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Fernsehkritik: „Die Schwester“ Die Ladies bitten zum Tanz

08.09.2010 ·  Rosemarie Fendel und Cornelia Froboess spielen zwei Schwestern, die vom Leben noch einmal alles wollen. Viel hat dieser Film über fortgeschrittene Leben zu zeigen. Schaudern und Bewunderung wechseln beim Zusehen.

Von Dieter Bartetzko
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Ist das nun der Reflex auf die demographische Umwälzung? Zufall kann es jedenfalls nicht sein, dass beispielsweise „Wolke neun“, Andreas Dresens Film über Altersliebe und betagtes Begehren, 2008 in Cannes preisgekrönt und bei uns ein Publikumsrenner wurde. Oder dass am vergangenen Wochenende den letzten „Tatort“ des Erfolgsduos Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf, (die zum Abschied gelegentlich mit ernsten Sprüchen über ihre Rente verblüfften), der leidenschaftliche Beischlaf zwischen dem gerade pensionierten Chef der beiden und seiner Geliebten eröffnete.

Am Mittwoch also „Die Schwester“ mit Rosemarie Fendel und Cornelia Froboess. Vor wenigen Jahren hätte man sie ohne Umschweife zwei große alte Damen des deutschen Theaters genannt. Jetzt klingt das angesichts beider Vitalität und zeitloser Attraktivität wie eine Beleidigung. Das Gleiche trifft auf Margot und Wilma Brunner zu, die beiden Schwestern, die die beiden Schauspielerinnen in Margarethe von Trottas (Regie) und Johannes Rebens (Buch) Film verkörpern.

Mehr als sechzig Jahre gemeinsamen Lebens, sechs Jahrzehnte ohne den Status als Ehefrau oder Mutter - nur noch, und auch da einigermaßen verlegen, in unseren daily soaps geistern solche Frauen als weltfremde alte Jungfern durch die Häuser ihrer gereizten Verwandten. Die Wilma (Froboess) des Johannes Reben dagegen, ehemals erfolgreiche klassische Musikerin, ist zwar körperlich behindert, (was sie skrupellos zur Dauererpressung ihrer Schwester einsetzt), aber bei überscharfem Verstand, mit dem sie als gewiefte Spekulantin ihre einstigen Gagen zu einem stattlichen Vermögen gesteigert hat. Das kommt auch Margot (Fendel) zugute, ihrer äußerlich passiven, in ihren Gedanken aber aktiven und freien älteren Schwester, zugute.

Fulminantes Spiel

In ihrem herrlichen alten Haus könnten die beiden also, umsorgt von einer ruppig-fürsorglichen, jungen polnischen Haushälterin, sorglos in Erinnerungen an ihre vielen leidenschaftlichen Affären schwelgen. Tun sie manchmal auch, doch der Alltag ist eine Hölle gegenseitigen Demütigens und Quälens, ganz wie bei alten Ehepaaren. Das fulminante Spiel der Fendel und der Froboess, die - trotzdem stets souverän und subtil bleibend - ihre Rollen bis in die letzten Nervenzuckungen auskosten, überführt selbst grelle Anleihen Margarethe von Trottas und Johannes Rebens bei Bette Davis' Horrorklassiker „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ auf Ibsen- und Strindberg-Niveau.

Die mal tückisch hintersinnigen, mal vulgär brutalen Attacken der Wilma von Cornelia Froboess, das oft stumme, manchmal von rasierklingenscharfen Erwiderungen unterbrochene Leiden Rosemarie Fendels als Margot: Man kann nicht genug bekommen von diesen Duellen, Niederlagen und Desillusionsdialogen wie folgendem: „Warum sprichst du nicht?“ „Weil du mir dann antworten würdest!“

Die besten, weil verzaubernden Momente des Films aber beginnen, wenn Matthias Habich als Gregor Antonion, einkommensloser Wohnheiminsasse mit Herrenattitüde und zwielichtiger Vergangenheit, ins Spiel kommt. Es bleibt offen, ob ihn anfangs Margots kostbare antike Brosche oder ihr während eines Konzertbesuchs mit geschlossenen Augen hingebungsvoll lauschendes Gesicht anzieht. Nach wenigen Worten beginnt er phantasievoll, draufgängerisch und doch scheu um die Frau zu werben. Die haarsträubend konstruierte Handlung mag an allen Ecken und Kanten knirschen - Habichs Spiel und das der Fendel machen daraus Magie.

Zerbrechen von Hoffnungen

„Würde es Ihnen Freude machen, wenn wir uns wiedersehen?“, fragt Antonion nach der ersten Begegnung, offen, ernst und untergründig angstvoll, wie kein Vierzig- oder Fünfzigjähriger fragen könnte. So beginnt ein Flirten, das bald zu einer Art ungläubiger, spinnwebzarter Liebe wird, die sich selbst keinen Schritt über den Weg traut, beladen mit den Erfahrungen, Enttäuschungen, den Wunden und dem Überdruss ganzer Leben. Antonion zieht bei den beiden ein, Wilma wandelt sich (zurück) zur weltläufigen, großzügig warmherzigen und selbstironischen grande dame. Bis eines Nachts die mannstolle Megäre in ihr durchbricht; Gänsehaut, wenn sie ihr Begehren vor sich hinstammelt, dito, wenn später Rosemarie Fendels Gesicht in einer stummen Szene das Zerbrechen von Hoffnungen spiegelt.

Viel, sogar Ekelerregendes, hat dieser Film über fortgeschrittene Leben zu zeigen. So also kann es sein, wenn Menschen, die wir mit dem schulterklopfenden Etikett „Senioren“ demütigen, ihre Würde wahren und doch ihr Fühlen nicht ersticken wollen. Schaudern und Bewunderung wechseln beim Zusehen. Schließlich schauen wir in unsere Zukunft. Ob Altersstatistiken dabei mitgewirkt haben, ist unerheblich.

Die Schwester läuft heute um 20.15 Uhr im Ersten

Quelle: F.A.Z.
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