Home
http://www.faz.net/-gsb-6kvqg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Fernsehkritik: „Breaking Bad“ Die Droge des Walter White

Die Serie „Breaking Bad“ ist phänomenal. Sie lockt mit dem Reiz des Verbrechens, entpuppt sich aber als eine zutiefst moralische Serie. Ihr Autor erkennt seine Hauptfigur mittlerweile nicht mehr wieder.

© © Sony 2007 CPT Holdings Vergrößern Chemielehrer wird Dealer: Bryan Cranston (links) spielt Walter White

Diese Serie ist eine Zumutung. Das fängt schon damit an, dass sie ihre Zuschauer konsequent im Unklaren lässt, um welches Genre es sich überhaupt handelt. Hat man sich gerade in dem wohligen Gefühl eingekuschelt, eine schwarze Komödie zu schauen, reißt sie einem mit schockierend ernsten Wendungen und einer grausamen Gnadenlosigkeit gegenüber ihren Figuren den Boden unter den Füßen weg. Andererseits lässt sie gerade in die düstersten Momente des Dramas gern Knalleffekte von unfassbarer Komik platzen.

Ungemütlich macht sie es dem Zuschauer aber auch in der Frage, wie er sich zu den Charakteren und ihren Entscheidungen verhalten soll. Natürlich fiebern wir mit der Hauptperson Walter White mit, einem biederen fünfzigjährigen Chemielehrer, der nach der Diagnose, unheilbar an Krebs erkrankt zu sein, beschließt, für seine Familie zu sorgen, indem er anfängt, im großen Stil die Droge Chrystal Meth zu produzieren. Aber gerade, wenn man es geschafft hat, die Schattenseiten dieses Geschäftes auszublenden, und aus Sympathie zu dem hoffnungslosen ewigen Verlierer wünscht, dass er nicht ertappt wird, führt uns die Handlung die Unhaltbarkeit dieser Position vor, das Elend, die Kriminalität, die Unmenschlichkeit, die diese Droge und der Handel mit ihr produzieren.

Mehr zum Thema

Danach gibt es kein Zurück

„Breaking Bad“ lockt sehr wirkungsvoll mit dem Reiz des Verbrechens, entpuppt sich aber als eine zutiefst moralische Serie, welche die Charaktere mit ihren Selbsttäuschungen, unter bestimmten Bedingungen das Falsche tun zu dürfen, nicht davonkommen lässt. Nur mal ein bisschen Drogen produzieren, in einer persönlichen Notsituation und mit besten Absichten, ist keine Option. Die Figuren geraten in einen Sog, der sie zu immer auswegloseren Entscheidungen zwischen zwei Übeln zwingt, Entscheidungen auf Leben und Tod. Den ersten Menschen hat der brave Walter White schon in der ersten Folge auf dem Gewissen.

Breaking Bad 2 © Sendeanstalt/Copyright Vergrößern Knalleffekte von unfassbarer Komik lösen grausame Gnadenlosigkeit ab

Danach gibt es kein Zurück. „Breaking Bad“ zeigt uns den Absturz des Walter White, der gleichzeitig eine Befreiung ist. Eine Befreiung aus einem bürgerlichen Alltag voller Routine, Kleinmut und Vernunft, Demütigungen und Zumutungen, symbolisiert schon durch das Auto, das White fährt: einen unförmigen, plastikhaften Pontiac Aztek, schrecklich praktisch und uncool bis weit über die Grenze der Lächerlichkeit hinaus. Als Chemielehrer ist sein Talent verschwendet, die Schüler dämmern vor sich hin, als Drogenproduzent aber kann White seine Genialität zeigen, wird respektiert und schließlich gefürchtet.

