehr zu entscheiden hat, erklärt, dass sie den Kauf der CD unterstütze. Was sie zu Westerwelle sagt, geht unter. Noch ist die CD wichtiger.
Als das Interview fertig ist, sitzen die Frühdienste der Agenturen daran, eine Nachricht darin zu finden, wird es in der Frühausgabe der „tagesschau“ gesendet, schaffen es Sätze in eine der mehr als dreißig Radiowellen der ARD. Die politische Meldungskette des Tages beginnt bei Werner Sonne, was ihn so sichtbar freut. „Viel näher an der Politik als wir kann man kaum sein“, sagt er, um sich aber anschließend gleich auch um Distanz zu bemühen. „Wir sind aber nicht die O-Ton-Abspielstation des Berliner Betriebs.“
Wie geht es Werner Sonnes Zahn?
Werner Sonne arbeitet seit gut zehn Jahren in Berlin. Er war Korrespondent für „tagesschau“ und „tagesthemen“ und erklärte vor dem Kanzleramt stehend die Politik, bis er auf einmal ins Morgenmagazin kam. Für einen Moment sah es so aus, als könne er nun nicht mehr so nah dran sein, aber dann bestand er darauf, weiterhin auf Auslandsreisen der Kanzlerin mitzukommen, obwohl er gar keinen Beitrag mehr darüber machen musste. Außerdem erfand er die Reihe „Berliner Frühstück“, in der er Politiker im Café Einstein befragt. An diesem Morgen wird das Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner sein.
Das Café Einstein ist als Treffpunkt vor allem unter jenen Berliner Politikern und Journalisten bekannt, die sich dort regelmäßig treffen. Es liegt drei Minuten zu Fuß vom Studio entfernt, aber da Werner Sonne jemand ist, der es eilig hat, nimmt er das Auto, obwohl das nicht schneller geht. Dafür beendet er das Gespräch, für das er insgesamt acht Minuten Zeit hat, elf Sekunden zu früh, was ihn ärgert. So eilig hatte er es dann doch nicht. „Today is the first day of my life“ steht über dem Schreibtisch des Büros, von dem aus Werner Sonne seinen steten Kampf gegen die Zeit organisiert. Aber der Satz hat ihn nicht ruhiger gemacht, im Gegenteil.
Als er ins Büro zurückkehrt, sagt die Sekretärin, dass sie das Interview toll fand, meldet sich einer aus dem Büro von Cem Özdemir, um zu fragen, wann es einen Termin für ein „Berliner Frühstück“ gebe, ruft eine Sprecherin des Kanzleramts an, um das Interview mit Ronald Pofalla zu bestätigen, und erkundigt sich, wie es dem Zahn von Werner Sonne geht, der zuletzt geschmerzt hatte. Danach schaut er nach, ob sein Interview bereits über die Agenturen läuft, während eine Redakteurin vorschlägt, heute Guido Westerwelle anzufragen für ein Interview über Hartz IV.
Journalisten emsig wie Billardkugeln
Politiker und Journalisten mögen in ihrem Berliner Betrieb an verschiedenen Werkstücken arbeiten, die einen machen Politik, die anderen Journalismus, sie sitzen aber an derselben Werkbank. Die einen nehmen auf, was die anderen abgeben, und umgekehrt. Dieser Widerspruch aus voneinander unabhängig und aufeinander angewiesen sein ist unlösbar, weshalb sich beide Seiten offenbar darauf geeinigt haben, dass keiner fragt, ob etwas berichtet wird, weil es geschieht, oder nur etwas geschieht, weil es berichtet wird.
Es ist halb zehn Uhr morgens, als sich ein Team des Vierfachsenders ProSiebenSat.1KabeleinsN24 vor der Zentrale der FDP aufbaut. Am Wochenende hatte Westerwelle in der „Sozialstaatsdebatte“ gefordert, Hartz-IV-Empfänger zum Schneeschippen einzusetzen. Das Titelbild des „Spiegel“ zeigt ihn, wie er, grün vor Wut, um sich schlägt, und obwohl die Journalisten allein beim Wort Schneeschippen die Augen verdrehen, werden sie alle Politiker, die gleich an ihnen vorbei zur Präsidiumssitzung gehen, danach fragen. Genauso, wie das die Kollegen tun, die in diesem Moment vor den Zentralen von CDU, SPD, Grünen und Linken stehen. „Das sind die Lunger-Runden“, sagt einer, „man steht einfach da und wartet.“
Als Rainer Brüderle, der jetzt ja Wirtschaftsminister ist, vor den Kameras das Schneeschippen verteidigt, kullert ihm das Wort „Reichsarbeitsdienst“ aus dem Mund. Er geht ihm zwar darum, das eine vom anderen zu unterscheiden, den Journalisten aber geht es um Worte, nicht um Bedeutung, und nun haben sie „Hartz IV“ und „Reichsarbeitsdienst“ in einem Satz. Danach läuft Dirk Niebel vorbei, der, als er Generalsekretär war, wohl gefragt worden wäre, aber er ist ja jetzt Entwicklungshilfeminister. Guido Westerwelle ist da schon im Haus, über die Tiefgarage. „Er will wohl nicht noch eine Schippe drauflegen“, sagt einer der Journalisten.
