10.06.2010 · Von morgen an läuft im Fernsehen nur noch Fußball: 55 Spiele bei ARD und ZDF, neun Spiele auf RTL, alle 64 bei Sky. Der WM entflieht keiner. Nicht alle Reporter sind vor Ort, aber alle sind im Fieber. Und das soll sich nach Deutschland übertragen.
Von Jan HauserDass diese Weltmeisterschaft nicht wie die vorherigen Fußballturniere wird, das hört man oft. So etwa alle vier Jahre. In diesen Tagen gilt das aber nicht nur aus den üblichen Gründen, wonach der Sport immer schneller, rasanter, spannender geworden sei und nach dem Spiel eben vor dem Spiel sei. Die Programmplaner haben andere Sorgen. „Der Super-GAU ist nicht, wenn die deutsche Mannschaft verliert, sondern wenn wir einen Mitarbeiter verlieren“, sagt Thomas Wehrle vom SWR. Dass die Sicherheit für Berichterstatter und Besucher neben dem Sport zu Recht Thema Nummer eins ist, zeigte sich schon vor Beginn der Spiele: Am Mittwoch wurden drei Sportjournalisten aus Portugal und Spanien mit vorgehaltener Waffe in ihrer Wohnung in Johannesburg überfallen und ausgeraubt.
Thomas Wehrle koordiniert das Turnier für ARD und ZDF als WM-Fernsehchef in Johannesburg. Für alle Transporte sind Fahrer organisiert, die Mitarbeiter erhalten ein Sicherheitsbriefing. „Wenn du nachts unterwegs bist und du gehst eine Ecke zu weit, kann das sofort kippen“, sagt Wehrle. Es ist aber nicht so, dass die eingereisten Fernsehmacher nichts von Südafrika sehen, dem Land, das die erste Fußball-Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden austrägt. Im Gegenteil: Sie sollen auch das Land mitsamt seinem Elend sehen. Wer neu ankam, wurde zwar zuerst ins Hotel gebracht, aber kurz darauf durch die Stadt gefahren und sah das Getto von Soweto. Wehrle hat erkannt, wie sehr die Menschen sich über das Turnier freuen. „Man muss sehen, wie stolz die Afrikaner sind, dass sie die WM ausrichten können“, sagt er.
Der RTL-Sportchef bleibt zuhause
Wehrle fährt jeden Morgen vom Hotel ins International Broadcast Centre (IBC), das internationale Sendezentrum in Johannesburg, von dort aus übertragen alle Sender die Spiele. Auch RTL und Sky sind hier. Von der Qualität her sei das IBC das beste, das er je gesehen habe, sagt Wehrle. Die ARD hat gemeinsam mit dem ZDF ein Studio bezogen. Die Technik hier und in den Stadien nutzen sie gemeinsam, auch die Planungen für Produktion, Logistik und Sicherheit haben sie miteinander abgestimmt. „Wir arbeiten beim Fußball so eng zusammen wie seit fünfzehn Jahren nicht mehr“, sagt Wehrle.
RTL-Sportchef Manfred Loppe reist nicht nach Südafrika. Das muss er auch nicht. Sein Sender begleitet die WM vor allem von Deutschland aus und fährt mit einem Lastwagen und 80 Mitarbeitern von Fanmeile zu Fanmeile. Den Truck haben sie eigens gebaut, er hat eine Bühne von sechzig Quadratmetern, auf der Moderator Günther Jauch und Dortmunds Trainer Jürgen Klopp vor einer großen LED-Wand stehen. An diesem Freitag beginnen sie in Berlin, fahren an Dresdens Elbufer, nach Köln, Frankfurt, Aachen und wieder zurück nach Berlin.
Sie ließen sich vom Zeitgeist leiten, sagt Loppe. „Wir meinen, intensiv gespürt zu haben, dass Menschen besonders in Deutschland bereit sind, gemeinsam große Ereignisse zu feiern.“ Außerdem ist in Südafrika Winter, es kann nachts gar frieren, und RTL sendet die späten Spiele, wenn es dort überwiegend dunkel ist - aber was unterscheidet denn Südafrika im Dunkeln von Köln im Dunkeln? Die Motivation, die Weltmeisterschaft zu konsumieren, zu feiern und zu zelebrieren, sei hier besser, sagt Loppe. Zudem kämen die Sicherheitsfragen und Zusatzkosten in Südafrika hinzu.
