Fangen wir also an: Es gibt etliche Gründe, diese Sendung nicht zu mögen. Casting-Shows kann man ja eh meist in die Tonne treten, und da müsste dieser hier doch ein Ehrenplatz gebühren. Das Konzept ist so geschmacklos wie unglaubwürdig. Wenn schon ein gecasteter „Superstar“ froh sein muss, nach einem Monat nicht völlig vergessen zu sein; wenn Til Schweigers Mädchenquälshow „Mission Hollywood“ besser „Mission Lindenstraße“ hieße, wo eine Karriere sehr viel realistischer scheint und sich Schweiger auch viel besser auskennt: Wollte da jemand wirklich glauben, man könne sich in einer Fernsehshow den Mann fürs Leben casten?
Die Kuppel-Show, deren Premiere gestern abend bei Pro Sieben lief, heißt „Giulia in Love?!“, und es gibt etliche Gründe, auch Giulia Siegel nicht zu mögen. Die Tochter des Schlagerschreibers Ralph Siegel ist zweifellos eine der größten Nervensägen in der Medienlandschaft, die keinen roten Teppich, keine Klatschspalte und keine Peinlichkeit auslässt. Sie nennt sich Giulia, obwohl sie Julia heißt, sie nennt sich Schauspielerin, obwohl sie keine ist. Hauptberuflich ist sie im Fernsehen, wobei völlig unerheblich ist, wo: „McDonald's Chart Show“, „Der Club der Ex-Frauen“ oder „Schwupps“ hießen die Marksteine der Fernsehgeschichte, in denen Siegel ihre Spuren hinterließ. Im RTL-Dschungelcamp war sie auch und schaffte es dort, zur meistgehassten Frau im Lande zu werden, die verwöhnt und wehleidig, link und überheblich wirkte. Und nun also „Giulia in Love?“: Schlimm, was für Trash das Fernsehen uns so alles vorsetzt.
Ein Star, mit dem man nicht tauschen will
Alle einverstanden? Das dachten wir uns. Dann müssen wir an dieser Stelle wohl sagen: auf wiederlesen. Im folgenden nämlich soll es darum gehen, warum wir „Giulia in Love?“ doch gar nicht so schlimm finden, ja warum wir die erste Folge sogar mochten. Wir finden ja nicht einmal Giulia Siegel so schlimm, sondern konnten ein wenig Respekt vor ihr schon immer nicht verhehlen. Sie ist eine Art Star, aber niemand, mit dem wir gern tauschen würden, und sie hat für das, was sie für Ruhm halten mag, hart gearbeitet. Man könnte es auch Drecksarbeit nennen. Sehr angenehm stellen wir uns die permanente Selbstentblößung in aller Öffentlichkeit jedenfalls nicht vor. Siegel, die drei Kinder hat, tut das, was sie wohl am besten kann und was von ihr erwartet wird. Ihren Dschungelcamp-Besuch hat sie generalstabsmäßig vorbereitet, hat sich schnell noch für den „Playboy“ entblättert und im Camp alles getan, um ein Profil zu gewinnen, das sie noch ein Weilchen für die Medien interessant macht. Um sich bereitwillig von der halben Nation hassen zu lassen, muss man schon tapfer sein. Es soll niemand sagen, dass sie ihren Job nicht ernstnähme.
Auch „Giulia in Love?!“ nimmt sie spürbar ernst - so ernst jedenfalls, wie man eine Sendung, die ihre eigene Glaubwürdigkeit durch ein Fragezeichen im Titel anzweifelt, nehmen kann. Jetzt mache sie „echt ein Männer-Casting im Fernsehen, krass“, sagt Siegel mit gespieltem Entsetzen auf dem Weg zu den sechzig Kandidaten, die es durch die Vorauswahl schafften. Doch als sie dann aus dem Wagen steigt und die große Treppe nach oben steigt, vorbei an sechzig begeistert applaudierenden Männern, meint man ihr eine echte Kleinmädchenfreude anzumerken. „Ich liebe es, den Mann zu bedienen“, erklärt sie ihre Vorliebe. Wenn er von der Arbeit nach Hause komme, solle er erst einmal ein Bier trinken und ein wenig fernsehen, bevor er sich um die Familie kümmere - und sie bloß nicht beim Kochen in der Küche stören. Man darf es wohl als Sieg der Emanzipation werten, dass eine Frau sich heute so im Fernsehen äußern darf.
