25.03.2009 · Ein Gymnasiast gerät in den Verdacht, einen Amoklauf zu planen: Der Fernsehfilm „Ihr könnt euch niemals sicher sein“, der die Geschichte einer Panik erzählt, bekommt den Adolf-Grimme-Preis. Die meisten Preise in diesem Jahr erhält der WDR.
Von Heike HupertzAnfang Februar geht die Grimme-Preis-Jury in Klausur. Nach wenigen Stunden stellt sich, dem genius loci entsprechend, der „Marler Effekt“ ein, auch „Marler Blase“ genannt. Raum und Zeit werden bedeutungslos, das „Draußen“ ist so weit weg wie der Mars und unabweisbare Realität gewinnt nur noch der Bildschirm mit seinen möglicherweise preiswürdigen Erzeugnissen. Am Ende einer spannungsreichen und diskussionsintensiven Woche wird über die Preisträger des Jahres endgültig abgestimmt. Die Begründungen sind schriftlich bis Mitte Februar einzureichen. Die Welt hat uns wieder.
In diesem Jahr, zur Vergabe der 45. Adolf-Grimme-Preise, muss man den kalendarischen Ablauf der Preisfindung betonen. Denn, nein, die Jury hatte nicht im Sinn, ein besonderes Zeichen zu setzen, als sie mit „Ihr könnt Euch niemals sicher sein“ die beklemmende Chronologie einer Schulpanik einstimmig auszeichnete. Die Tat selbst und die Berichterstattung über den Amoklauf von Winnenden lagen noch in der Zukunft. Doch es gehörte auch im Februar keine prophetische Gabe dazu, sich vorzustellen, dass im Zuge der von manchen nicht erst jetzt dringend geforderten schulpsychologischen und polizeilichen Rasterfahndungen nach weißen, männlichen, unauffälligen Schulversagern auch immer mehr junge Männer in typischen Pubertätsnöten in den fatalen Sog eines falschen Verdachts geraten werden.
Die Umgebung läuft Amok
Ausgehend von dem Fall eines Kölner Gymnasiasten, der sich 2007 selbst tötete, nachdem er als potentieller Amokläufer polizeilich vernommen wurde, entwickelt der Film von Eva und Volker A. Zahn (Buch) und Nicole Weegman (Regie) den Fall des im doppelten Wortsinn undurchsichtigen Schülers Oliver, der im Deutschunterricht einen Zettel mit Hassreimen verliert (siehe: Fernsehen: Das Drama „Ihr könnt euch niemals sicher sein“). „Für Lehrer, Kollegien und Schulleitungen“, so die Jury, „ist die Frage nach der Berechenbarkeit ihrer Schüler zur Überlebensfrage geworden und Risikoabschätzung zur Grundlage des Fachunterrichts. Doch nicht etwa der Schüler läuft hier Amok, sondern seine Umgebung, die ihn mit kopfloser Angst vorsorglich kriminalisiert.“ Der Film allerdings „vermeidet Herablassung gegenüber denen, die sich um Haltung bemühen und dabei falsche Entscheidungen treffen.“ Er „wagt einen schwierigen Balanceakt bei einem schwierigen Thema und gewinnt ihm souverän festen, preiswürdigen Boden unter den Füßen ab“. Für seine Darstellung des Gymnasiasten Oliver erhält Ludwig Trepte seinen zweiten Grimme-Preis in Folge.
Nach „Guten Morgen, Herr Grothe“ (voriges Jahr) und „Wut“ (vorvoriges Jahr) bleibt das Thema Schule als (Stellvertreter-)Kriegsschauplatz der Gesellschaft, und das ist die gute Nachricht, weiter präsent in der Riege der Ausgezeichneten des Jahres. Auch die anderen Preisträger im Bereich Spielfilm zeigen meist junge, meist männliche Einzelgänger, die sich zum Anpassungsdruck ihrer Umwelt verhalten (müssen). Wer will, kann Muster erkennen. „Das wahre Leben“ spielt sich in Alain Gsponers „Debüt im Ersten“ in (noch) gut situierten Kreisen so ab: Ein Sohn ist Bombenleger in Nachbars Gärten, der andere schwul bei der Bundeswehr; das Nachbarsmädchen (Hannah Herzsprung) fordert mit seiner Borderline-Störung Mutters Helfersyndrom heraus, die Mutter selbst ist eine aufgedrehte Galeristenzicke (Katja Riemann), der Vater plötzlich arbeitsloser Spitzenmanager.
