03.10.2009 · Günther Jauch lud auf RTL zum „großen Ost-West-Duell“. Das Geschichtsquiz freilich erwies sich als reinste Nostalgie-Show - Trabbi und Nacktmodelle inklusive. Eine kopfschüttelnde Frühkritik von Matthias Hannemann.
Von Matthias HannemannEs mag ja verständlich sein, dass man nicht immer wieder mit diesen Sachen konfrontiert werden möchte: mit dem Unrecht, mit der Überwachung, dem Terror zumal. Es mag auch sein, dass diese Dinge zuweilen unausgesprochen im Raum stehen. Schon die Grenzen des Staates aber, dessen Selbstbezeichnung nur in Anführungszeichen zu ertragen war, waren etwas anderes als die blickdichten Absperrungen einer fidelen Nudistenvereinigung, die mit dem Ostseestrand auch gleich das gesamte Gelände bis zum Erzgebirge okkupierte.
Also stellte sich, als wir den Fernseher einschalteten, der unangenehme Eindruck ein, Günther Jauchs „großes Ost-West-Duell“ auf RTL sei bloß eine der üblichen und gar nicht einmal so unterhaltsamen Varianten des Nostalgiefernsehens, wie es in seiner Mischung aus Archivschnipseln, A- und B-Promi-Kommentaren (Claudia Roth! Warum ist bei diesen Einspielfilmen eigentlich ständig Claudia Roth zu sehen?) und Trivial-Pursuit-Elementen nicht kleinzubekommen ist.
Tabu: Die Frage nach dem „Warum?“
Zwei Rateteams standen sich gegenüber, getrennt durch einen demonstrativen Riss in der schwarz-rot-goldenen Kulisse. Das „Team West“ hatte Fragen über Leben und Alltag in der „Deutschen Demokratischen Republik“ zu beantworten. Das „Team Ost“ stellte sich Fragen über das Leben im Westen. Und wenn es gut lief an diesem Abend, dann konnten die Anrufer, die fünfzig Cent für einen Versuch bei den RTL-Computern übrig hatten, nach der Quiz-Beteiligung gar einen Kleinwagen abgreifen - ein Westprodukt für Anrufer aus dem Osten, ein osteuropäisches Vehikel für jene aus dem Westen. Man teile das Land, sagte Moderator Günther Jauch, um zu sehen, ob man es später dann wieder zusammenkriege. Oder formuliert in der Sprache der Programmzeitschriften: „Ist die Mauer wirklich weg?“
Für die zentrale Frage, warum eine Regierung eigentlich auf die Idee verfallen war, seine eigene Bevölkerung einzukerkern, war da kein Platz. Sie blieb in der Sendung ebenso ein Tabu wie das Wort „soziale Marktwirtschaft“, das neben dem Bekenntnis zur Demokratie den Aufstieg, Erfolg und die Anziehungskraft Westdeutschlands erklärt. Im Osten Planwirtschaft, hieß es lapidar, im Westen „Wirtschaftswunder“. Ach so. Erklären Sie das mal einem, der 1989 geboren wurde.
Es mangelte an einer Stimme
Sicher, die Redaktion der Sendung und Günther Jauch werden sich zugute halten, indirekt auf die Auswirkungen der Diktatur im Osten hingewiesen zu haben, und das stimmt ja auch irgendwie: Was stand, lautete eine der Fragen, in der DDR auf dem Lehrplan der neunten Klasse? Der Handgranatenweitwurf - es gibt sogar noch kleine Filmaufnahmen davon. Was ließ sich Honecker im Urlaub tagtäglich von Wandlitz auf die Insel Vilm bringen, während die Supermarktregale leer waren? Frische Brötchen, bestrichen mit Langnese-Honig aus dem Westen (Honecker, erzählte dessen Butler, sei als Mensch „sehr kalt“ gewesen). Wie stand es um die Reisefreiheit im Osten? Nicht „ganz so üppig“ wie im Westen. Und welche Fernsehbilder landeten im September 1979 auf dem Index? Es war der Sandmann im Heißluftballon. „Stern-TV“-Macher Günther Jauch hielt sofort den zugehörigen „Stern“-Titel von 1979 in die Kamera, der von einer Ballonflucht aus der DDR wenige Tage zuvor berichtete.
Dennoch mangelte es an einer Stimme, die - Unterhaltungssendung hin oder her - zumindest einmal in aller Deutlichkeit die Dinge, die Verantwortlichen und ihre ruinöse Ideologie beim Namen genannt hätte. Die den Hinweis kritisch eingeordnet hätte, es habe im Osten keine Arbeitslosigkeit gegeben. Die auch ausgesprochen hätte, dass die Unterdrückung der Frau im Westen durch den 1958 gestrichenen BGB-Paragraphen 1358 nicht mit der Verneinung von Bürger-, Menschen- und Freiheitsrechten im Osten Deutschlands verglichen werden sollte. Denn das war es doch, was man hier nahelegte, oder nicht? Ach, wie schön wäre es doch gewesen, ein Mann wie Reiner Calmund hätte, anstatt abermals von der Zeugung seiner Tochter in einem Opel Rekord zu erzählen, an das Übel erinnert, das im Herbst 1989 schlussendlich überwunden wurde! Dann hätte man die Interviews mit den vielen Aktmodellen Ost und West doch gleich ganz anders ertragen.
Nena stand schon hinter der Bühne
Es gewann an diesem Abend übrigens das Team Ost, das aus Jens Riewa, Cindy aus Marzahn, Andrea Kiewel und Boxer Axel Schulz bestand, der allerdings im Nebensaal damit beschäftigt war, einen Trabbi zu zerlegen. Zwar hatte sich Cindy wiederholt beschwert, die Fragen an das Team Ost seien unfair und zu schwer; das brachte ihr stante pede den Vorwurf Günther Jauchs ein, „genau das“ sei der Minderwertigkeitskomplex des Ostens. Glücklicherweise aber ahnte man bei der Schlussfrage, das Nena wesentlich öfter auf Bravo-Titelbildern zu sehen war als Michael Jackson, Kylie und Madonna, und setzte sich damit beim „großen Ost-West-Duell“ knapp durch. Nena unterdessen stand schon hinter der Bühne, um ihr neues Album „Made in Germany“ vorzustellen.