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Harrison Ford im Gespräch Warum gehen Sie nicht gerne ins Kino?

03.07.2010 ·  Entwaffnend ehrlich präsentiert sich Harrison Ford im F.A.Z.-Interview beim Filmfestival von Deauville. Der Hollywood-Haudegen spricht leise, lässt gelegentlich einen trockenen Humor aufblitzen - und redet offenbar lieber übers Fliegen als übers Filmen.

Von Marco Schmidt
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Mister Ford, in Ihren Filmen haben Sie immer wieder aufrechte Polizisten verkörpert. Glauben Sie, dass Sie selbst auch ein guter Cop wären?

Ich denke, das Rennen, Springen und Schießen wäre nichts für mich. Aber vielleicht gäbe ich einen guten Ermittlungsbeamten ab. Einen, der sich so richtig in seine Fälle verbeißt.

Macht es Ihnen nichts aus, Blut und Leichen zu sehen?

Nein. Davon konnte ich mich bei meinen Vorbereitungen auf diverse Polizeifilme überzeugen.

Macht es Ihnen auch nichts aus, Befehle zu befolgen?

Mag sein, dass mir das bisweilen schwerfiele. Doch im Prinzip bin ich jemand, der zumindest offiziell keine Schwierigkeiten macht. Von Fall zu Fall würde ich versuchen, die Dinge, mit denen ich nicht einverstanden bin, unauffällig zu umgehen. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass mir der Job tatsächlich liegen würde. Ein Ermittler muss sich ja auch in andere Leute hineinversetzen und von ihren Handlungen auf ihre Motive schließen – ganz ähnlich wie ein Schauspieler: Das Einfühlungsvermögen macht meiner Meinung nach die zentrale Qualität eines Darstellers aus. Wer nicht gern bestimmte Verhaltensweisen studiert und sich nicht für das Gefühlsleben seiner Mitmenschen interessiert, der hat in diesem Beruf nichts verloren.

Kann man denn als berühmter Filmstar überhaupt noch Verhaltensstudien betreiben? Wie können Sie ungestört Leute beobachten?

Natürlich ist das schwierig, wenn man selbst ständig erkannt und angestarrt wird. Aber ich habe da im Laufe der Zeit meine eigene Technik entwickelt. So beobachte ich Sie etwa in diesem Moment auch sehr genau und überlege, was gerade in Ihrem Kopf vorgeht.

Ich frage mich, ob es stimmt, was Dustin Hoffman einst sagte: dass der Ruhm jeden Menschen zwangsläufig korrumpieren würde. Haben Sie auch diese Erfahrung gemacht?

Vor allem verschafft einem der Ruhm gewisse Freiheiten, nicht nur in finanzieller Hinsicht. Er öffnet Türen: Mein Erfolg mit „Krieg der Sterne“ und „Indiana Jones“ hat mir beispielsweise erst ermöglicht, Filme wie „Der einzige Zeuge“ oder „Mosquito Coast“ zu drehen. Ich will jedoch nicht leugnen, dass der Ruhm auch seine Schattenseiten hat.

Wie sehen die aus?

Ich denke vor allem an den Verlust der Privatsphäre. Es ist pervers: Einerseits braucht man als Schauspieler die öffentliche Aufmerksamkeit, um weiter arbeiten und seinen Lebensstandard halten zu können; andererseits stellt man aber fest, dass dieses ständige Unter-Beobachtung-Stehen extrem ungesund ist. Man versucht also, seinen Beruf so öffentlich wie möglich zu machen und sein Privatleben so geheim wie möglich zu halten. Das gelingt mir ganz gut – schließlich bin ich mittlerweile Schnee von gestern.

Na, na, jetzt kokettieren Sie aber.

Nun ja, zumindest bin ich nicht mehr in Mode. Doch ich habe es sowieso stets vermieden, en vogue zu sein. Denn dann wird man ja schnell wieder abgelegt, sobald etwas Neues in Mode kommt. Mein Ziel ist es hingegen, mich nützlich zu machen, wie ein alter Schuh, in dem man bequem laufen kann. Und ich habe mir immer Rückzugsmöglichkeiten geschaffen. Wenn ich heute allein sein will, setze ich mich einfach ans Steuer eines Flugzeugs. Über den Wolken habe ich meine Ruhe.

Was fasziniert Sie so an der Fliegerei?

Zunächst ging es mir um den Lerneffekt: Ich wollte genau wissen, wie Flugzeuge funktionieren; es hat mich gereizt, all die anspruchsvollen Fähigkeiten zu entwickeln, die man als Pilot braucht. Zudem gibt es dir ein wunderbares Gefühl von Freiheit, wenn du Herr über ein eigenes Flugzeug bist. Und schließlich spornt mich die große Verantwortung als Pilot an. Ich bin kein Draufgänger: Ich will meine Familie stets sicher ans Ziel bringen.

