Es ist der Albtraum eines jeden Medienberaters, der seinen Klienten sonst mit größter Dringlichkeit beizubringen versucht, dass sie keine Treppen hinunter laufen dürfen, wenn Fotografen in der Nähe sind - einfach, um hässliche Bilder zu vermeiden, die von Journalisten entsprechend betextet werden könnten. Aber gegen Ende der Aufzeichnung der RTL-Sendung „2009 - Wir wählen“ stand Frank-Walter Steinmeier allein an seinem Pult, das neben ihm war leer, weil Moderator Peter Kloeppel schon die ganze Zeit im Publikum saß, um dort den Fragestellern das Mikrofon zu reichen, und seine „Spiegel TV“-Co-Moderatorin Maria Gresz vielleicht schon nach Hause gegangen war, so genau wusste man das nicht.
Rechts neben Steinmeier, der da ganz alleine stand, war jedenfalls auf dem Monitor in Großbuchstaben das Wort „POLITIKVERDROSSENHEIT“ zu lesen. „Schweinegrippe“ stand da vorher auch schon, und: „Wirtschaftskrise“, aber da war wenigstens noch der Moderator dazwischen. In diesem Moment allerdings war Steinmeier ganz für sich mit der Politikverdrossenheit, die eigentlich bloß das Thema der gerade laufenden Fragerunde beschreiben sollte. Und das Bild: wirkte.
Es war ein schlimmer, ein entsetzlicher Auftritt, den der Kanzlerkandidat der SPD da am Sonntag ablieferte. Nach der Aufzeichnung der Sendung am Sonntagnachmittag konnte er bloß hoffen, dass der Sender für die Ausstrahlung seiner Bürgersprechstunde am Abend die Szenen herausschneiden würde, in denen er besonders unglücklich und verloren wirkte, wie es die hektisch vor sich hintippenden Journalisten im Nebengebäude mitverfolgen konnten.
Versagt hat er eigentlich gar nicht
Dabei ist es ja nicht so, dass er versagt hätte. Er hat geredet und erklärt, diskutiert und erläutert - nur Antworten auf die Fragen, die ihm von den Zuschauern im Studio gestellt wurden, fand er keine. Stattdessen ließ sich in erschreckender Genauigkeit beobachten, wie ein Politiker, der vorher exakt erklärt bekam, wie er zu wirken hat, alle Kompetenzen umzusetzen versuchte, die sich ein Wähler von einem souverän wirkenden Kanzlerkandidaten wünschen würde. Steinmeier stellte immerzu nur Gegenfragen, um scheinbar persönliche Nähe zu schaffen: „Wie ist Ihre familiäre Situation?“, „Was genau ist Ihre Spezialisierung?“, „Wie sehr sind Sie belastet?“ Ehrliches Interesse ließ sich dadurch nicht vermitteln.
Geradezu pastoral wirkte das, was er zu sagen hatte: „Ich wünsche Ihnen ganz viel Kraft! Nicht den Kopf hängen lassen! Nach vorne schauen!“, riet er einem Angestellten der Kaufhauskette Hertie, die am Wochenende ein für allemal ihre Türen geschlossen hatte, und der eigentlich doch wissen wollte, warum die Politik sich so für die Opel-Mitarbeiter engagiert, nicht aber für ihn und seine Kollegen, die jetzt keine Arbeit mehr haben.
Als Seelentröster aber wird er nicht antreten bei der Wahl am 27. September, sondern als möglicher Kanzler. Davon war beim RTL-Treffen wenig zu merken. Nun mag so eine Fragerunde im Privatfernsehen, wie sie Angela Merkel schon im Mai absolvierte, nicht die beste Gelegenheit sein, um komplizierte politische Pläne zu erklären. Aber das, was Steinmeier brachte, war weit davon entfernt, auch nur in irgendeiner Form konkret zu sein.
