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Fernsehvorschau: Mike Barkers „Seewolf“ Existenzzyniker und Befehlsmaschine

04.11.2009 ·  In der nunmehr neunten Verfilmung von Jack Londons „Seewolf“ zerquetscht niemand eine Kartoffel. Der junge Humphry van Weyden fällt als Erzähler aus. Dafür bekommt Maud Brewster, das Objekt seiner Begierde, endlich einen eigenen Handlungsstrang.

Von Jochen Hieber
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Eines zumindest sei gleich verraten: Als Kapitän Wolf Larsen bleibt es dem Schauspieler Sebastian Koch in der neuen Fernsehverfilmung von Jack Londons Roman „Der Seewolf“ erspart, eine rohe Kartoffel mit der bloßen Hand zerdrücken zu müssen, um so seine animalische Kraft unter Beweis zu stellen. Die Szene, von Jack London im Jahr 1904 auf wenigen Zeilen geschildert, wurde zum Schicksal des Zehnkämpfers und Schauspielers Raimund Harmstorf, der den Seewolf Larsen im legendären ZDF-Vierteiler von 1971 spielte und die verdammte Kartoffel als durchaus zweifelhaftes Markenzeichen nie mehr los wurde.

Die neue ZDF-Fassung, vom britischen Regisseur Mike Barker in Szene gesetzt, deutet die Kraftprobe nur indirekt an. Sie ist zugleich der inzwischen neunte filmische Versuch, mit dem Schauerstoff aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert auf der Leinwand Kasse oder an den Bildschirmen Quote zu machen. Erst im vergangenen Jahr hat uns Pro Sieben mit einem eigenproduzierten „Seewolf“ beglückt und dafür Thomas Kretschmann als verdüstert brutalen Kapitän in Westernmanier ins Rennen geschickt.

Im szenischen Selbstbedienungsladen

Der Roman selbst ist ein literarisch durchaus schwächerer, aber nicht minder erfolgreicher Nachfahr von Herman Melvilles „Moby Dick; oder: Der Wal“ aus dem Jahr 1851. Und natürlich ist das Original von Londons „Seewolf“ für Filmproduzenten wie Regisseure und Drehbuchautoren längst zum szenischen Selbstbedienungsladen und sprachlichen Versatzstücklieferanten geworden: Man nimmt sich, was zum eigenen Vorhaben passt, und erfindet das Weitere einfach munter hinzu. Der Roman ist ja inzwischen ohnehin rechtefrei, will sagen: ein stoffliches Freiwild.

Wolfgang Staudtes Fernsehklassiker von 1971 etwa fügt den immer wieder gerne genommenen Schlüsselszenen des Romans Passagen aus anderen Erzählungen und aus autobiographischen Aufzeichnungen des Autors Jack London hinzu: Dass darüber die Handlungslogik völlig aus den Fugen gerät, scherte angesichts des Mehrwerts an schönen Bildern im Grunde niemanden. Dramaturgisch erinnert dieser auf sechs Fernsehstunden gestreckte und naturgemäß auf DVD immer noch gegenwärtige „Seewolf“ an die Karl-May-Filme der sechziger Jahre, Raimund Harmstorf war ein Old Shatterhand auf großer Meeresfahrt, bei der freilich aller Edelmut alsbald auf der Strecke blieb.

Tod und Teufel, hinkend und vernarbt

Im Gegensatz zu Staudte verzichten Mike Barker und sein Drehbuchautor Nigel Williams nun ganz auf die Erzählerstimme des Romans. Ihr Humphry van Weyden (Stephen Campbell-Moore) ist zwar immer noch ein junger Literaturkritiker aus San Francisco, der als Schiffbrüchiger auf Larsens Robbenschoner „Ghost“ gelangt, er muss aber auf alle einem Ich-Erzähler zustehenden Privilegien verzichten – kein wertender Kommentar, kein Rückblick, keine Vorausdeutung des Geschehens stehen ihm mehr zu. Im Roman hat van Weyden einst eine hymnische Rezension auf die Gedichte der jungen Lyrikerin Maud Brewster verfasst, weshalb es ihm leichtfällt, auf Larsens Seelenverkäufer nun auch deren Herz zu gewinnen. In der neuen Verfilmung hingegen steht am Anfang ein Verriss, also stößt des Kritikers Werben um die Schöne jetzt erst einmal auf gnadenlose Zurückweisung.

Die schöne Maud wird von Neve Campbell gespielt. Ihr Part wird in Barkers „Seewolf“-Version durchs Hinzufügen eines eigenen Handlungsstrangs enorm aufgewertet. Mehr noch, sie wird, dies ein Zeichen unserer Gegenwart, neben Kapitän und Kritiker zu einer ihnen gleichrangigen Hauptfigur promoviert, während sie im Roman und in den bisherigen filmischen Adaptionen als seelenvolles Weibchen lediglich am Rande mitlief. Ebenfalls massiv in Szene gesetzt wird Wolf Larsens Bruder, der mit dem Schauervornamen Death, einer entsetzlich vernarbten Verbrechervisage und einem so elenden Hinkebein geschlagen ist, dass dem Schauspieler Tim Roth gar nichts anderes übrigbleibt, als Luzifers leibhaftiger Stellvertreter auf Erden zu sein.

Ein durchaus dynamisches Seespiel

Vielfach ausgezeichnet, war Sebastian Koch 2001 Klaus Mann in Heinrich Breloers „Die Manns“, 2004 die Titelfigur in Jo Baiers „Stauffenberg“, in Breloers „Speer und Er“ spielte er 2005 Albert Speer, in von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“ 2006 den DDR-Dramatiker Dreymann, jüngst gab er den Major von Crampas in Hermine Huntgeburths „Effi Briest“. Eine Prachtrolle wie der Seewolf Larsen lag da schlicht auf seinem Weg. Er füllt sie aus. Und zwar nicht als Kraftpaket wie weiland Harmstorf, sondern als Existenzzyniker mit Lesebrille und intellektueller wie nautischer Passion. Was ihm an Muskeln fehlt – Jack London konnte gar nicht genug vom „Bizeps“ des Kapitäns schwärmen –, macht er durch strategisches Chefhandeln und als Befehlsmaschine mehr als wett. Im Grunde ist er zu fein für die vielen Prügel- und die handfesten Demütigungsszenen des „Seewolfs“, aber weil sie nun mal sein müssen, besteht er sie eben auch. Besonders überzeugend rastet er aus, als ihm van Weyden in der Pose eines Sozialtherapeuten erklären will, auch er, Larsen, sei „nur das Produkt gewisser gesellschaftlicher Umstände“. Just diese Fausthiebe gönnen wir dem Kritiker von Herzen.

Im Ganzen ist der neue „Seewolf“ ein recht passabler Zweiteiler, der aus dem bisweilen etwas behäbig fortschreitenden Roman ein durchaus dynamisches Seespiel macht. In zwei Szenen riskiert er es zudem, den Spannungskonsens fürs Familienprogramm aufzukündigen. Beide Szenen zeigen die Robbenjagd von Larsens Leuten vor der japanischen Küste. Jack London schrieb darüber mit moralisierender Abscheu – und mit puritanischer Kritik an der Gefallsucht der Frauen. Mike Barker inszeniert die Robbenjagd als das, was sie vor allem ist: ein schlicht brutales Abschlachten.

Die zweite Folge des „Seewolf“ läuft am Mittwoch um 20.15 Uhr im ZDF.

Quelle: F.A.Z.
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