Ist es wahr, dass Sie 2003 den Oscar für Roman Polanski höchstpersönlich in Ihrer Cessna über den Atlantik geflogen haben?

Ja. Ich habe das sehr genossen, denn ich dachte mir: So nahe werde ich dem Oscar in meinem Leben nie wieder kommen!

Stimmt es auch, dass Sie inzwischen ein halbes Dutzend Privatflugzeuge besitzen?

Ja. Darum bin ich ja so dankbar dafür, dass mich die Leute immer noch auf der Leinwand sehen wollen: Mit meinen Gagen kann ich meine Flotte finanzieren. Wenn ich keine Rollen mehr bekäme, müsste ich wieder als ganz normaler Passagier durch die Gegend gondeln.

Sind Sie ein unruhiger Fluggast?

Nein. An Bord einer Maschine bin ich grundsätzlich nicht nervös. Indes gebe ich gerne zu, dass ich es bevorzuge, selbst am Steuer zu sitzen.

Pflegen Sie noch andere teure Hobbys?

Nein, abgesehen von der Fliegerei lebe ich sehr sparsam. Ich habe mir zum Beispiel noch nie einen Anzug gekauft, stattdessen trage ich einfach immer die Klamotten aus meinen Filmen.

Das heißt, Sie haben nicht noch ein halbes Dutzend Autos in Ihrer Garage stehen?

Nein, Autos haben mich nie besonders angetörnt. In den vergangenen Jahren habe ich mir allerdings eine kleine Sammlung von Motorrädern zugelegt. Diese Leidenschaft habe ich erst mit knapp fünfzig entdeckt. Als Jugendlicher traute ich mich nie so recht auf Motorräder. Doch seit einiger Zeit gehe ich mit ein paar befreundeten Piloten sonntags mit Vergnügen auf Biker-Tour. In Lederkluft und mit Helm erkennt mich kein Mensch. Einfach herrlich!

Sie wirken erstaunlich fit für einen Mittsechziger. Wie halten Sie sich in Form?

Eigentlich treibe ich kaum Sport; ich spiele nur regelmäßig Tennis und versuche, dreimal pro Woche zu trainieren. Ich ernähre mich auch nicht sonderlich bewusst. Dass ich mich noch so gut fühle, habe ich wohl meinen Genen zu verdanken: Meine Mutter wurde 89 Jahre alt, mein Vater sogar 92.

Arbeiten Sie manchmal noch in Ihrem alten Beruf als Tischler?

Nein, leider nicht. Ich habe zwar noch meine Werkstatt, aber ich bin seit Jahren nicht mehr dazu gekommen. Und mit dem Schreinern ist es wie mit dem Geigen: Man muss in Übung bleiben, sonst verliert man seine handwerklichen Fähigkeiten. Ich habe in den sechziger Jahren ja nur mit der Tischlerei begonnen, weil ich partout keine vernünftigen Angebote als Darsteller bekam. Nun habe ich mich eben ganz auf mein anderes Handwerk verlegt: die Schauspielerei.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Filmprojekte aus?

Meistens entscheide ich strategisch: Wo stehe ich gerade in meinem Leben? Kann ich die Rolle bewältigen? Hat das Projekt die Zutaten für einen erfolgreichen Film? Seitdem ich zu einer Art Marke geworden bin, muss ich zudem darauf achten, dass ich dieser Marke treu bleibe. Denn die Menschen mögen es bekanntlich nicht, wenn ihre Lieblingsprodukte plötzlich anders schmecken oder sich anders anfühlen.

Inwieweit hat sich das Filmgeschäft seit Ihren Anfängen gewandelt?

Hollywood hat auf die Veränderung des Zuschauergeschmacks reagiert. Sehen Sie, die Filmindustrie ist ein Dienstleistungsbetrieb, ganz ähnlich wie ein Restaurant: Serviert wird das, was die Leute angeblich wollen. Und im Vergleich zu früher hat sich das Kinopublikum erheblich verjüngt, eine von Videospielen und Spezialeffekten geprägte Generation ist herangewachsen. Darum ist heutzutage eher emotionales Fast Food gefragt: Teeniekomödien mit Fäkalhumor oder Thriller mit möglichst vielen Explosionen. Aber ich will die Entwicklung gar nicht pauschal verteufeln. Mit neuen Technologien kann man ja auch interessante Dinge anstellen, wie etwa Steven Spielberg in „Minority Report“ bewiesen hat.

Was schauen Sie sich am liebsten im Kino an?