Angenehmer Umgang
Mit einer guten Freundin und einem bildschirmbekannten Hochzeitsplaner sitzt Siegel nun auf einem Sofa und nimmt nacheinander die Kandidaten in Augenschein. Wie auf Knopfdruck setzt sie ein strahlendes Lächeln auf oder reißt erstaunt die Augen weit auf. Bei der RTL-Superstarsuche ist die Auftaktfolge regelmäßig als Freakshow inszeniert, die bedauernswerte Sonderlinge aus- und bloßstellt. Auch zu Giulia hat sich naturgemäß manch obskurer Bewerber aufgemacht, doch es wird vergleichsweise pfleglich mit ihnen umgegangen. Und noch mehr: Selten hat man in einer deutschen Casting-Show so viele Leute so viel Nettes übereinander sagen hören. Nicht nur die Gastgeberin darf sich anhören, sie sehe „viel besser aus als im Fernsehen“, auch sie selbst ist voll des Lobes. Dessen Aufrichtigkeit mag man anzweifeln - und doch wirkt es angenehm im Privatfernsehen, wo man um so höher angesehen wird, je schlechter man die anderen behandelt.
Der berlinernde Mittvierziger Peter entschuldigt sich vorab für seinen Gesang und spielt Giulia eine Ballade auf der Gitarre vor; sie zeigt sich angetan von seinem unbeholfenen Charme. Der dicke Tobias darf vor Giulia - die betont, dass das Aussehen für sie zweitrangig sei - seine komische Schauspielkunst demonstrieren. So setzt ausgerechnet Giulia Siegel, die Dauerpatientin bei Schönheitschirurgen, ein kleines Zeichen gegen den Schönheits- und Konformitätswahn der Gesellschaft. Freiherr Victor rezitiert radebrechend ein selbstverfasstes Gedicht - und wo RTL jetzt Bohlens Grimassen zeigen und den Poeten animationstechnisch im Boden verschwinden lassen würde, unterlegt Pro Sieben den Vortrag mit der Mondscheinsonate. Weiter kommt er trotzdem nicht. Ein Romantiker im Rüschenhemd, sagt Siegel später mit entwaffnender Ehrlichkeit, würde von ihr zum Abendessen aufgefressen.
Die Tränen des Kaktusträgers
So geschieht das Undenkbare: Nicht nur Giulia Siegel wirkt sympathischer als je zuvor bei ihren Fernsehauftritten, auch die Kandidaten kommen nicht so lächerlich herüber, wie es der Rahmen einer solchen Sendung erwarten lässt. Einzig der aussortierte Mark, dreiundfünfzig, Psychologe, Monokel- und Gehstockträger, stört die Harmonie: „Sie ist nur eine Tochter, sonst nix“, schimpft er, womit Pro Sieben auch die Medienkritik schon integriert hätte. Am Ende meint man gar große Gefühle zu spüren: Als Siegel ihm statt der erhofften Rose einen Kaktus in die Hand drückt, zeigt manch Bewerber mit traurigem Blick, dass es ihm um die verpasste große Liebe oder, wahrscheinlicher, um eine etwas längere Medienkarriere leid tut. „Schön war's“, sagt einer, der scheinbar gehen muss, und man glaubt es ihm. Und als man sich schon wundert, warum nur solche Kandidaten die nächste Runde erreichen, die in der Sendung bis dato praktisch keine Rolle spielten, kommt eine gelungene dramaturgische Volte: Die Kakteen sind tatsächlich weiter, die Rosen müssen gehen. Da kommen einem schüchternen Kaktusträger gar die Tränen.
Ein Wermutstropfen ist, dass Siegel ihren vierzehnjährigen Sohn nicht davon abhielt, ebenfalls kurz in der Sendung aufzutreten und Kontakt zu den Bewerbern zu suchen; wir können uns allerdings denken, dass sie als Vorbild und Erzieherin hier ein gewisses Glaubwürdigkeitsproblem gehabt hat. Elf Auserwählte dürfen nun mit Giulia Siegel ein Haus beziehen und sie näher kennenlernen. Dass dabei so etwas wie Liebe entsteht, glauben wir nicht. Dass sie alle ein bisschen Spaß haben werden, können wir uns aber ganz gut vorstellen.
Trash Trash Trash
Martin Buchwald (Denken)
- 03.07.2009, 10:53 Uhr
Nette Kritik
Andreas Kromelt (AnKro)
- 03.07.2009, 11:29 Uhr
Blondes Gift.
Claus Behrens (chipin)
- 03.07.2009, 11:45 Uhr
Ich ärger mich gerade ...
Robert Guder (Masquurin)
- 03.07.2009, 13:02 Uhr
Mit Zwang gutfinden
Falk Hammer (FalkHammer)
- 03.07.2009, 13:26 Uhr