Es war kein Traum. Die Insel ist nicht die Hölle. Und alles ist wirklich geschehen. Sechs Jahre nachdem Oceanic-Flug 815 auf einer mysteriösen Insel abstürzte und sich die Überlebenden mit Eisbären, Rauchmonstern, inseleigenen und inselfernen Intriganten, vor allem aber ihren eigenen Dämonen herumschlagen mussten, ist nun die verzwickteste Fernsehserie aller Zeiten zu Ende gegangen. Freunden der Serie, die das Ende selbst erleben wollen, sei geraten, nicht weiterzulesen.
Mit dem Augenlid des sterbenden Jack senkte sich der Vorhang über „Lost“, und kaum ein Fan dürfte das Ende trockenen Auges überstanden haben. Nicht nur, weil der Held der Serie damit so hinreißend traurig dahinschied, sondern auch, weil hiermit eine Serie zu Ende gegangen ist, welche die Phantasie der Zuschauer über sechs Jahre kitzelte wie keine zuvor. Vor allem aber, weil die Macher ein würdiges Ende erdacht haben, das in guter „Lost“- Tradition eben nicht alle metaphysischen Rätsel löst, sondern stattdessen in großer, manchmal überkandidelter Gestik die innere Befreiung der Figuren feiert. Denn der Titel der Serie bezieht sich ja nicht eigentlich auf die Verortung der Figuren in Raum und Zeit, sondern auf ihre seelische Orientierungslosigkeit und die Suche nach Erlösung - „Lost“ handelt von unerfüllter Liebe, von verweigerter Anerkennung, von Nicht-Zugehörigkeit, Selbsthass und Selbstzweifel.
Rauchmonster, Flucht und Bomben
In der Schlüsselszene der letzten Episode sind Raum und Zeit, an deren verschachtelten Verschiebungen sich die Zuschauer sechs Jahre lang die Zähne ausbissen, endgültig aufgehoben. Ja, sagt Jacks Vater Christian zu seinem Sohn in der Kirche, in der sich die Figuren am Ende versammelt haben, alle sind tot: „Jeder stirbt mal. Manche sind vor dir, manche lange nach dir gestorben.“ Aber dennoch sei alles wirklich: „Ich, du und alles, was dir je widerfahren ist.“
Und was den Gestrandeten - der strafvollzugsflüchtigen Kate, dem Arzt und Alkoholiker Jack, dem zynischen Trickbetrüger Sawyer, dem geheilten Gelähmten Locke, dem intriganten Manipulator Ben, dem alterslosen Richard und dem halben Dutzend weiterer Hauptfiguren - in den vergangenen sechs Jahren alles widerfahren ist: Da war das geheimnisvolle Rauchmonster, das sich als Alter Ego eines der beiden Ur-Zwillinge der Insel - Jacob und der Man in Black - entpuppte. Da waren die offenbar feindseligen „Anderen“ unter der Führung des undurchsichtigen Ben Linus, der die Insel von der utopistischen Dharma-Initiative übernommen hatte. Da war der Frachter, der nicht das erhoffte Rettungsschiff, sondern die mörderische Kommandozentrale von Ben Linus' Erzfeind Charles Widmore war. Da war die gelungene Flucht von sechs der Überlebenden, für die die Erlösung zum Albtraum wurde, als Schuldgefühle über die zurückgelassenen Freunde sie überwältigten und zur Rückkehr veranlassten. Da waren die Verschiebungen in Raum und Zeit, die Liebende auseinanderrissen und andere zueinander führten, die seltsame Koalitionen und tiefe Feindschaften schürten. Und da war die Bombe, die am Ende der fünften Staffel alles ungeschehen machen sollte - und stattdessen die „Lost“-Welt abermals in zwei spaltete: eine, in der Oceanic-Flug 815 sicher in Los Angeles gelandet war, und eine, in welcher der Plan, mit Hilfe der enormen Energie der Insel den Verlauf der Dinge zurückzudrehen, gescheitert war.
Verschachtelte Logik bloßer Scheingefechte
Am Schluss ging es nun um das Lebenslicht der Insel selbst, um das der Man in Black und Jack ringen. „All dies - dass du ihn zerstörst, dass er die Insel zerstört - spielt keine Rolle“, sagt Desmond zu Jack, und Jack entgegnet: „Alles spielt eine Rolle.“ Wie sich herausstellt, argumentieren die zwei auf unterschiedlichen Bedeutungsebenen, und wer an der verschachtelten „Lost“-Logik über die letzten sechs Jahre verzweifelt ist, mag hierin Trost finden.
Jack hat recht: Alles ist wichtig, denn am Ende ist es den Figuren nur um den Preis vergönnt, Frieden mit sich und ihrer Geschichte zu machen, dass sie ihre Geschichte leben. Aber auch Desmond hat recht - früher oder später werden sie alle den Kampf gegen sich selbst aufgeben müssen, und wie das Ende der Serie nahelegt, waren womöglich manche der dringendsten Momente bloße Scheingefechte. Wäre die Welt wirklich mit der Insel untergegangen, wenn Jack das Licht nicht wieder angeknipst hätte? Wäre Oceanic 815 nicht abgestürzt, wenn Desmond rechtzeitig die Zahlen eingegeben hätte? Hat das Schicksal oder der freie Wille die Oberhand? Sind Gut und Böse doch bloß zwei Seiten derselben Medaille? „Die Wahrheit wird uns befreien - aber erst, wenn sie mit uns fertig ist“, sagte der Schriftsteller David Foster Wallace, und vielleicht haben sich die Serienmacher J.J. Abrams, Damon Lindelof und Carlton Cuse davon inspirieren lassen.
Spekulationen und keine Antworten
Eine faszinierende Prämisse, eine clever verschlungene Erzählstruktur, eine tolle Figurenkonstellation und, nicht zuletzt, Metaphysik zum Mitdenken haben „Lost“ zu einem Phänomen gemacht. Am Ende steht ein großer humanistischer Appell: Erlösung bedarf Miteinander. Die schönste war die von Benjamin Linus, dem vielschichtigen, faszinierendsten Bösewicht der Fernsehgeschichte. Seine verbitterte Suche nach Zugehörigkeit erfüllt sich in seiner Ernennung zum Hüter der Insel.
Dass Fragen offenbleiben, darf niemanden überraschen. Warum waren alle Figuren außer Walt und Michael am Ende in der Kirche? Warum starben alle auf der Insel schwanger gewordenen Frauen? Und überhaupt: Was war diese Insel am Ende? Mythischer Ort, Monstrosität der Natur, Symbol der Liebe, eine Art Fegefeuer? Es spielt keine Rolle, dass das Finale darauf keine Antwort gibt. „Lost“ war immer dann am besten, wenn es Fragen bloß aufwarf und die Spekulation über die Antworten dem Zuschauer überließ. Das Nachdenken über den Schluss hat gerade erst begonnen.