Dennoch: Ganz ohne Südafrika geht es auch für den Kölner Sender nicht. Dort hat RTL etwa 35 Mitarbeiter sowie Moderator Florian König und als Experten Jürgen Klinsmann. Im Einsatz für RTL ist zudem Reiner Calmund, der mal Manager Bayer Leverkusens war, bevor er zur Fernsehfigur wurde und in Sendungen wie „Big Boss“ bei RTL oder „Die Kocharena“ bei Vox auftrat. Vor dem Turnier ist Calmund durch Südamerika gefahren und hat kleine Filmchen gedreht, er war in Paraguay, Uruguay und Honduras. „Das ist der Versuch, über eine außergewöhnliche Figur einen Zugang zu finden zum Land, zu den Leuten, zu den Geschichten, zum Fußball“, sagt Loppe, der das Resultat für gelungen hält.
Die Öffentlich-Rechtlichen sind mit 550 Mitarbeitern angereist
Auch das Team von Sky teilt sich auf, sagt Sportchef Roman Steuer. In Südafrika sind die Kommentatoren Kai Dittmann, Fritz von Thurn und Taxis sowie Marcel Reif, der das Finale kommentiert. Steuer selbst ist zwar gerade im WM-Land, bleibt aber nur kurz. Schon nach dem ersten Spiel der deutschen Mannschaft am Sonntag fliegt er zurück nach München zum Großteil des Teams, das Steffen Teves als Redaktionsleiter betreut, während dies in Südafrika Uwe König macht. Bis zu 25 Spiele werden vor Ort kommentiert, die restlichen aus Deutschland.
Dass die privaten Sender nur bedingt mit Mann und Maus nach Südafrika aufbrechen, liegt auch an den Kosten. Die Privaten haben nicht den gewaltigen finanziellen Spielraum der öffentlich-rechtlichen Sender, die mit etwa 550 Mitarbeitern angereist sind. Sky hat in Südafrika ein kleines Team von achtzig Personen, das etwa die Hälfte des Programms produziert.
Bis zum Endspiel hat der Sender für seine Abonnenten einen eigenen Kanal zur Weltmeisterschaft eingerichtet, der rund um die Uhr läuft und neben den Live-Spielen Wiederholungen und Zusammenfassungen bietet. Sportchef Steuer peilt an, dass mehr als die Hälfte der Abonnenten sich für Sky entscheidet und die Weltmeisterschaft bei ihnen sieht. Einen Teil des Programms können Nicht-Abonnenten im Internet sehen, dort laufen manche Livestreams und Videos kostenlos.
„Unser Ziel ist es, die Zuschauer so gut wie möglich mitzunehmen“, sagt Wehrle, der WM-Programmchef von ARD und ZDF. „Nicht nur bei den Spielen, sondern dass sie auch von Afrika was mitbekommen.“ In keinem anderen Land seien die Unterschiede so drastisch. „Südafrika ist wunderschön, es gibt viele Reiche, und es gibt ganz viel Elend.“ Davon wollen sie berichten, wenngleich sich das Programm vor allem um Sport dreht.
Die Menschen in Deutschland begeistern
Beim ZDF wird die gebürtige Kapstädterin und ehemalige Miss Südafrika, Jo-Ann Strauss, in einer eigenen Rubrik über ihre Heimat berichten. Die ARD hat die ehemalige Schwimmerin Franziska van Almsick engagiert, die Filmchen mit einer Länge von zweieinhalb bis zu fünf Minuten gedreht hat. Sie zeigt Traumstrände und besucht aidskranke Kinder in einem der Elendsviertel des Landes. „Das war auch ein Experiment, aber die Filme sind wirklich gut geworden, zum Teil unterhaltsam, zum Teil sehr anrührend“, sagt Wehrle.
