Home
http://www.faz.net/-gsc-12wxk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Harald Schmidt im „Satire Gipfel“ Eine Verneigung vor sich selbst

19.06.2009 ·  Endlich wieder Aufmerksamkeit für Mathias Richlings „Satire Gipfel“: Gestern abend trat hier der gelernte Kabarettist Harald Schmidt auf. Von Lafontaine-Lobliedern, missglückten Merkel-Parodien und alten Witzen über alte Tanten.

Von Jörg Thomann
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Harald Schmidt ist, noch immer, ein Phänomen. Seit seinen Glanzzeiten bei Sat.1 weiß jeder, welch gewaltiges Potential er hat. Das ist so unbestritten, dass es Schmidt seitdem nicht mehr für nötig gehalten hat, dieses Potential auch auszuspielen.

Late Night, hat er jetzt gerade wieder in einem Interview mit der dpa gesagt, könne hierzulande keiner außer ihm, „vor allem intellektuell“, und das werde auch so bleiben. Dass er wieder eine tägliche Late-Night-Show präsentieren werde, meint Schmidt damit natürlich nicht, ganz im Gegenteil: Es wäre ihm, sagt er, viel zu anstrengend. Es reicht ihm heute zu wissen, dass er es könnte, wenn er nur wollte, und zwar besser als alle anderen.

Ein gewisses Problem ist allein, dass den Zuschauern das nicht reicht. Sie würden es schon gern mal wieder sehen, dieses Potential. „Ich bin in solchen Höhen, wo überhaupt kein Wind mehr weht“, sagt Schmidt: Er ist überzeugt, seit Jahren in seiner eigenen Liga zu spielen. Und muss sich daher nicht mühen, weil eh klar ist, wer Meister wird. Schmidts Publikum indes empfindet das pomadige Spiel des einzigen Finalisten im Harald-Schmidt-Gedächtniscup bisweilen als quälend. Und schaut doch immer wieder hin, weil es sich einen jener genialen Momente erhofft, die tatsächlich nicht jeder bieten kann. So steht auch heute noch jedes Schmidt-Gastspiel im deutschen Fernsehen zunächst einmal unter Ereignisverdacht, mithin auch sein gestriger Auftritt im „Satire Gipfel“ des ARD-Kollegen Mathias Richling.

Abgeklärte und Aufklärer

Vor der Sendung hat Schmidt noch einmal bekräftigt, sich stets als Kabarettist verstanden zu haben; gleichwohl durfte man gespannt sein, wie sich seine abgeklärte Haltung mit der aufklärerischen Attitüde des Richling-Kabaretts vertrüge. Nachdem Richlings erster „Satire Gipfel“ wegen des Zoffs mit Dieter Hildebrandt höchste mediale Aufmerksamkeit erfahren hatte (Die Premiere des „Satire Gipfels“ im Ersten) und der zweite und dritte nahezu unbemerkt versendet worden waren, rückte die vierte Sendung dank des prominenten Gastes wieder ins Blickfeld. Der hatte dann auch einiges zu tun. Gleich nach dem mäßig inspirierten Anfangsmonolog Richlings („Die SPD ist bei der Europawahl in tausend Urnen beigesetzt worden“) trat Schmidt mit gepflegtem Bart als Dialogpartner hinzu und lästerte ein wenig über Talkshowmaster wie Kerner und Beckmann. Mit dem Kollegen Matthias Egersdörfer sinnierte er später über Schuldzuweisungen im Fall Kurras und die Versuchung, auch Hitler oder Judas der Stasi in die Schuhe zu schieben, was als Politsatire zu klamaukig und als Klamauk nicht lustig genug war. Hängen blieb aber der Schmidt-Satz „Ahnungslosigkeit ist die Objektivität der schlichteren Gemüter“: ein Geistesblitz, wie man ihn ersehnt hatte.

Hagen Rether, der gerade erst bei der ZDF-Konkurrenz „Neues aus der Anstalt“ zu Gast war, unterbot seinen missglückten Auftritt im ZDF nun mit einer Eloge auf Oskar Lafontaine („Der einzige Reiche, den ich kenne, der die Reichensteuer einführen will“), wie der es beim anstehenden Parteitag seiner Linken nicht erleben dürfte; immerhin wird nunmehr niemand dem „Satire Gipfel“ vorwerfen können, Hildebrandtsches „SPD-Kabarett“ zu machen. H.G. Butzko machte Anmerkungen zu Europa, die wir schleunigst wieder vergessen haben, und Egersdörfer lieferte einen kauzigen Abgesang auf unsere Kaufhäuser.

Alte Tanten

Dann endlich kam Schmidts Solo. Längst mehr Familien- als Fernsehmensch, nahm er sich das Thema Kinder und deren - vermeintliche - Betreuung vor. Er forderte die Prügelstrafe für Väter, die ihren Zweijährigen während des Essens einen Laptop mit DVD vorsetzten, und zürnte über Kitas als „Verwahranstalten, in denen häufig Burn-out-Tanten Ende fünfzig seit vierzig Jahren 'Die Reise nach Jerusalem' spielen“. Das war lebensnah, gekonnt und bissig - und eine Verneigung vor einem Künstler, den Harald Schmidt überaus schätzt: Harald Schmidt. Zu weiten Teilen nämlich entsprach der Monolog einer Kolumne, die Schmidt im Mai für den „Focus“ verfasst hatte. Die „Burn-out-Tanten“ waren noch ein ganzes Jahr älter: Sie entstammen der Laudatio, die Juror Schmidt auf die Börne-Preisträgerin Alice Schwarzer hielt. Zum Glück für Schmidt lieferte Richling im Anschluss mit einer komplett in den Sand gesetzten Angela-Merkel-Parodie den Beweis, dass altbewährte Pointen immer noch besser sind als gar keine.

Im September wird Schmidt mit einer neuen Show ins Erste zurückkehren. Über das Konzept teilt er nur soviel mit: „Jeder, der das Fernsehgeschäft kennt, kann sich doch an allen fünf Fingern abzählen, wie die Show aussehen wird.“ Das können wir in der Tat ganz gut. Nicht auszuschließen, dass uns manches bekannt vorkommen wird.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr