20.09.2009 · Ein früherer Groupie fällt vom Hotelbalkon, Kommissar Borowski und die Psychologin Frieda Jung landen, Kenner haben es längst erwartet, im Bett. Mordverdächtig ist der Rockbarde Bodo Dietrich, gespielt von Hugo Egon Balder. Dessen Vorstellung ist zwar ein Hohn, führt aber auf die richtige Fährte.
Von Uwe EbbinghausBorowski ist sauer, in seinem neuen Fall werden die Ermittlungen behindert. Eine Frau ist aus dem oberen Stockwerk eines Hotels gefallen, es besteht dringender Verdacht auf Mord. Derjenige, der zuletzt mit ihr verabredet war, ist der Sänger Bodo Dietrich. Der sei eine „Institution“, sagt Borowskis Vorgesetzter, werde „verglichen mit Goethe, Brecht und Benn“ und könne daher nicht streng nach Vorschrift behandelt werden.
Der Zuschauer hat an dieser Stelle die Institution schon gesehen, sie wird mit waghalsigem Mut zur Fallhöhe gespielt von niemand geringerem als dem früheren Schillertheaterschauspieler und Doyen der deutschen Fernsehcomedy, Hugo Egon Balder, der, ganz Profi des risikolosen Minimalismus, die Rolle nicht genial, sondern, mangels Alternative, daneben anlegt: Mit langen angeklatschten Haaren schlurft er im Schildkrötentempo gebeugt durchs Bild, und wenn er die Sonnenbrille abnimmt, blickt er drein wie ein schwerhöriger Vierbeiner.
Künstlerische Größe für Sonntagabendzuschauer
Auch Borowskis Kollegin Frieda Jung (Maren Eggert) ist auf Dietrichs Seite. Ein Mann, der Songzeilen schreibe wie „Alles steht still, wir fallen aus der Zeit, um uns der Himmel ganz nah und ganz weit“, könne kein schlechter Mensch und schon gar kein Mörder sein. So ähnlich hieß es schon in der Columbo-Folge „Schwanengesang“ mit Johnny Cash, nur hatte man den mordverdächtigen Sängerstar mit der unschuldigen Stimme dort mit einer echten Legende besetzt.
Die Goethe-Balder-Erbfolgeidee der Drehbuchautorin und Regisseurin Angelina Maccarone (da Doris Heinze als Redakteurin dieser Folge verantwortlich zeichnet, sei die Pointe gestattet: Es gibt sie wirklich), die, wie es heißt, früher Texte für Udo Lindenberg geschrieben hat, der wiederum reales Vorbild für Dietrich ist, geht natürlich komplett in die Hose. Und das nicht, weil sie hochkulturelle Eingeschnapptheit erzeugt, sondern, weil sie die Intelligenz des Zuschauers ganz grundlegend beleidigt. Denn die genannten Namen fallen in Wahrheit wohl nur deshalb, weil man beim deutschen Fernsehen offenbar davon ausgeht, dass dem Sonntagabendzuschauer künstlerische Größe gerade noch mit dem Verweis auf Goethe und Brecht zu vermitteln ist.
Ein schweres Erbe
Man sollte aber weder Deutschlands Zuschauer noch seine Drehbuchautorinnen unterschätzen, denn ansonsten ist der neue Kieler „Tatort“ ein guter. Geschickt gemacht ist vor allem der Anfang, der über Minuten hinweg lauter Rätsel aufgibt, die fast surrealistisch wirken, aber sich im Lauf des Films bis ins Detail hinein realistisch auflösen. Warum zum Beispiel lauert die später ermordete Margret Saloschnik (charismatisch: Helen Schneider) Bodo Dietrich wie ein Spätgroupie vor der Garderobe auf? Warum sieht er in ihr die Überblendung einer jungen Frau, die in dem späteren Tatort-Hotel, das ganz in eine „Shining“-Atmosphäre gehüllt ist, an der Rezeption steht? Warum plaziert sie vor ihrem Treffen mit dem Sänger Gurte unter der Matratze des Hotelzimmers, und wer gibt ihr, die man dort allein wähnte, in einer geradezu clownesken Szene, plötzlich aus der Toilettentür heraus Feuer?
Ein schweres Erbe hinterlässt dieser Kieler „Tatort“ den nachfolgenden Autoren aber vor allem, weil sich Borowski und Jung erstmals küssen und sogar im Bett landen. Milberg und Eggert spielen diese Annäherung grandios. Künftig wird das zaghafte Werben der beiden, das den Reiz der Konstellation ausmachte, jedoch fehlen. Nun haben sie einander. Der Autor der nächsten Folge sollte daher ein mit allen Wassern der erfüllten Liebe gewaschener Ovid, ein Shakespeare seiner Zunft sein.
Spoiler
Jan Bartussek (Nichtvergeben)
- 21.09.2009, 00:54 Uhr
Unter eine Bettdecke
Claus Ernst (V_Brevis)
- 21.09.2009, 15:30 Uhr