Im Berliner Betrieb gibt es jeden Tag Sitzungen, Reden, Konferenzen, Termine, zu denen Teams unterwegs sind wie das von ProSiebenSat.1KabeleinsN24. Jede Frage wird vom Thema bestimmt, über das alle reden und das sich entwickelt, indem eine Aussage die nächste auslöst. In ihrer Emsigkeit wirken Journalisten darin wie Billardkugeln, die, von der Politik gegen die Bande geschossen, im vorauszuberechnenden Winkel abprallen. Nur die Unübersichtlichkeit der Meute führt ab und an zu Handlungen, die sich als unabhängig deuten lassen, aber Willkür sein können.
Schon beim Hinsetzen wird Westerwelle beobachtet
Wenn die FDP eingetreten ist, dürfen die Journalisten in den Raum, in dem sich das Präsidium trifft. Seit die Partei regiert, stehen nun Sicherheitskräfte neben dem Tisch, vor dem sich die Kameraleute aufbauen, um Bilder von Witzelei und Handschlag zu drehen, unter die später Text gelegt wird. Die Redakteure kommen meist nicht mit. Dabei erschließt sich das seltsame Auftreten der Partei am besten, wenn man einmal in die unverhohlene Genugtuung auf den Gesichtern geschaut hat, nach elf Jahren in der Opposition allein beim Hinsetzen wieder von einem halben Dutzend Kameras beobachtet zu werden. „So“, sagt Westerwelle, als er die Meute verabschiedet, „schön wars mit Ihnen.“
Nach der Sitzung gibt es eine Pressekonferenz, auf der der Generalsekretär zur „Sozialstaatsdebatte“ befragt wird. Doch da ist das Team von ProSiebenSat.1Kabeleins N24 nicht dabei, weil es auf der Straße versucht, die letzten Schneereste und Rainer Brüderle in ein Bild zu bekommen. Das Bild läuft später am Potsdamer Platz ein, wo die Nachrichten des Vierfachsenders zurechtgeschnitten werden. Der Schneerest könnte nun nacheinander auf Kabel eins auftauchen, in Sat.1, auf ProSieben und dazwischen auf N24. Wenn der Schneerest ein Politiker ist, schafft er es mit einem einzigen Interview auf vier Sender. Billiger sind Nachrichten für ihn kaum zu haben und für die Sender auch nicht. Aber das war ja die Idee, als die Gruppe, die sich nach Führungs-, Standort- und Eigentümerwechseln nun im Besitz zweier Kapitalbeteiligungsgesellschaften befindet, ihre Redaktionen zusammenlegte.
„Wir haben mit den Synergien, die durch die Senderfusion im Nachrichtenbereich entstanden sind, sehr gute Erfahrungen gemacht“, sagt Peter Limbourg. Er ist Chefredakteur von N24, von dem aus er auch die anderen Sender bestückt, was ihn allein der Menge nach zum wichtigsten politischen Journalisten im Privatfernsehen machen würde, wenn er denn auch die Gelegenheit hätte, die freigesparten Redakteure an Recherchen zu setzen, die andere nicht machen, aber diese Redakteure hat er nicht, nicht mehr. „Bei uns laufen alle Themen, die am Tag wichtig sind“, sagt er. „Was passiert, wird abgedeckt. Manchmal ist da eher holzschnittartiges Arbeiten angesagt.“
Journalisten treffen Politiker treffen Lobbyisten
Trotz der Synergie ist die Sendergruppe mit mehr als drei Milliarden Euro verschuldet und muss sparen, weshalb Peter Limbourg an diesem Abend zur Rede des Vorstandsvorsitzenden seiner Senderfamilie gehen will. Vielleicht äußert der sich zur Zukunft der Nachrichten, die Limbourg für „unverzichtbar“ hält. Wie sich herausstellt, findet das der Vorstandsvorsitzende auch. Er will dafür aber nur noch ein Drittel des bisherigen Budgets ausgeben. Ein Drittel. „Man müsse ja nicht immer unbedingt ein bewegtes Bild zeigen“, wird er später zitiert. „Ein Foto reicht doch auch.“
Im „Spiegel“ mit dem wütenden Westerwelle stand auch das Interview mit Nikolaus Brender, dem scheidenden Chefredakteur des ZDF. Der Verwaltungsrat hatte seinen Vertrag nicht verlängert, die Union, die im Rat die Mehrheit stellt, hatte das journalistisch begründet, aber politisch gemeint, zumindest sahen das viele Journalisten so. Brender sagt, es sei die „parteipolitische Methodik“, die die Öffentlich-Rechtlichen „zu okkupieren“ drohe, „das Denken in Mehrheits- und Minderheitsmustern, in Freund-Feind-Schemata. Fraktionszwang. Intransparentes Hinterzimmergeklüngel“. Das ist schon doppelt deprimierend. Die Privaten haben kein Geld, die Öffentlich-Rechtlichen keine Freiheit. So war der duale Rundfunk eigentlich nicht gedacht.
