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Günther Jauch über zwanzig Jahre „Stern-TV“ „Formal zehn Jahre zurück, aber es funktioniert“

04.04.2010 ·  „Stern-TV“ wird an diesem Sonntag zwanzig Jahre alt. Moderator Günther Jauch über ein merkwürdig unbeachtetes, aus der Zeit gefallenes Magazin und seine fehlende Lust auf Neues.

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„Stern-TV“ wird an diesem Sonntag zwanzig Jahre alt. Moderator Günther Jauch über ein merkwürdig unbeachtetes, aus der Zeit gefallenes Magazin und seine fehlende Lust auf Neues.

Neulich war meine Fernbedienung kaputt. Ich lag auf dem Sofa, war zu faul aufzustehen und habe versehentlich eine ganze Sendung „Stern-TV“ gesehen, ohne ein einziges Mal umzuschalten. Herr Jauch, das war hart.

Na, mit dem Sehverhalten sind Sie auch in der Minderheit. Nur etwa ein Drittel der Zuschauer sieht die komplette Sendung. Klar: Wer um Viertel nach zehn guckt, hält nicht zwangsläufig bis zwölf durch. Dafür kommen Leute um elf Uhr und bleiben eine Stunde dran.

Uns hilft es auch, wenn wir eine Serie über mehrere Sendungen haben, dass wir sie mal am Anfang plazieren und mal am Ende, und nicht jeder sagt: Ach das Thema kenn' ich ja schon. Das bringt natürlich den Zwang mit sich, jede Folge in sich selbsterklärend zu machen.

Da lief jedenfalls die erste Folge eines Experimentes „Plötzlich alt“, in dem acht junge Leute vier Tage lang künstlich eingeschränkt wurden und wie in einem Altersheim lebten. Schon die Vorstellung hat Ewigkeiten gedauert, alles war endlos pseudodramatisch ausgewalzt und schleppte sich gefühlt eine Stunde lang hin.

Es waren knapp dreißig Minuten. Aber genau das ist auch die Qualität von „Stern-TV“. Natürlich kriegen Sie das zur Not auf „Tagesthemen“-Beitragslänge, 3:30: Spezialanzug angezogen / zwei in den Rollstuhl gesetzt / eine ist jetzt blind / harte Nummer. Andere haben für ihre Magazine gerade mal dreißig Minuten - wir gönnen uns so viel Zeit, wie ein Thema braucht oder verträgt. Sie können dann nörgeln: Mir ist das langweilig. Das ist aber so: Sie werden kaum Leute finden, die immer vom ersten bis zum letzten Thema elektrisiert sind.

Aber ist nicht alles sehr aufgeblasen? Es ist ein extremer Aufwand, den Sie da betrieben haben . . .

Wir haben ein halbes Jahr daran gearbeitet, alles wissenschaftlich begleiten lassen. Das war richtig teuer. Es war der erste Versuch dieser Art, die Bundesfamilienministerin war im Studio, und die Ausbilder für Pflegeberufe wollen das jetzt alle auf DVD. Wissen Sie, wie man das auch nennen kann? Qualitätsfernsehen!

Für die schlichte Erkenntnis: Alt werden ist auch nicht schön?

Na gut, man kann es sich so einfach machen. Aber da waren acht reflektierte junge Leute, die in so kurzer Zeit vollkommen aus der Fassung geraten sind und sagen, dass sie einen völlig neuen Blick gekriegt haben, wie das ist, wenn man alt ist.

„Stern-TV“ hat Redundanz zum Prinzip gemacht. Nach jedem Beitrag setzen Sie die Leute aus dem Film ins Studio und quatschen alles noch mal mit denen durch.

Es ist nur selten so, dass ein Film so komplett ist, dass sich da im Studio etwas wiederholt. Aber glauben Sie im Ernst, dass es die Sendung und mich noch geben würde, wenn wir feststellen, dass die Filme allein eigentlich reichen? Die Zuschauer wollen beides. Sonst wäre ich ja nur ein überbezahltes Moderationsmaskottchen, das den Betrieb aufhält.

Auf mich wirkt das oft wie der Sparversuch, mit möglichst wenig Stoff möglichst viel Zeit zu füllen.

Im Gegenteil. Die Sendung ist sehr aufwendig gemacht und teuer. Nein, was sich geändert hat, sind unsere Sehgewohnheiten. Zum Beispiel dadurch, dass Sie am Computer immer das Tempo bestimmen können. Die gefühlte Geschwindigkeit hat sich komplett verändert. So gesehen mag die Sendung aus der Zeit gefallen sein. Wenn Sie das heute als neues Konzept anbieten würden, auch bei den Öffentlich-Rechtlichen, das bekämen Sie nicht unter.

Sie empfinden diese Langsamkeit als Glück, als Luxus.

