13.06.2010 · Sonntagabend nach dem Krimi, sonst muss beim neuen ARD-Talkmaster Günther Jauch nichts bleiben, wie es ist. Ein Plädoyer für das Rotationsprinzip bei Gästen, den Mut zum Einzelgespräch und neue Themen - fernab von Wirtschafts- und Politikwissenschaften.
Von Nils Minkmar und Stefan NiggemeierDie Verpflichtung von Günther Jauch als ARD-Talkmaster war die Nachricht der Woche. Sie inspiriert dazu, außer über Personen auch einmal über das Format nachzudenken. Muss der politische Talk, die moderne Form der athenischen Agora, eigentlich immer so aussehen und ablaufen wie bisher? Mit denselben Leuten, den bewährten Einspielern und Ritualen? Sind Politikverdrossenheit, die Müdigkeit nach dem Hören des Themas und die Verzweiflung angesichts der Gäste vielleicht auch eine Frage des Formats? Wenn das ganze Land sich ändern muss, warum nicht mal am Sonntagabend damit anfangen? Was wäre anders zu machen?
Sofortige Freilassung aller Studiogefangenen!
Niemand ist je in einem Studio. Die allermeisten Menschen leben ihr Leben mehr oder weniger glücklich, mehr oder weniger gesund, aber überwiegend ganz ohne Aufenthalt in einem Studio. Viele Bundesbürger wüssten gar nicht, wo eines ist, wie sie hineinkommen und, wichtiger noch, auch wieder raus.
All unsere politischen Diskussionen, in denen es doch immerhin um Wohl und Wehe der ganzen Nation und Europas, der Menschen jetzt und in Zukunft geht, die spielen immer in Studios, also eigentlich in Kulissen, die nach etwas aussehen sollen, wonach – das wechselt und liegt im Auge des Betrachters. Meist sieht es aus wie eine Skihütte in einem James-Bond-Film, der im Weltraum spielt, bloß unter Wasser, wenn Wasser die Farbe Orange hätte. Dort ist keine Jahreszeit zu erkennen, keine Uhrzeit und keine Region. Niemand hat Hunger, Durst oder muss mal hinaus. Das Studio ist ein Jenseits. Alle Studiogäste wirken unsterblich und unverwundbar. Sie sind nie überrascht oder sprachlos. Das Studio schirmt alles ab. Es klingt unglaublich, aber es gab mal Fernsehzeiten ohne Studios oder mit solchen, die Publikum und offene Türen hatten: Bio bewohnte einen Bahnhof. Die NDR-Talkshow kam aus einer Kneipe. „3 nach 9“ machte aus dem Studio eine Kneipe. Und selbst Günther Jauch begann live aus dem Alabama, einer mittlerweile abgerissenen Veranstaltungshalle in München.
Ausländer rein!
Das ganze Jahr wird nun schon über die Eurorettung und den Stabilitätspakt, über Griechen, Iren und Spanier diskutiert, aber die Talkrunde bleibt ausländerfreie Zone. Zwar ist das relevante politische Geschehen längst auf die europäische Ebene abgewandert, aber die Redaktionen finden keine deutschsprachigen Griechen, Iren oder Franzosen, um mal deren Sicht der Dinge darzustellen. Geschweige denn, dass mal ein Staatsmann eingeladen würde, der gar kein Deutsch spricht, was übrigens auf recht viele Menschen zutrifft. Aber so ein Tony Blair, Lula oder Zapatero würde womöglich weniger Quote bringen, also bleibt der Zuschauer in dem Glauben, hinter den Grenzen der Bundesrepublik ende die argumentationsfähige Welt. Das führt unter anderem zu gravierenden Fehlschlüssen über den Beruf des Politikers. Erst wenn eine tobende Runde mit Gästen aus allen siebenundzwanzig EU–Mitgliedstaaten im Fernsehen zu bestaunen ist, dürfte verständlich werden, warum das in Brüssel manchmal etwas hakelt.
Keine Macht dem Einspieler!
Wer um diese Uhrzeit einschaltet, hat diverse Morde, ja sogar Volksmusik hinter sich, darf also als erwachsen genug gelten, nicht zu jedem Thema einen launigen Minifilm als Einführung in ein sattsam bekanntes Thema zu benötigen: „Das ist Karl. Karl ist die Rentenkasse. Leider ist Karl bald leer, darum backt er sich einen Kuchen, den nennt er Bruttosozialprodukt.“
Und weil gottlob die meisten Menschen ihr Haus auch mal verlassen und dann auf der Straße andere Menschen sehen und hören, brauchen sie keine Aufnahmen von Menschen in Fußgängerzonen, die aufsagen, was sich die Zuschauer selbst denken. Für Redaktions- und Studiobewohner sind die Menschen „draußen“ ein echter Scoop, allen anderen sind sie aber gut bekannt, danke.