Es ist Mittag im Café Einstein. Journalisten treffen Politiker treffen Lobbyisten treffen Journalisten. Womöglich findet sich etwas, das nun beredet wird, später als Nachricht im Fernsehen wieder, aber das wird nicht zu erkennen sein. Die Mechanik dieser Dinge bleibt verborgen. Bis sich einer einmal die Zeit nimmt, sie offenzulegen. „Ich bin in Berlin“, hatte Stephan Lamby gesagt, „treffen wir uns im Einstein.“
Stephan Lamby ist Dokumentarfilmer. Er hat den besten Film über die Finanzkrise gedreht, der im Fernsehen zu sehen war. Als er im Januar vergangenen Jahres den Auftrag vom NDR bekam, war die Krise vier Monate alt, es bis zur Ausstrahlung noch sieben Monate hin, eigentlich schien schon alles gesagt. Als er dann ins Archiv ging, fand er Nachrichten, Sondersendungen, Talkshows, aber nichts, das geleistet hätte, was ihm vorschwebte. „Es ging mir nicht darum, Anekdoten aneinanderzureihen“, sagt er, „ich wollte die DNA der Krise entschlüsseln.“
„Fernsehen kann das Kleine groß machen. Das ist seine Stärke“
Die Krise ist ein gutes Beispiel für Themen, in denen Journalismus so dringend benötigt wird, wie er gleichzeitig an seine Grenzen kommt. Wie beim Bevölkerungs- oder Klimawandel zeigen sich die Folgen der Krise erst in der Zukunft. Sie sind mit der Gegenwartsversessenheit des Fernsehens nicht abzubilden. Gleichzeitig aber wird die Zukunft durch das bestimmt, was in der Gegenwart getan wird. Wenn die Zuschauer also verstehen, was jetzt geschieht, weil es ihnen einer gut erklärt, könnten sie Verantwortung übernehmen für das, was geschehen soll. Für alle anderen ist die Zukunft irgendwann einfach nur da.
Als Angela Merkel und Peer Steinbrück am 5. Oktober 2008, ein Sonntag, eilig die Kameras ins Kanzleramt riefen, um zu verkünden, dass die Bundesregierung für die Einlagen der deutschen Sparer geradesteht, war das so ein Tag. Wer begreifen wollte, dass das Geld nun sicher ist, hätte erst einmal wissen müssen, dass es das zuvor nicht war, was ihm aber keiner gesagt hatte, damit er nicht in Panik gerät und es dann wirklich nicht mehr sicher gewesen wäre. So passte die Nachricht zu nichts, das sich an der Oberfläche der Dinge beobachten ließ. Dennoch wurde sie verfilmt, vermeldet, versendet, danach verschwand sie wieder. Der Mechanik, die sie hervorgebracht hatte, ging kaum einer nach.