Der Autor erkennt seine Figur nicht wieder

„Breaking Bad“ ist eine dieser phänomenalen amerikanischen Serien mit fortlaufender Handlung, die seit einigen Jahren weltweit Furore machen und das Genre zu neuen Höhen und nie geahnten Tiefen geführt haben. Sie stammt nicht von einem der großen Networks oder dem Pay-TV-Kanal HBO, sondern von dem kleinen Kabelkanal AMC, der auch „Mad Men“ in Auftrag gegeben hat und ursprünglich bloß Filme wiederholt hatte. Kreativer Kopf hinter „Breaking Bad“ ist Vince Gilligan, der viele Folgen von „Akte X“ geschrieben und produziert hat.

Das Wichtigste an Figuren, sagt er, sei ihre „Relatability“, das Maß, in dem wir uns in sie hineinversetzen, ihre Hoffnungen und Träume nachvollziehen können. Walter White ist ohne Zweifel eine solche Figur, gespielt von Bryan Cranston, den deutsche Fernsehzuschauer aus seiner Rolle des Vaters in der Sitcom „Malcolm mittendrin“ kennen und der für seine beklemmende Darstellung in „Breaking Bad“ schon drei Emmy-Auszeichnungen in Folge bekommen hat. Am Anfang, sagt Autor Gilligan gegenüber einer kanadischen Nachrichtenseite, hatte er das Gefühl, diesen Walter White zu kontrollieren, ihm Wörter in den Mund zu legen. Aber je weiter sich die Show entwickelte, je mehr Grenzen White überschritt, umso mehr hatte er das Gefühl, dass White ein Eigenleben entwickelte und ihm das Drehbuch diktierte. Die Figur, die er erfunden hatte, erkannte er nicht mehr wieder in dem, was aus ihr geworden war. Dem Zuschauer ergeht es auf eine beklemmend-faszinierende Weise ähnlich.

Breaking Bad läuft vom 9. Oktober 2010 an jeweils samstags um 22 Uhr in Doppelfolgen bei Arte

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Krimiserie Broadchurch Mit diesem Verdacht kann niemand leben

Ein Verbrechen auf dem Land verändert das Dasein aller: Die englische Serie Broadchurch handelt auf meisterhafte Weise von der Enge und Weite eines Schauplatzes und schaut in die Seelen von Menschen in Not. Mehr Von Jürgen Kaube

26.04.2015, 14:03 Uhr | Feuilleton
Kokain, Mariuana und Opium Peru verbrennt 5000 Kilo Drogen

Kokain, Mariuana und Opium: In einem Ofen, der mit einer Aufschrift auf den Kampf gegen das organisierte Verbrechen hinwies, gingen sie nacheinander in Rauch auf. Mehr

14.11.2014, 16:13 Uhr | Gesellschaft
Strafrecht Was ist Völkermord?

Als im Osmanischen Reich vor hundert Jahren die Armenier ermordet wurden, gab es den Begriff Völkermord noch nicht. Doch war das Massaker ein wichtiger Anstoß eine strafrechtliche Norm zu schaffen. Mehr Von Reinhard Müller

24.04.2015, 17:53 Uhr | Politik
Serien-Phänomen Breaking Bad in echt erleben

Das Ende der Fernsehserie Breaking Bad war für viele Fans sicher ein schwerer Schlag. Doch in der amerikanischen Stadt Albuquerque können Fans möglicherweise etwas Linderung für Ihren Abschiedsschmerz finden. Mehr

19.12.2014, 16:39 Uhr | Gesellschaft
Filmkritik Aus der Kurve Der Mord, den ich nicht begangen habe

Der Krimi Aus der Kurve erzählt von einem Mordfall in der hessischen Provinz. Einem Ensemble junger Schauspieler gelingt es, die Dämonie des Durchschnittlichen einzufangen. Mehr Von Ursula Scheer

15.04.2015, 17:06 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.10.2010, 20:10 Uhr

Die letzte Lektion der Odenwaldschule

Von Melanie Mühl

Die Mauern der Odenwaldschule bröckelten schon lange, doch sie blieben stehen. Jetzt ist die Schule pleite und schließt. Endlich wurden die Opfer des Missbrauchsskandals gehört. Mehr 1 2