„Brücken bauen“ und „Weichenstellungen vornehmen“
Er wollte „Brücken bauen“, um „ans sichere Ufer zu kommen“, wollte „Weichenstellungen vornehmen“ und sagte ständig, dass er „nichts beschönigen“ möge. Aber die alles entscheidende Frage, warum die Bürger ihn wählen sollen, und nicht seine Konkurrentin, blieb offen. „Ich bin Ihnen ausgesprochen dankbar, dass Sie hier sind und das Thema ansprechen“, sagte er dem Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens, der in der Wirtschaftskrise viele Mitarbeiter entlassen musste. Und setzte - fast wirr - an: „Wenn Sie meine Rede bei der Karl-Schiller-Stiftung gehört haben, dann wissen Sie…“ - ja, was denn? Er konnte einem leid tun, der Kandidat, und Mitleid ist in der Politik meist keine gute Voraussetzung für einen Wahlsieg.
Dabei ist diese Art der Fernsehfragerunde auch wirklich das Schlimmste, was einem Politiker zugemutet werden kann. Betroffene stellen Fragen, die persönlich beantwortet werden sollen, zugleich aber auch ganz allgemein, damit die Zuschauer vor dem Fernseher etwas damit anfangen können. Genau das aber ist nicht Steinmeiers Sache - selbst wenn er sich bemüht, jede einzelne Frage auf den eigenen Erfahrungshorizont zu beziehen. Es ist geradezu eklig, wie alle da sitzen und dem Politiker abverlangen, dass er etwas für sie tun soll, nicht nur für die anderen. Für den Mittelstand, nicht nur die großen Unternehmen! Für den Kaufhauskonzern, dessen Konzept sich überlebt hat, nicht nur den Automobilhersteller, für den dasselbe gilt! Für die Altenpflegerin! Den Kurzarbeiter! Die Ärzte!
Unmögliche Erwartungen
An so einem Abend wird klar, wie unmöglich das ist, was wir von der Politik erwarten: für alles eine Lösung zu haben, obwohl die Politiker selbst nicht genau wissen, wo sie zuerst anpacken sollen. Es traut sich bloß keiner, das zuzugeben.
Erst zum Schluss der Sendung fand Steinmeier so langsam seine Form, diskutierte ernst und ehrlich mit einem ehemaligen Soldaten, der ein Attentat in Afghanistan überlebt hat, über die Notwendigkeit des Bundeswehreinsatzes am Hindukusch und verfiel in der Debatte mit einem SPD-Mitglied aus dem Publikum ins „Du“, um zu erklären, wieso die Agenda-2010-Politik unter dem ehemaligen Kanzler Schröder notwendig gewesen sei. Was wäre die Alternative gewesen, fragte er. Aber niemand wusste eine.
Als dann in der letzten Runde persönliche Fragen gestellt wurden, bewies Steinmeier sogar Witz und antwortete auf den Hinweis, dass er ja in Ehren ergraut sein anstatt sich wie Schröder die Haare zu färben: „Ich färbe jeden Tag nach, weil sonst das Schwarze nachkommt!“ Eine Bemerkung aus dem Publikum, dass ja auch er mit der eigenen Zeugungskraft dafür sorgen könne, die nächste Generation zu stärken, beantwortete er souverän mit: „Ich danke für die Aufforderung, aber Sie verstehen, dass ich das besprechen muss.“ Und mit einem Mal wirkte der Kandidat, über den ein Mann aus einer RTL-Straßenumfrage gesagt hatte, er sei immer so diplomatisch und unkonkret, geradezu sympathisch, befreit und locker. Bis dahin allerdings hatte es für das RTL-Publikum schon so viele Ausschaltimpulse gegeben, dass nur wenige Zuschauer das mitbekommen haben werden.
Bei 20 Prozent steht die SPD gerade in den Umfragen. Sie kann sich glücklich schätzen, wenn sie durch den RTL-Auftritt ihres Kandidaten keine Prozente verloren hat. Hinzugewinnen wird sie wegen dieses Abends sicherlich nichts.
Achtung - verräterische Körpersprache
Dietrich Strulik (Kussewitz)
- 17.08.2009, 02:02 Uhr
20% und es wird politisch noch "kälter"
(theblueyonder)
- 17.08.2009, 03:32 Uhr
Wenn keiner eine Alternative wusste zur Agenda 2010
Claus Manfred (ClausM)
- 17.08.2009, 09:09 Uhr
Schon blöd
St. Koch (Pensacola)
- 17.08.2009, 09:32 Uhr
Schizophren
Anna Schuster (Anna_Schuster)
- 17.08.2009, 10:06 Uhr