Stephan Lamby zeigt in dem Film „Retter in Not“, wie es zu diesem Tag kam und was sich aus ihm ergab. Er erzählt es in einer Montage aus Gesprächen mit den Politikern Angela Merkel, Peer Steinbrück, Karl-Theodor zu Guttenberg, dem Banker Josef Ackermann, dem Bundesbanker Axel Weber, dem Bankenaufseher Jochen Sanio. Die Bewegung des Films entsteht aus dem Beschreiben dessen, was die Kräfte der Krise sind, nicht sichtbar, doch wirksam. Man sieht, wie Leute, die sonst Stärke ausstrahlen, diesen Kräften ausgeliefert sind, und man versteht, dass sie die Krise nicht gelöst, nur in die Zukunft verschoben haben, eine Atempause, erkauft mit Schulden, auf Kosten der ganzen Gesellschaft. „Fernsehen kann das Kleine groß machen. Das ist seine Stärke“, sagt Stephan Lamby. „Es kann sich aber auch darauf beschränken, das Große groß zu machen.“
Es schrumpft alles auf das zusammen, was den Bürger direkt betrifft
Letzteres nennt er „Webcam-Journalismus“, der für ihn mit CNN und Peter Arnett im Golf-Krieg einsetzt. Es ist die Idee, die Welt sei so klein geworden, dass Journalisten überall dabei sein können, wenn Geschichte passiert. Da genügt es, eine Kamera aufzustellen und abzufilmen, was passiert. Geschichte wird übertragen, erklären muss sie sich von selbst. Auf diese Art wird nun auch die „Sozialstaatsdebatte“ abgebildet. Statement wird von Statement beantwortet. Es gibt nur keinen mehr, der fragt. „Damit entzieht man sich der intellektuellen Herausforderung, zu erzählen“, sagt Stephan Lamby. „Ich sehe mich als Geschichte-Erzähler im Live-Zeitalter.“
Als „Retter in Not“ lief, hatte er so viele Zuschauer wie die Dokusoap „Erwachsen auf Probe“, in der man Jugendlichen Babys gibt, damit sie testen können, wie es ist, Eltern zu sein. Nur waren die einen Zuschauer in der ARD, und die anderen auf RTL. Peter Kloeppel ist Anchorman von RTL. Er macht das seit achtzehn Jahren, was bedeutet, dass ein Teil der werberelevanten Zielgruppe, das sind die Zuschauer zwischen vierzehn und neunundvierzig Jahren, ihre Nachrichten nicht anders kennt als mit ihm. Jener Teil ist seit Jahren übrigens größer als bei der „tagesschau“ oder bei „heute“, was sich Peter Kloeppel, der auch Chefredakteur von RTL ist, mit dem Ansatz „news to use“ erklärt. „Was haben die Autos, die ins Kanzleramt fahren, mit dem Leben unserer Zuschauer zu tun?“, fragt er seine Redaktion.
In der Frage steckt ein Bild, und die Fähigkeit, Fragen in Bilder zu verwandeln, ist ein Erfolg der Sendung. Es steckt darin aber auch ein Blick, und unter diesem betrachtet, schnurrt Politik schnell auf das zusammen, was sie dem Bürger bringt. Nachrichten hängen dann mit Geld zusammen, Kindergeld, Kurzarbeitergeld, Krankenkassenbeiträge, Energiepreise. Immer wird etwas als Zulage gewährt oder als Abgabe abgenommen, sieht man einmal von Neuerungen in der Straßenverkehrsordnung ab. „Unsere Perspektive muss sich da irgendwo zwischen Adler und Ameise bewegen“, sagt Peter Kloeppel.
„Alle reden über Westerwelle - wir haben ihn“
Natürlich haben sie in der Krise jemanden nach Island geschickt, um zu zeigen, was dort passiert, und in der „Sozialstaatsdebatte“ haben sie über die Mittelschicht berichtet, die für andere jene Zuwendungen bezahlen muss, von denen sie fürchtet, sie selbst einmal in Anspruch nehmen zu müssen. Aber letztlich ist der Schwerpunkt auf dem Gebrauchswert, und Kloeppel findet das richtig. Wenn man ihn fragt, was an Politik darüber hinaus interessant sein könnte, muss er lächeln.
Vor der Bundestagswahl hatte er Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier in einer Sendung, kein Duell, jeder einzeln. Sie wurden wie in einer Bürgersprechstunde vom Publikum befragt, das sonst ja kaum dazu kommt, weil immer die Journalisten dazwischenstehen. Mehr Gebrauchswert war nicht zu haben. Aber Merkel erzählte, dass sie gut Rouladen kochen könne, und Steinmeier, dass er sein Haar grau töne, weil sonst das Schwarz durchkomme. Die Einschaltquote für Merkel lag bei anderthalb Millionen und war ein Flop. Die Quote für Steinmeier lag um die Hälfte drunter.