Hinter jeder Ordnung das Chaos
Wie die Erwachsenen ihr Leben aufbauen, um es wieder zu demolieren, und wie sie dabei ihre Kinder in Dienst oder nicht zur Kenntnis nehmen, davon handelt „Das wahre Leben“ mit ironischer Note und in der tröstlich behandelten Überzeugung, dass hinter jeder Ordnung ohnehin schon das nächste Chaos wartet. Volker Einrauchs (Autor) und Hermine Huntgeburths (Regie) „Teufelsbraten“ (Fernsehen: Der Film „Teufelsbraten“) ist die grandiose zweiteilige Verfilmung eines manierierten Romans von Ulla Hahn, „Das verborgene Wort“. Das unangepasste, literarisch begabte Kind Hildegard (als junge Erwachsene: Anna Fischer) fällt im katholischen, dörflichen Nachkriegsarbeitermilieu ihren Eltern (als Vater: Ulrich Noethen) „zur Last“; ganz im Gegenteil zum schwer vermittelbaren Einzelgänger Erwin (Matthias Brandt), der in Hans Steinbichlers „Die zweite Frau“ von der Mutter vergöttert wird. Auf ihre Initiative hin besorgt er sich in Rumänien eine „Katalogbraut“ (Maria Popistasu), die, einmal in der Mutter-Sohn-Idylle angekommen, sich der zugedachten Rolle nicht fügen will.
Florian Gaags rasanter Film „Wholetrain“ schließlich zeigt in kompositorisch genau aufeinander abgestimmtem Rhythmus von Bildern, Schnitt und Musik einen Ausschnitt der Sprayer-Subkultur als Gesamtkunstwerk. Statt um Verherrlichung krimineller Sachbeschädigung geht es um die subversive Form der Inbesitznahme urbaner Räume und die Selbstorganisation einer jugendlichen Clique mit eigenen Codes und eigenen Regeln.
Lebenszeit und Eigensinn
Der Mensch, sagt Alexander Kluge, könne eigentlich nur zweierlei sein Eigentum nennen: Lebenszeit und Eigensinn. Über Unangepasste, Sonderlinge und Stigmatisierte, über vergessene und überbehütete Kinder kann uns das Fernsehen besonders gut Geschichten erzählen, man sieht es an den Preisträgern dieses Jahres. Man muss es nur können. Und es muss an allen beteiligten Stellen Verantwortliche geben, die die besonderen und auf besondere Weise erzählten Filme unterstützen. „Engagiertes Fernsehen“ klingt schrecklich, aber ohne das Engagement vieler geht es dabei nicht. Zur noch profaneren Erbsenzählerei: Während im letzten Jahr das ZDF als der große Abräumer der Preise gelten durfte, kann sich in diesem Jahr die ARD, insbesondere der WDR, über drei von fünf Preisen freuen. Den einzigen im ZDF ausgestrahlten Spielfilm, „Wholetrain“, versendete der Mainzer Sender zudem um 0.25 Uhr in der Nacht.
Im Unterhaltungsfach gewinnt Bora Dagtekin mit der Krankenhaus-Sitcom „Doctor´s Diary“ (RTL, Endlich mal kein Krimi: die neue Arztserie „Doctor's Diary“ von RTL) nach „Türkisch für Anfänger“ (Die letzte Staffel von „Türkisch für Anfänger“) einen zweiten Grimme-Preis und Diana Amft als blonde Assistenzärztin ihren ersten. Dennis Kaupp und Jesko Friedrich werden für die NDR-Extra 3-Rubrik „Johannes Schlüter“ ausgezeichnet, in der ihre gleichnamige Kunstfigur beispielsweise als „Realitätsbeauftragter der katholischen Kirche“ oder „Achmed Schlüter, Verbrennflaggenproduzent aus Ramallah“ sein satirisches Unwesen treibt.
Eine Lanze für Jugendliche
Im Gegensatz zur Fiktion zieht es die ausgezeichneten Dokumentationen ins Weite der Welt, die negativen Globalisierungsfolgen bleiben auf der Agenda der Filmemacher. Auch im Fach „Information & Kultur“ dominiert in diesem Jahr eindeutig der WDR. China, Afghanistan und Iran sind unter anderem die Schauplätze von „Losers and Winners“, „Leben und Sterben für Kabul“, „Sonbol - Rallye durch den Gottesstaat“ (SWR-Reihe „Junger Dokumentarfilm“) und „Der große Ausverkauf“. Den Adolf-Grimme-Preis „Spezial“ erhalten Inge Classen und Katya Mader für Konzept und Redaktion der Reihe „Mädchengeschichten“, in der internationale Filmemacherinnen Siebzehnjährige aus unterschiedlichen Ländern porträtieren.