Rotationsprinzip für Gäste!
Nicht immer die Gleichen. Bitte auch mal andere Bundesländer berücksichtigen, nicht nur die Fraktionen, Kirchen, Gewerkschaften und Verbände anfragen, auch mal Schriftsteller, Filmemacher und Wissenschaftler und auch mal Menschen, die nicht schon immer alles kommen gesehen haben. Und Hans-Olaf Henkel könnte doch mal mit Hans-Ulrich Jörges, Heiner Geißler, Klaus von Dohnanyi und Jürgen Falter schön ins Kino gehen, am Sonntag.
Mut zum Einzelgespräch!
Es fehlt dem deutschen Fernsehen wahrlich nicht an großen Runden, in denen vier bis acht Menschen ihre Rollen spielen und wild durcheinanderreden, mit all den Ritualen von: „Ich habe Sie vorhin ausreden lassen, vielleicht könnten Sie nun auch so freundlich sein . . .“ bis hin zu: „Bevor ich Ihre Frage beantworte, möchte ich noch einmal zurückkommen auf das, was der Herr von der Regierung gerade . . .“ Was dem deutschen Fernsehen heute fehlt, ist das konzentrierte Einzelgespräch, das eigentlich in „Zur Person“, „Monitor – im Kreuzverhör“ oder „Ich stelle mich“ eine große Tradition hat. „Tagesthemen“ und „Heute Journal“ bieten bestenfalls die Möglichkeit, kurz vorzuführen, dass ein Verantwortlicher nicht bereit ist, auf kritische Fragen zu antworten – aber es fehlt die Zeit und vor allem die räumliche Nähe für ein echtes Gespräch.
Der Einzige, der regelmäßig auf die Macht einer intimen Gesprächssituation setzt, ist Reinhold Beckmann, für den diese Intimität aber genauso regelmäßig nur ein Mittel für Gefühlsprokeleien und Wichtigtuereien ist anstatt für einen klugen Diskurs. Am fehlenden Personal kann es nicht liegen: Sowohl Sandra Maischberger als auch Anne Will beherrschen die Form des Einzelinterviews – bei Jauch würde man den Versuch gerne einmal sehen.
Kampf dem Proporz!
Wenn schon die Parteien der Bundesregierung selbst mit Hochdruck daran arbeiten, den Eindruck zu erwecken, Regierung und Opposition in einem zu sein, sollte auch der letzte öffentlich-rechtliche Angsthase überzeugt sein, dass sich jedes klassische Proporzdenken überlebt hat. Es muss möglich sein, interessante Menschen einzuladen, ohne gleich einen Widerpart zu besetzen (ein Arbeitgebervertreter auf einen Arbeitnehmervertreter, einen Sozialisten auf einen Neoliberalen). Ein guter Moderator kann im Zweifel die Rolle des kritischen Nachfragers besser ausfüllen – und ohne die übliche Besetzung nach dem Prinzip der Ausgewogenheit wächst auch die Chance, dass Menschen einmal aus ihren üblichen, bekannten politischen oder kommunikativen Rollen herausfallen.
Neue Themen braucht das Land!
Die meisten der heute bestimmenden Fernsehmacher haben in den siebziger und achtziger Jahren studiert, als die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, VWL und die „Powi“ modern waren. Entsprechend drehen sich heute politische Sendungen gern um Rente, Gesundheit, Wirtschaft und Soziales. Dabei könnte man mit der Neurowissenschaft fragen, welche Politik glücklich macht, mit der Mathematik, ob Algorithmen unser Leben bestimmen, oder der Philosophie, was das alles soll. Statt eines abstrakten Themas könnte es auch mal um ein Land gehen, in einer Sendung mit der Frage „Was eigentlich los ist in Belgien?“ oder: „Ob das Saarland verschwindet?“ Es dürfte sogar mal über Kultur und Geschichte gestritten werden am Sonntag.
Ablauf in den Abfluss!
Das Fernsehen ist der einzige Ort, in dem immer alles vorhersehbar und planbar scheint, und das Sonntagabend-Talkshow-Ritual ist von all den Fernsehritualen ganz besonders vorhersehbar. Der Zuschauer soll wissen, was ihn erwartet, er soll unterfordert werden. Was, wenn plötzlich etwas – passiert? Ein unerwarteter Gast hereinschneit? Nach all den formatierten Jahren erwarten wir nun das Unerwartete!