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich so gut wie nie ins Kino gehe. Ich drehe zwar gern Filme, aber irgendwie habe ich mir nie angewöhnt, regelmäßig Filme zu gucken. In meinem Alter mag man auch einfach nicht mehr so oft aus dem Haus. An mein letztes Kinoerlebnis kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern. Peinlich, ich weiß.

Sehen Sie Filme lieber daheim auf DVD?

Nein, das mag ich noch weniger. Das mache ich wirklich nur, wenn man mir die Zusammenarbeit mit einem Regisseur angeboten hat und ich mich informieren möchte, was der Kerl bisher so gedreht hat. Bei mir zu Hause liegt zwar ein Haufen DVDs herum, weil ich als Mitglied der Filmakademie automatisch alle Filme zugeschickt bekomme, die für den Oscar nominiert sind, doch ich beteilige mich, ganz ehrlich gesagt, nie an der Oscar-Abstimmung.

Wie reagieren Sie, wenn Sie beim Zappen durch die Fernsehprogramme plötzlich auf einen Ihrer eigenen Filme stoßen?

Das mag ich am allerwenigsten. Ich sehe diese Filme ja nicht wie ein normaler Zuschauer, sondern mit den kritischen Augen eines Profis, der am Entstehungsprozess beteiligt war. Jedes Mal, wenn ich mich am Bildschirm entdecke, denke ich: Was für ein mieser Schauspieler! Aber nachdem ich zu den Leuten gehöre, die aus ihren Fehlern lernen, hege ich die Hoffnung, dass ich heute nicht mehr so schlecht bin wie vor dreißig Jahren.

Was ist das Wichtigste, das Sie in den drei Jahrzehnten dazugelernt haben?

Wie man eine Geschichte mit etwas mehr Finesse erzählt, so dass man die zugrunde liegende Technik weniger sieht. In meinem Beruf ist es wie beim Eiskunstlauf: Anfangs schafft man es kaum, sich bei einem Kunststück auf den Beinen zu halten. Auch auf dem glatten Parkett des Filmgeschäfts landet man als Schauspieler immer wieder auf der Schnauze, ehe man langsam tanzen lernt. Besonders schwierig finde ich es, gegenüber dem Regisseur seine eigenen Vorstellungen und Wünsche zu artikulieren. Als Greenhorn bekommt man da oft zu hören: „Sorry, ich muss mich jetzt um den Hauptdarsteller kümmern. Sag du bloß einfach deinen Text und achte darauf, dass du den Stuhl nicht umstößt!“ Erst mit wachsender Erfahrung erarbeitet man sich ein gewisses Mitspracherecht, das mir sehr wichtig ist.

Haben Sie keinerlei Ambitionen, selbst einmal Regie zu führen?

Nein. Das ist mir zu zeitaufwendig, zu stressig und zu schlecht bezahlt.

Würde es Sie reizen, noch mal die Peitsche von Indiana Jones zu schwingen?

Warum nicht? Wenn es nicht wieder zwei Jahrzehnte bis zum neuen Film dauert, bin ich bereit! Es hängt alles von einem überzeugenden Drehbuch ab. George Lucas arbeitet gerade an der Story. Ich finde, das Ende des vierten Teils bietet fabelhafte Möglichkeiten für eine Weiterentwicklung von Indiana Jones, zum Beispiel durch das Auftauchen seines Sohns, von dem er bislang nichts wusste. Ich stelle es mir spannend vor, die Beziehung der beiden zu erforschen. Wenn es sein muss, auch gerne in 3D!

Zur Person

Harrison Ford wird am 13. Juli 1942 in Chicago geboren. Nach einem nicht abgeschlossenen Englisch- und Philosophie-Studium zieht er Mitte der sechziger Jahre nach Los Angeles, um Schauspieler zu werden. Dort schlägt er sich jahrelang als Schreiner durch, ehe er mit seinem Auftritt in George Lucas' „American Graffiti“ (1973) für Aufsehen sorgt. Die Rolle des Weltraumkapitäns Han Solo in „Krieg der Sterne“ macht ihn 1977 zum Weltstar.

1981 dreht er unter der Regie von Steven Spielberg den ersten von bislang vier „Indiana Jones“ Filmen. Seitdem gehört Harrison Ford zu den kommerziell erfolgreichsten Stars der Kinogeschichte. Neben Blockbustern wie „Blade Runner“ (1982), „Auf der Flucht“ (1993) und „Air Force One“ (1997) dreht er auch kleinere Filme wie „Mosquito Coast“ (1986), „Die Waffen der Frauen“ (1988) oder „Der einzige Zeuge“ (1985), für den er seine bislang einzige Oscar-Nominierung erhält.

Seit 15. Juni 2010 ist er in dritter Ehe mit der fünfundvierzigjährigen Schauspielerin Calista Flockhart verheiratet

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