Im Nachhinein wirkt es, als habe die Grimme-Preis-Jury in diesem Jahr in besonderem Maß eine Lanze für Jugendliche (und junge Filmemacher) gebrochen. In einem oberflächlichen Sinn ist das ganz falsch, jedenfalls war es nicht extra beabsichtigt. In tieferem Sinn ist es nicht von der Hand zu weisen.
Alle Preisträger im Überblick
Wettbewerb Fiktion
Eva Zahn und Volker A. Zahn (Buch)
Nicole Weegmann (Regie)
Ludwig Trepte (Hauptdarstellung) für
„Ihr könnt Euch niemals sicher sein“ (ARD/WDR)
Produktion: Cologne Film, siehe Fernsehen: Das Drama „Ihr könnt euch niemals sicher sein“),
Matthias Pacht, Alexander Buresch (Buch)
Alain Gsponer (Regie)
Katja Riemann, Hannah Herzsprung (Hauptdarstellung) für
„Debüt im Ersten: Das wahre Leben“ (ARD/SWR/BR/SF),
Produktion: BurkertBareiss Development, TV60 Film,
GEP Medienfonds, C-Films
Volker Einrauch (Buch)
Hermine Huntgeburth (Regie)
Ulrich Noethen, Anna Fischer (Hauptdarstellung)
Bettina Schmidt (Ausstattung/Szenenbild) für
„Teufelsbraten“ (ARD/WDR/NDR/Arte),
Produktion: Colonia Media),
siehe: Fernsehen: Der Film „Teufelsbraten“)
Hans Steinbichler (Regie)
Matthias Brandt, Maria Popistasu (Hauptdarstellung) für
„Die zweite Frau“ (Arte/WDR),
Produktion: sperl + schott film
Florian Gaag (Buch/Regie)
Christian Rein (Kamera)
Kai Schröter (Schnitt) für
„Wholetrain“ (ZDF)
Produktion: Goldkind Film, Megaherz Film und Fernsehen, Yeti Films, Aerodynamic Films
Wettbewerb Information & Kultur
Ulrike Franke und Michael Loeken (Buch/Regie) für
Losers and Winners (WDR/Arte)
Produktion: filmproduktion loekenfranke
Hubert Seipel (Buch/Regie)
Christoph Mestmacher-Steiner und Heribert Blondiau (Redaktion) für
„Leben und Sterben für Kabul“ (NDR/WDR)
Produktion: NDR
Niko Apel (Buch/Regie) für
„Sonbol - Ralley durch den Gottesstaat“ (SWR)
Produktion: Sommerhaus Filmproduktion
Florian Opitz (Buch/Regie)
Andy Lehmann (Kamera) für
„Der große Ausverkauf“ (WDR/Arte/BR)
Produktion: spring-productions, Discofilm
Inge Classen und Katya Mader (Konzept und Redaktion) für
„Mädchengeschichten“ (ZDF/3sat)
Produktion: weltweit
Wettbewerb Unterhaltung
Bora Dagtekin (Buch)
Oliver Schmitz (stellv. für die Regie)
Diana Amft (stellv. für das Darstellerteam)
Steffi Ackermann (Produktion) für
„Doctor's Diary“ (RTL/ORF)
Produktion: Polyphon
Dennis Kaupp und Jesko Friedrich (Buch/Regie/Darstellung) für
Extra 3-Rubrik „Johannes Schlüter“ (NDR)
Produktion: NDR
Besondere Ehrung
Die Besondere Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes für Verdienste um die Entwicklung des Fernsehens wird vergeben
an
Marietta Slomka und Claus Kleber (ZDF-„heute journal“)
Sonderpreis Kultur des Landes NRW
Harald Bergmann (Buch/Regie/Montage) für
„Brinkmanns Zorn“ (WDR)
Produktion: Harald Bergmann Filmproduktion
Publikumspreis der Marler Gruppe
Thorsten Wettcke, Christoph Silber (Buch)
Richard Huber (Regie)
Martin Langer (Kamera)
Mehmet Kurtulus (Hauptdarstellung) für
„Tatort: Auf der Sonnenseite“ (ARD/NDR)
Produktion: Studio Hamburg
Eberhard-Fechner-Förderstipendium der VG Bild-Kunst
Suzan Sekerci (Buch/Regie) für
„Djangos Erben“ (SWR/Arte)
Produktion: Chroma Film