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Fernsehvorschau „Tatort“ Sie wollte nichts als Fußball spielen

19.06.2011 ·  Eine Fußballerin wird ermordet, und das kurz vor der Frauen-Weltmeisterschaft. Der DFB, der sich kürzlich noch aufregte, als es im „Tatort“ um schwule Fußballer ging, spielt dieses Mal mit. Der Wunsch nach einem neuen Sommermärchen ist eben groß.

Von Hubert Spiegel
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Die Nationalspielerinnen haben ihn schon gesehen. Der DFB-Präsident auch. Der neue „Tatort“ des SWR, der an diesem Sonntag gezeigt wird, hat bereits Tage vor seiner Fernsehpremiere für Schlagzeilen in den Boulevardblättern gesorgt. Die Atmosphäre wirkt ein wenig angespannt. Denn zum einen hat der Deutsche Fußballbund sich äußerst dünnhäutig gezeigt, als vor einigen Monaten Kommissarin Odenthals Kollegin Charlotte Lindholm im Fußballermilieu ermittelte und dabei überraschenderweise herausfand, dass Männer, die Fußball lieben, zuweilen auch andere Männer lieben, die Fußball lieben. Außerdem steht die Neuauflage des deutschen Fußballsommers von 2006 an.

Welches Sommermärchen diesmal erzählt werden soll, scheint noch umstritten, denn weder die Geschichte vom hässlichen Entlein noch die von der Gans mit den goldenen Eiern will so recht passen. Dabei geht es natürlich um beides, um Schönheit und Reichtum. Aber auch das ist längst nicht alles. Dreimal ist Deutschland Fußballweltmeister geworden, 1954, 1974 und 1990. Noch beim letzten Titelgewinn bei der WM in Italien wären wenige auf den Gedanken verfallen, Deutschland müsse auch unbedingt Weltmeister im Frauenfußball werden, wenngleich die Damen 1989 Europameister geworden waren. Frauenfußball war im Land des dreimaligen Weltmeisters etwa so exotisch wie Bobfahren auf Jamaika: Stoff für eine Komödie.

Ein Vorurteil, das von der Realität bestätigt wird

Dass der Frauenfußball nun Stoff für den Sonntagabendkrimi, also den klassischsten Sendeplatz des deutschen Fernsehens, geworden ist, muss als Signal gelten. Aber wofür eigentlich? Auch andere Zeichen sind nur schwer zu deuten: Eine gute Woche vor Beginn der WM sind drei Viertel aller Karten verkauft. Ist das viel oder wenig? Einige Nachwuchsspielerinnen haben sich pünktlich zur WM mehr oder weniger unbekleidet fotografieren lassen. Ist das Verrat an der Sache des Frauenfußballs oder ganz normales Geschäftsgebaren im Profisport, wo die Selbstvermarktung ja sonst auch keine Grenzen kennt? Außerdem haben sich schon etliche Sportlerinnen anderer Disziplinen für den Fotografen ausgezogen, vom Eiskunstlauf bis zum Florettfechten. Wo ist da der Unterschied?

Er liegt zum Beispiel darin, dass wohl keine Eiskunstläuferin jemals sagen würde, sie habe den Nacktaufnahmen ja nur zugestimmt, um zu beweisen, dass keineswegs alle Eiskunstläuferinnen so grobknochige Mannweiber seien, wie immer behauptet werde. Der Frauenfußball hingegen steckt in der Vorurteilszange: Ist er sportlich erfolgreich, gilt er als unweiblich, inszeniert er seine Weiblichkeit, wird ihm mangelnde sportliche Seriosität vorgeworfen. Dass viele Männer Frauenfußball nicht sonderlich schätzten, ist ebenfalls ein Vorurteil, aber eines jener Sorte, die von der Realität regelmäßig bestätigt wird. Die männliche Ablehnung folgt dabei nicht selten einer Argumentationsstrategie, die sonst als typisch weiblich gilt: Entschieden wird rein gefühlsmäßig, aus dem Bierbauch heraus.

Allein der Platzwart erscheint unverdächtig

So hält es auch Kopper, Lena Odenthals Kollege, als die Ermittler in das kleine Stadion des FC Eppheim gerufen werden. In der Kabine liegt der Star der Mannschaft, nackt, bloß und erschlagen. Die schöne Fadime (Filiz Koc) war auf dem Sprung zur großen Karriere: Sie spielte in der Nationalmannschaft, in den Vereinigten Staaten lockte die Profiliga. Fehlten nur noch gutdotierte Werbeverträge. Während ihre Mannschaftskolleginnen nach drei Niederlagen erbittert für das nächste Spiel trainieren, posiert die wegen angeblich schlechter Leistung auf die Ersatzbank verbannte Fadime am Spielfeldrand leicht bekleidet für den Fotografen, der später die Aufnahmen von ihrem toten Körper verhökern wird.

Eigentlich wollte Fadime ihr ganzes Leben lang nichts anderes, als Fußball zu spielen. Auf dem Platz war sie frei und glücklich. Aber am Ende gibt es niemanden in ihrer gesamten Umgebung, der nicht als mordverdächtig gilt. Jeder hätte ein Motiv: Ihre Mitspielerinnen waren eifersüchtig, die Trainerin riskierte über dem Streit mit Fadime ihren Job, weil der Manager die attraktivste Spielerin nicht auf der Ersatzbank sehen will. Manager Meingast braucht den sportlichen Erfolg, und er will auf die schöne Muslima als Aushängeschild des Vereins, der von seinem Hauptsponsor abhängig ist, um keinen Preis verzichten. Kaum weniger verdächtig sind Fadimes strenggläubige Eltern sowie ihr Verlobter. Der Kfz-Mechaniker erwies sich als braver Klotz am durchtrainierten Karrierebein und wurde abserviert. Allein der Platzwart erscheint unverdächtig. Er ist die gute Seele des Vereins und unter lauter selbstbewussten, professionellen und grenzenlos leistungsbereiten Frauen so etwas wie das letzte Mädchen, das Mädchen für alles.

Der Funktionär als Schauspieler

Michael Lott spielt das Faktotum eindringlich als reinen Toren. Steffen Rennert gehört zur aussterbenden Spezies des wahren Fans, ein Idealist am Rasenmäher, unermüdlich im Dienste eines Sports, der seine Unschuld längst verloren hat. Für Rennert hat sich nur hier, in dem kleinen Provinzstadion seiner allzu schnell aufgestiegenen Frauenmannschaft, all das erhalten, was der Legende nach den Männerfußball einmal ausgezeichnet hat. Für Rennert dient der Frauenfußball als Ersatzparadies: ein Hort traditioneller männlicher Werte wie Kameradschaft oder Fairplay, die im brutalen Geschäft des Profifußballs zum Untergang verurteilt waren. Der Nostalgiker sucht im Frauenfußball, was er im Männerfußball nicht mehr finden kann.

Nach dem letzten Fußball-„Tatort“ zeigte sich der DFB empört. Manager Bierhoff sprach sogar von „Missbrauch“, weil die Worte Homosexualität und Nationalmannschaft im selben Satz gefallen waren. Jetzt haben Bierhoff, Löw, Theo Zwanziger und die Fußballspielerinnen Steffi Jones und Celia Okoyino da Mbabi sogar eine kleinen Auftritt. Erwartungsgemäß beweist der gelernte Funktionär die größten schauspielerischen Qualitäten. Die gleichgeschlechtliche Liebe ist in diesem „Tatort“ übrigens kein Thema. Noch ein Punkt, in dem sich Frauen- und Männerfußball immer ähnlicher werden?

Der Tatort. Im Abseits läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

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