18.09.2009 · Der neue Peter Zwegat heißt Boris Groys: Bei seiner Comeback-Show im Ersten zeigt Harald Schmidt sich so souverän, wie man ihn lange nicht gesehen hat. Und vertreibt mit entschlossenem Oberschichtenfernsehen den letzten Pocher-Getreuen.
Von Jörg ThomannWie wohltuend ist es manchmal, wenn es anders kommt, als man denkt. Harald Schmidts Lebensplanung, die er vor zwei Jahren skizzierte, war die Ankündigung eines Abschieds auf Raten. Zwei Jahre lang wollte er seinen Partner Oliver Pocher an seiner Seite reifen lassen, danach, so Schmidt, könne Pocher ruhig allein weitermachen. Das kann Pocher nun tatsächlich - allerdings bei Sat.1, wo im kommenden Monat seine Late-Night-Show startet.
Schmidt hingegen hat bei der ARD einen neuen Zweijahresvertrag unterschrieben. Dass er anschließend aufhören wolle, sagte er nicht. Und wenn man sich die gestrige Premiere von „Harald Schmidt“ im Ersten ansah, konnte man dafür auch keinen Anlass entdecken.
Dabei waren die Erwartungen, verglichen mit früheren Comebacks, minimal. Ganz anders als im Januar 2005, als Schmidt nach einjähriger Kreativpause zurückkehrte oder im Oktober 2007, als er erstmals mit Pocher antrat - jedes Mal mit der Bürde, das Fernsehen oder zumindest die ARD zu erneuern. Diesmal war man schon skeptisch, ob Schmidt wenigstens sich selbst erneuern könne. Schmidts Duett mit Pocher war, um ein Bild aus dem von Pocher geliebten Fußball zu bemühen, der vergebliche Versuch gewesen, zwei Spielkulturen miteinander zu verbinden, die gepflegte Routine des Altmeisters mit jugendlich-frecher Unbekümmertheit. Doch wo der eine immer pomadiger auftrat, offenbarte der andere kopflosen Aktionismus und spielerische Mängel. Das Ergebnis: zwei Spielzeiten lang unansehnliches Flachpassspiel.
Nun hat Schmidt eine bessere Rolle gefunden als die des Spielmachers, der den eigenen Nachfolger gleichzeitig aufbauen und doch kleinhalten möchte: die des Spielertrainers und Talentscouts. Gleich ein halbes Dutzend vielversprechender Nachwuchskräfte hat er um sich geschart, von denen allein drei jünger sind als Oliver Pocher. Sie alle haben enormes Potential, doch keiner droht Schmidt seine zentrale Position streitig zu machen.
Solchermaßen abgesichert, präsentierte sich Schmidt gestern so spielfreudig, konzentriert und angriffslustig, wie man ihn seit Jahren nicht mehr erleben durfte. Kein Spott mehr über die Knallchargen des Kommerzfernsehens oder über Fußballspieler (weshalb die Vergleiche aus diesem Feld nun auch enden sollen), sondern geistreiche Satire über Gesellschaft, Politik und Kultur.
Merkel und ihr Mann
Über die vor den Augen der Nation übertragene Kuschelei zwischen Kandidat und Kanzlerin sagte Schmidt: „Mich hat es gefreut, endlich mal den Ehemann von Frau Merkel kennenzulernen.“ Als Zuschauer des Fernsehduells, so Schmidt, hätte Michael Jackson kein Propofol gebraucht. Es folgte noch einmal jener CDU-Wahlkampfspot, der just vor Beginn der Show gezeigt worden war, nur dass darin plötzlich auch Frank-Walter Steinmeier auftauchte und sich perfekt einfügte. Großartig auch ein Zusammenschnitt des gemeinsamen Fernseh-Auftritts von Westerwelle, Trittin und Lafontaine, die jeweils nur Zahlen, viele, viele Zahlen in den Mund nahmen. Sigmar Gabriels Aphorismus „Nicht geborene Mütter kriegen nicht geborene Frauen“ wurde ebenso analysiert wie die Aufgaben unserer Soldaten in Afghanistan („Hausaufgabenbetreuung mit Maschinenpistolen“).
Ein Musterbeispiel moderner Medienguerilla steuerte Jan Böhmermann bei, dem es gelungen war, als vermeintlicher Schweinegrippenpatient „Rüdiger Alt“ in den Nachrichtensendungen der Pro-Sieben-Sat.1-Gruppe seine Stigmatisierung zu beklagen. Noch etwas unscheinbar blieb die einstige „Ehrensenf“- und heutige 3sat-Moderatorin Katrin Bauerfeind, die in einem Zwiegespräch mit Schmidt über neue Kinofilme - darunter Lars „Bully“ von Triers „Wickie und der Antichrist“ - kaum zu Wort kam. Das war nicht eben galant, aber ließ die Leidenschaft spüren, mit der Schmidt wieder bei der Sache ist. Der darf bei der ARD ja alles machen, was er will, was in der Vergangenheit oftmals bedeutete: nichts.
Diesmal machte er seine Androhung wahr, den Kulturauftrag der ARD ernst zu nehmen, indem er mit einem Schauspieler in atemberaubendem Tempo über den Medientheoretiker Boris Groys fachsimpelte - wozu auch der zugeschaltete Peter Richter, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und Video-Kolumnist bei FAZ.NET (Richterspruch: Die Wahrheit über den Mauerfall) einiges beisteuern konnte. Hier bot „Harald Schmidt“ so entschlossenes wie irritierendes Oberschichtenfernsehen, das den letzten versprengten Pocher-Fan vertrieben haben dürfte. Bodenständiger wurde es erst wieder beim Gespräch mit dem Unternehmer-Urgestein Wolfgang Grupp, der seinen Mitschwaben Schmidt mit Macho-Sottisen beglückte („Egal, wie alt ich bin, meine Frau muss Anfang zwanzig sein“).
Erst vor wenigen Monaten hat das ZDF mit seiner „heute-show“ den Versuch unternommen, mit einem jungen Team um Oliver Welke eine deutsche Variante der hochgerühmten „Daily Show“ Jon Stewarts abzuliefern. Dabei droht das ZDF nun vom Ersten überholt zu werden: In der ersten Hälfte kam „Harald Schmidt“, das anders als die „heute-show“ jetzt schon wöchentlich läuft und den charismatischeren Anchorman zu bieten hat, dem Stewartschen Format durchaus nahe. Wenn nicht alles täuscht, dürften beim nächsten Schmidt-Comeback die Erwartungen wieder deutlich höher sein.
Schmidt oder nicht Schmidt?
Werner Grunewald (perplexo)
- 18.09.2009, 11:32 Uhr
Schmidt ist Schmidt...
Max Munster (MaxMunster)
- 18.09.2009, 12:25 Uhr
Angenehme Sendung.
Andreas Schuster (anschus)
- 18.09.2009, 12:41 Uhr
Oberschichtenfernsehen..
Werner Erkelenz (DerAlteFritz)
- 18.09.2009, 13:04 Uhr
Gähnend
lothar kempf (wilkem)
- 18.09.2009, 13:39 Uhr
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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