Die Spiele analysieren bei der ARD nachmittags Reinhold Beckmann mit Mehmet Scholl, abends Gerhard Delling mit Günther Netzer, für den dies die letzte Weltmeisterschaft als Experte ist. Für das ZDF übernehmen dies Rudi Cerne sowie für das Spiel des Tages Katrin Müller-Hohenstein mit dem Experten Oliver Kahn. Das im ZDF laufende Finale kommentiert Béla Réthy. In der ARD kommt es zu einer Neuauflage der „Raportagen“ der Münchner Hip-Hop-Band Blumentopf, die das Fußballgeschehen musikalisch zusammenfasst. Und wie RTL-Sportchef Loppe nimmt SWR-Mann Wehrle an, dass sich die Menschen für die Weltmeisterschaft begeistern lassen. „Ich glaube schon, dass in Deutschland wieder ein WM-Hype entstehen kann“, sagt er. Das Programm steht. Mögen die Spiele beginnen.
Die WM im Fernsehen
Die Eröffnungsfeier und das Eröffnungsspiel Südafrika gegen Mexiko zeigt das Erste diesen Freitag um 15 Uhr, um 18.45 Uhr folgt Waldis WM-Club. RTL beginnt um 19.05 Uhr und zeigt um 20.30 Uhr das Spiel Uruguay gegen Frankreich.
ARD und ZDF wechseln sich ab.
Die ARD zeigt das Vorrundenspiel Ghana gegen Deutschland am 23. Juni sowie das Spiel um Platz drei am 10. Juli. Gemeinsam zeigen die Sender 55 Spiele. Nach der Vorrunde ist unklar, wie sich die Spiele verteilen. In jedem Fall liefen die Partien der Deutschen im Achtelfinale und im Halbfinale im Ersten. Insgesamt könnte die ARD auf eine Sendezeit von 89 Stunden und zehn Minuten kommen.
Moderatoren: Gerhard Delling, Reinhold Beckmann, Claus Lufen (DFB-Quartier), Waldemar Hartmann (Waldis WM-Club)
Kommentatoren: Tom Bartels, Gerd Gottlob, Steffen Simon
Experten: Günter Netzer (mit Delling) und Mehmet Scholl (mit Beckmann), Hellmut Krug (Regeln), Gerald Asamoah im Morgenmagazin
Reporter: Franziska van Almsick, Valeska Homburg und Ralf Scholt
Südafrika-Expertin: Motshegetsi „Motsi“ Mabuse, Südafrika-Korrespondent: Richard Klug
Das ZDF zeigt die Spiele Deutschlands gegen Australien am 13. Juni und gegen Serbien am 18. Juni sowie das Finale am 11. Juli. Das Spiel der deutschen Mannschaft im Viertelfinale liefe im ZDF.
Moderatoren: Katrin Müller-Hohenstein (Spiel des Tages), Rudi Cerne (IBC), Michael Steinbrecher (deutsches Quartier)
Kommentatoren: Wolf-Dieter Poschmann, Béla Réthy, Oliver Schmidt und Thomas Wark
Experten: Oliver Kahn und Urs Meier sowie Harald „Toni“ Schumacher im ZDF-Morgenmagazin
Südafrika-Expertin: Jo-Ann Strauss
RTL überträgt neun Spiele, sechs in der Vorrunde, zwei Achtelfinalpartien und ein Viertelfinalspiel.
Moderatoren: Günther Jauch (aus Deutschland), Florian König (aus Südafrika)
Kommentatoren: Klaus Veltman, Florian König
Experten: Jürgen Klinsmann (mit König), Jürgen Klopp (mit Jauch)
Reporter: Nazan Eckes (deutsche Mannschaft), Reiner Calmund, Jan Krebs, Michael Niermann, Thomas Sossna, Felix Görner, Peter Reichert
Sky zeigt alle 64 Spiele live und hat einen 24-Stunden-WM-Kanal eingerichtet, bis zum 11. Juli laufen dort Live-Ereignisse, Wiederholungen und Zusammenfassungen.
Moderatoren: Sebastian Hellmann und Jens Westen (aus Südafrika), Patrick Wasserziehr, Dieter Nickles, Jessica Kastrop (aus München)
Kommentatoren: Marcel Reif, Kai Dittmann, Fritz von Thurn und Taxis (aus Südafrika), Tom Bayer, Roland Evers, Marco Hagemann, Michael Leopold, Michael Born, Martin Gross, Marcus Lindemann und Marc Hindelang (aus München)
Experten: Franz Beckenbauer und Jens Lehmann (aus Südafrika), Stefan Effenberg und Christoph Metzelder (aus München)
Reporter: Ecki Heuser, Jan Henkel