Sehr. Dieses lange Erzählen, sich ausführlich um Themen zu kümmern, das ist seltener geworden. Und wir holen damit jeden Mittwoch um die drei Millionen Zuschauer und Bestwerte in der jungen Zielgruppe! Vielleicht liegt das auch an dem breiten Spektrum. Dass Sie Minister auflaufen lassen können und danach Seehunde, die aus dem Maul stinken und den Moderator küssen. Eine Wundertüte. „Stern-TV“ ist wie der „Stern“ zu Henri Nannens Zeiten. Da kam auch alles drin vor, und die Leute haben das gern gelesen.

Selbstläufer scheinen so Wundertüten nicht zu sein. Das merkt Johannes B. Kerner gerade.

Dazu kann ich schlecht was sagen. Wir sind damals angetreten, das öffentlich-rechtliche Monopol auf die Beschreibung der Zustände in der Gesellschaft aufzubrechen. Aber wir hatten auch den Ehrgeiz, damit am Markt erfolgreich zu sein. Dabei ist „Stern-TV“ am Anfang ziemlich gefloppt. Da war die Heerschar derjenigen, die glaubten, uns erklären zu können, woran es liegt, riesig. Bis hin zum Bertelsmann-Vorstandsmitglied, das uns schrieb, er habe das zentrale Problem erkannt. Wir dürften eines nicht mehr tun: weibliche Gäste ohne Blumenstrauß verabschieden. Aber es gab früher öfter die Haltung, lass es mal laufen - aus Bequemlichkeit, aus Arroganz oder weil jemand gewusst hat: Dinge entwickeln sich. Heute würde einem Neustart von „Stern-TV“ kein Senderchef mehr zwei Jahre Bewährungszeit geben.

Heißt das, die Leute gucken es auch aus Gewohnheit?

Wir stellen zumindest fest, dass die Sendung für die Leute eine große Bedeutung hat, weil so viele sie regelmäßig schauen. Wir stellen aber auch fest, dass sie publizistisch kaum mehr wahrgenommen wird. Oft sind wir mit brisanten Themen die Ersten. Wenn Monate später ein ARD-Magazin nachzieht, landet das Thema auf einmal in den Zeitungen. Das ist angenehm, weil wir in Ruhe arbeiten können. Auf der anderen Seite ist es seltsam ungerecht. „Stern-TV“ hat noch nie einen Preis bekommen. Es gab nur eine Nominierung für den Deutschen Fernsehpreis für eine rechtsradikale Familie in drei Generationen, die wir 15 Jahre begleitet haben. Ich bin deshalb nicht beleidigt, aber seltsam ist es schon. Mit „Stern-TV“ verhält es sich vielleicht so: Es wird dunkel, Sie kommen nach Hause, machen das Licht an. Da stehen Sie dann auch nicht, starren an die Decke und sagen: Boah! Oder beim Händewaschen geht Ihnen auch nicht durch den Sinn: Donnerwetter, Trinkwasser! Vielleicht funktioniert „Stern-TV“ ein bisschen so.

Kerner und Lanz sind Symbole geworden für all das, was schwierig ist an dieser Art Boulevard-TV. Sie sind erstaunlicherweise davon verschont worden.

Ja, manchmal sitzen wir hinterher da und sagen bei einem Thema: Hoffentlich hat das keiner gesehen. Am nächsten Tag waren dann doch 3,5 Millionen Leute dabei . . .

. . . aber zumindest niemand, der dann noch drüber schreibt.

Genau.

Macht Ihnen RTL keinen Druck, öfter Schlagzeilen zu produzieren?

Wenn Sie jahrelang zuverlässig 16 bis 23 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe produzieren, sind Sie wechselseitig doch etwas entspannter. Vor allem haben wir ja schon an vielen Ufern gestanden. Frau Schreinemakers gegen uns, stundenlang; als Raab anfing mit „TV total“; Kerner sowieso. Da hat man viele kommen und gehen sehen. Ich behaupte, dass es kein Magazin gibt, das formal oder inhaltlich so frei arbeiten kann wie wir. Uns sagt keiner was. Das ist ein unglaubliches Privileg im Fernsehen, wo es von Controllern, Marktforschungsgläubigen und CD-Verkäufern nur so wimmelt. „Stern-TV“ hat regelmäßig Produkttests. Da gibt es Werbekunden, die negative Ergebnisse nicht lustig finden. Der Sender steht da hinter uns und lässt uns testen, was wir wollen.

Machen Sie die Sendung auch aus Gewohnheit? Es ist bestimmt nett, da reinzuschlüpfen wie in einen alten Bademantel. Aber haben Sie nicht Lust, mal wieder richtig was zu reißen, zu überraschen?

Die Frage kommt gerne auch in der Form: Haben Sie nicht noch einen Traum? Wenn ja, werde ich ihn nicht verraten. Ich gebe aber auch zu, dass die Zahl meiner Träume inzwischen überschaubar ist.

