30.06.2009 · Zuletzt war sie noch unter Biolek in einer deutschen Talkshow aufgetreten. Daher war die Freude über ihr Interview-Comeback bei Beckmann groß. Doch im einfühlsamen Gespräch mit Tina Turner ging es weniger um Rock'n'Roll als um Ruhe und Erleuchtung. Erst Eric Kandel mischte den Laden auf.
Von Edo ReentsSie war zuletzt wohl bei Biolek in einer deutschen Talkshow, und das ist sicher fünfzehn Jahre her. Schon deswegen hatte man sich auf den Auftritt Tina Turners bei Reinhold Beckmann geradezu gefreut. Nun war es allerdings so, dass die Rocksängerin noch zwei Sangespartnerinnen im Schlepptau hatte: eine Zürcher Musikpädagogin namens Regula Curti und eine tibetische Sängerin namens Dechen Shak-Dagsay. Mit den beiden hat Tina Turner vor wenigen Tagen eine CD unter dem Titel „Beyond“ herausgebracht, mit der ihr, wie der Fachhandel meldet, „der ganz große musikalische Brückenschlag zwischen buddhistischen Mantras und Gebeten des Christentums gelungen“. Wie „Nutbush City Limits“ klingt die nicht.
So war es Essig mit einer Sendung, in der es ja gut und gerne auch um Sex and Drugs and Rock´n´Roll hätte gehen können, zumal Tina Turner vergangenes Jahr wieder auf großer Tournee war und überhaupt, trotz der Zahl 69, die neben ihrem Namen gelegentlich gezeigt wurde, wieder einen fast noch jugendlichen, aber nicht berufsjugendlichen Eindruck machte. „Vielleicht die Gene“, sagte sie später auf die Frage, wie das alles angehen könne mit ihrem Aussehen und ihrer Fitness. Man kann es unfreiwillig komisch, man kann es aber auch diskret nennen, dass in der eingeblendeten Kurzbiographie in Bildern davon die Rede war, irgendwann seien sie und Ike, der sie so behandelt hat, dass in der Verfilmung ihrer Autobiographie dauernd die Fäuste fliegen - irgendwann seien sie dann eben „getrennte Wege“ gegangen.
Das Lachen eines heiseren Seelöwen
Dass dieses vom verhalten skeptischen und jederzeit taktvollen Beckmann seriös geführte Gespräch in der ersten Hälfte ein wenig langweilig wurde, könnte daran gelegen haben, dass es dabei etwas zu viel um Dinge wie Ruhe, Ausgeglichenheit und allenfalls noch Erleuchtung ging. Nichts dagegen zu sagen. Aber wenn eine Rockröhre zu Gast ist, dann will man auch mal etwas anderes hören als die Tatsache, dass Tina Turner jeden Tag betet und sich seit mehr als dreißig Jahren mit dem Buddhismus beschäftigt, wenn nicht sogar eine Buddhistin ist. So fragte Beckmann sie hintersinnig, wie es den komme, dass sie auf der CD der drei Tenörinnen gar nicht singe, sondern nur Mantras und Gebete spreche. „Ich habe dafür keine Stimme.“ Das leuchtete ein.
Und dann kam der Hirn- und Gedächtnisforscher Eric Kandel, 1939 nach Amerika emigrierter Wiener Jude, bald achtzig Jahre alt, Nobelpreisträger des Jahres 2000, über den gerade ein sehenswerter Dokumentarfilm im Umlauf ist. Mit ihm wurde es dann besser, interessanter. Mit roter Fliege vor dem Hals setzte er in charmantem Deutsch englisch-wiener Prägung die wesentlichen Hirnfragen auseinander, malte wie ein Sachkundelehrer Nervenzellen mit Synapsen auf, erläuterte den Zusammenhang zwischen mentalen Vorgängen (auch Krankheiten: Depressionen, Schizophrenie) und der Beschaffenheit des Gehirns, erzählte von seinen Lieblingstieren, den Meeresschnecken, die im Besitz der größten Nervenzellen überhaupt sind („Ich hab sie sehr lieb“) und lachte zwischendurch immer wieder ansteckend wie ein heiserer Seelöwe.
Beckmann-Turner-Understatement
Tina Turner nickte zu all dem wissend und lachte ihrerseits laut auf, als Beckmann Kandel fragte, wie er das denn seinen Amerikanern beibringen wolle, dass zu einem lange leistungsfähigen Hirn auch eine gesunde Ernährung gehöre. In seiner Seriosität konnte Kandel es sich sogar leisten, der Rockröhre einmal die Wange zu tätscheln, ohne dass das komisch aussah.
Beckmann-Turner-Understatement: Ein Superstar stahl hier dem anderen die Schau, und dieser andere war seinerseits so souverän, dass ihm das gar nichts ausmachte. Die nächste Rockshow kommt ja bestimmt.