Unterdessen unterhält sich das Land nun die dritte Woche mit der „Sozialstaatsdebatte“. Sie war bei „Beckmann“, „Anne Will“, „Menschen bei Maischberger“, „Markus Lanz“, „Kerner“ und „Hart aber fair“. All diese Runden jedoch fanden ohne Guido Westerwelle statt, der früh bei „Maybrit Illner“ zugesagt hatte. Aber dann war erst einmal Olympia, und nun sieht es so aus, als würde das Thema gerade von den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche abgelöst. Das muss aber jetzt egal sein. „Alle reden über Westerwelle“, sagt Maybrit Illner, „wir haben ihn.“
Sie sitzt in der Konferenz, die den Ablauf der Sendung bespricht. Zu Beginn ist ein Einzelgespräch mit Westerwelle geplant, was es zuvor nur für Stoiber, Müntefering und Steinbrück gab. Dann geht es in die Runde, in der neben Westerwelle eine Journalistin, ein ehemaliger Sozialpolitiker und der Präsident der Berliner Handwerkskammer sitzen, der hundert Gebäudereiniger sucht und nicht finden kann, obwohl er Mindestlohn zahlt. Außerdem wartet im Publikum ein Hartz-IV-Empfänger, der lieber Stütze bezieht, als für sehr wenig Geld zu arbeiten, wobei im Moment unklar ist, ob er sich traut, das laut zu sagen, wie die Redakteurin weiß, die ihn betreut. Er würde gern jemanden mitbringen. „Er soll mitbringen, mit wem er sich wohl fühlt“, sagt Maybrit Illner.
Längst sitzt der sogenannte normale Mensch in der Runde
Und während die Redaktion darüber berät, wer in der Sendung mit welchem Argument kommen könnte und wie darauf zu antworten ist, mit einem Einspielfilm, einem Zitat aus dem Archiv, einem anderen Gast, damit klar wird, ob dieses Argument zum Kern führt oder nur eine Ausflucht ist, beginnt man sich irgendwie auf die Sendung zu freuen. Eigentlich ist die Talkshow ein schönes Instrument, Politik ins Fernsehen zu bringen. Sie ist offen und streng. Jeder muss sich stellen, keiner kann flüchten, aber alle haben eine redliche Chance. Wenn es funktioniert, lassen sich große Themen damit verhandeln. „Im Grunde ähnlich wie früher der Besinnungsaufsatz in der Schule“, sagt Wolfgang Klein, „er kreist ein, wo wir als Gesellschaft bei einem Thema stehen.“
Wolfgang Klein ist seit vier Jahren Redaktionsleiter von „Maybrit Illner“, davor war er das acht Jahre für „Christiansen“, und seit zehn Jahren erlebt er, wie in den Sendungen immer wieder über soziale Gerechtigkeit diskutiert wird. Es ist das Thema, das die Zuschauer am stärksten interessiert und das, bei dem sie am leichtesten zu beteiligen sind. „Hart aber fair“ hat daraus das Motto „Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft“ erfunden, aber längst sitzt der sogenannte normale Mensch überall in der Runde, im Publikum oder auf einem Betroffenensofa. Von da aus bringt er sein Schicksal gegen Politiker in Stellung, die es jahrelang gewohnt waren, nur miteinander zu sprechen. Anfangs sah das nach einer guten Idee aus, inzwischen wirken Politiker dankbar für jeden Einzelfall, dem sie sich widmen können, weil sie dann nicht mehr über die Struktur befragt werden, die ihn hervorbringt, diesen wie Tausende andere. „Wir versuchen weder in die Abstraktions- noch in die Beispielfalle zu laufen“, sagt Klein, der das Problem kennt.
Zwei Tage darauf läuft die Sendung. Es ist nicht so, dass sie schlecht wäre, im Gegenteil, sie ist so gut, wie zu erwarten war. Nur der Hartz-IV-Empfänger hat sich letztlich nicht getraut, dafür ist jemand anderes da. Jeder hat die Chance, zu sagen, was er will, und trotzdem, die eigentliche wird vertan. Hinter allem Reden über den Sozialstaat geht es doch um Punkte, an denen die Gesellschaft in den Angeln hängt. Da sind diejenigen, die geben, und diejenigen, die bekommen, doch welche berechtigten Ansprüche sie aneinander haben dürfen, darüber ist nicht gesprochen worden. Darüber hätte man sprechen können. Aber da ist die Sendung vorbei, Maybrit Illner wünscht viel Freude beim Vermehren der gewonnenen Einsichten, und der Präsident der Handwerkskammer ist im Internet zum Chat und versucht seine Arbeitsplätze loszuwerden. So geht der Tag zu Ende. Jeder hat seine Arbeit gemacht. Aber was war eigentlich die Aufgabe?