Aufs Fernsehen bezogen.

Ja, nur! Vor 25 Jahren wäre es für mich das Größte gewesen, das „heute journal“ zu moderieren. Die wollten mich mal haben. Ich sollte zweiter Mann hinter Ruprecht Eser werden. Da passte ich allerdings proporzmäßig nicht, den Platz bekam dann Sigmund Gottlieb. Die Sendung gefällt mir, aber das zu moderieren ist für mich nicht mehr so reizvoll. Dazu kommt, dass ich Sachen gerne länger mache. Ich war je zehn Jahre beim Radio und beim „Sportstudio“. Ich mache jetzt im elften Jahr „Wer wird Millionär?“ und im zwanzigsten „Stern-TV“. Dabei habe ich immer gesagt: „Ich will nicht zum Klaus Bednarz von RTL werden“, weil der ewig in seinem Pullover „Monitor“ moderiert hat. Bis ich mal nachgeguckt habe, wie lange das war: nur 18 Jahre. Seitdem lasse ich den Bednarz-Vergleich weg.

Damit liegt doch auf der Hand, dass ein neues Projekt für die nächsten zehn Jahre hermuss.

Wenn ich jetzt mit „Wer wird Millionär?“ aufhören würde . . .

Nein, mit „Stern-TV“!

Sie sind wirklich der herzlichste Geburtstags-Gratulant, der mir begegnet ist. Ich nehme das jetzt mit gebührender Abscheu und Empörung zur Kenntnis und werte es als exotische Einzelmeinung. Aber erinnern Sie sich an „Wünsch Dir was“? Die haben gesellschaftliche Veränderungsprozesse auf rührend spielerische Weise erspürt und abgebildet. So etwas wäre reizvoll. Aber das scheitert heute oft daran, dass es kaum noch Tabus gibt. Alles, was mit Sexualität zu tun hat, mit Reichtum, Armut, Neid findet schon in teilweise grotesker Weise im Tagesprogramm statt.

Warum kommt alle paar Tage wieder die Meldung, dass Sie doch noch zur ARD gehen?

Das fragen Sie mal die, die den Knochen dauernd wieder ausbuddeln. Ich äußere mich nicht dazu.

Seit Ihre Christiansen-Nachfolge gescheitert ist, ist auch das als unerfüllter Traum dokumentiert.

Ich bin ja noch jung. Ich möchte aber kein Buch schreiben oder in die Politik gehen. Das können andere besser. Aber demnächst muss ich mich um ein Weingut an der Saar kümmern, das seit 1805 in Familienbesitz ist und dessen Riesling einen Spitzenruf genießt. Wenn ich es nicht übernehme, wird es aus der Familie herausverkauft. Das wird ein Abenteuer.

Das „Zeit-Magazin“ hat Sie letztens als ein Arbeitstier beschrieben, fast wie ein Bergmann, der nie aus dem Stollen kommt.

Seit meinem 20. Lebensjahr stehe ich regelmäßig in Studios. Dadurch, dass ich jede Woche eingetaktet bin, habe ich von der Welt tatsächlich nicht viel gesehen.

Kann es sein, dass Sie andererseits auch eine Art Bequemlichkeit entwickelt haben?

Man kann es Bequemlichkeit nennen, aber vielleicht auch Weitsicht. Sie können natürlich alle Vierteljahr mit einer neuen Idee mit fliegenden Fahnen untergehen. Dazu habe ich aber keine Lust, und es wäre auch nicht sehr klug.

In zwei Wochen feiern Sie in zwei großen Shows, die Ihre Firma produziert, sechzig Jahre ARD. Da sieht man dann auch den jungen, abenteuerlustigen Günther Jauch, der in der legendären Show „Rätselflug“ am Hubschrauber hängt.

Das finde ich schön, dass Sie da nostalgisch dran hängen. Ich treffe auch Leute, die schon im fortgeschrittenen Alter sind und sagen: „Als Schulkind habe ich Sie im Radio gehört.“ Da zucke ich dann zusammen. Aber alles hat seine Zeit.

Sie klingen da weniger verklärt als Ihr Publikum.

Doch, das hat mir damals gefallen. Aber es wird davon nichts bleiben.

Na, die Erinnerung!

Ja, aber wenn ich mir heute Loriot ansehe, finde ich den immer noch so witzig wie damals. Das ist bei meinen Sachen nicht so. Es ist Gebrauchsfernsehen: Das ist für den Moment okay. Deshalb stehe ich auch zu „Stern-TV“. Formal sind wir da vielleicht zehn, fünfzehn Jahre zurück, aber es funktioniert, und so gesehen halte ich die Sendung immer noch für absolut zeitgemäß. Und das Schönste: Ein paar Millionen - außer Ihnen - sehen das jeden Mittwochabend auch so.

Interview Stefan Niggemeier

Quelle: F.A.S.
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