16.06.2009 · Königin Silvia von Schweden kam nicht zu Beckmann. Beckmann besuchte sie auf Schloss Drottningholm. Ein Gespräch über Dinge, die in Vergessenheit geraten, beobachtet von Matthias Hannemann.
Von Matthias HannemannDreieinhalb Jahrzehnte ist es her, da ereilte die deutsche Öffentlichkeit ein solch unfassbares Geschenk, dass man es für einen PR-Coup der sozial-liberalen Ära halten möchte: Silvia Renate Sommerlath, Unternehmertochter aus Heidelberg, ausgebildet an Schmidts „Sprachen & Dolmetscher Institut“ in München und VIP-Hostess bei den Olympischen Spielen 1972, heiratete einen Schweden mit furchtbar langem Namen - und alles war gut.
Denn dieser Mann, Carl Gustaf Folke Hubertus Bernadotte, sah nicht bloß blendend aus. Er war seit September 1973 auch der junge König eines Landes, das Deutschland mit Birkenmöbeln, Kastenwagen und Politikkonzepten für Selbstabholer beglückte.
Die deutsche Königin
Und als sei dies alles nicht schon surreal genug, schlüpfte am Vorband der Hochzeit im Juni 1976 die hormonbedröhnte Tanzkapelle „Abba“ in Kostüme, um der Braut, die bald den König traut, per Fernseher die Jubelarie „Dancing Queen“ zu widmen. Keine Frage, die geistige Entwicklung der Bundesrepublik wäre eine dunklere gewesen, hätten nicht die Schweden in Zeiten der Öl- und Weltwirtschaftskrise ihre historische Mission erkannt. Dank Silvia von Schweden, der „deutschen Königin“, schien die „Bonner Republik“ endgültig an Bullerbü anzudocken.
Es geht also schon in Ordnung, dass Reinhold Beckmann, der Traumforscher des deutschen Fernsehens, ausgerechnet jetzt zu einem gewaltigen Knicks ansetzt, um die schwedische Königin auf Schloss Drottningholm in ein Gespräch zu verwickeln. Zwar ist auf Drottningsholm leider nicht das Stickkissen zu sehen, das noch immer auf einem Sofa des Stockholmer Altstadtpalastes liegen soll („It's not easy being Queen“, steht darauf zu lesen, bei Königs schätzt man den Humor).
Aber märchenhaft ist natürlich zauberhaft, ja sozusagen wunderbar, solange das deutsche Fernsehen nur bitte nicht auf zusätzliche Beleuchtung besteht wie damals Sandra Maischbergers Team, das Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit, wir erinnern uns mit Schrecken, bei Aufnahmen am Fjord das halbe Gesicht verbrannte.
Zugeständnisse an den Feierabend-Monarchismus
Die Aufregung, mit der Beckmanns Produktionsfirma seit der Aufzeichnung in Stockholm für das Interview mit der 65-jährigen warb, das „einzige große TV-Interview in diesem Jahr“, war jedenfalls so gewaltig, als sei Deutschland auf der Suche nach einer schwerwiegenden Verfassungsänderung.
Noch größer war eigentlich nur die Überschrift der Vorab-Meldung: „Königin Silvia von Schweden denkt nicht an Ruhestand“. Alles andere wäre für Deutschland zum jetzigen Zeitpunkt schließlich auch ein schwerer Schicksalsschlag gewesen.
Das Gespräch, das Beckmann und Königin Silvia vor der geöffneten Flügeltür zum Schlosspark führten, war dann aber gleichwohl trotz aller Zugeständnisse an den deutschen Feierabend-Monarchismus ein ernstes. Es war ganz auf das Selbstverständnis moderner Monarchen abgestellt, die ihre gesellschaftliche Funktion als Botschafter aufmerksamkeitsbedürftiger Anliegen noch ernster nehmen als den Umstand, dass sie als Projektionsfläche der unterschiedlichsten Sehnsüchte herhalten sollen.
Schwierigkeiten beim Sprechen über Demenz
Die Queen in London pflanzte unlängst Bio-Gemüse. Die nordischen Thronfolger produzierten mit einer sozialkritischen Zeltübernachtung auf Grönland Schlagzeilen. Und Silvia, die Schirmherrin von über sechzig wohltätigen Organisationen ist und am Wochenende ein Leipziger Benefizkonzert mit Anne-Sophie Mutter beehrte, setzt sich zur Verwirrung idyllensüchtiger Fans nicht nur für sexuell missbrauchte Kinder ein.
Sie hält auch die Hand über eine Einrichtung für Demenzkranke, an der auch Pfleger und Ärzte weitergebildet werden - das „Silviahemmet“, dessen Gründung 1996 auf die Erfahrung mit der eigenen, schlussendlich nach Stockholm geholten demenzkranken Mutter zurückging, die 1997 im Alter von neunzig Jahren verstarb.
Letztgenannte Themen haben es in sich. Wie schwierig es alleine ist, über Demenz-Erkrankungen zu reden, haben schon die Schilderungen von Tilmann und Inge Jens über ihren demenzkranken Vater und Ehemann Walter und jene des Schriftstellers Arno Geiger über seinen Vater gezeigt, auch Fernsehfilme wie „Mein Vater“ mit Götz George oder „Was wenn der Tod uns scheidet“ mit Monica Bleibtreu in den markanten Rollen.
Das Gebet als Stüze
Dennoch entfleuchte dem schwermütigsten Fernsehzuschauer bei der Ankündigung, Königin Silvia werde bei Beckmann über Krankheit und Tod ihrer Mutter reden, ein leiser Seufzer: Ein Sohn, der über den Freitod seines prominenten Vaters redet. Ein Ehepaar, das an HIV erkrankt ist. Ein Theatermacher, der über seinen Kampf gegen den Krebs berichtet und ein Palästinenser, der die Organe seines erschossenen Sohnes einem israelischen Kranken gönnt. Nein, Chipstüten und Kronkronen kann man bei „Beckmann“ in diesen Monaten selten knallen lassen.
Andererseits: Es wird hier immerhin der Versuch unternommen, dem Gefälligen und Austauschbaren zu entfliehen, wo es sich anbietet. Immerhin gibt es Menschen, die existentielle Fragen an- und aussprechen, auf ihre Art ein vorbildhaftes Leben zu leben versuchen. Und erst recht beim „Beckmann spezial“ im Schloss war Zeit, gleichermaßen über das Abgleiten der Mutter in die Krankheit, die zunächst haarsträubende Pflegesituaton („Es ist etwas anderes, alte Menschen zu pflegen, als Demente zu pflegen“) wie den Glauben zu sprechen.
„Ich hoffe“, sagte Königin Silvia, nachdem sie auch den Krebstod ihres Bruders 2006 erwähnt hatte, „dass viele Menschen Hilfe in ihrem Glauben finden, was auch immer dieser Glaube sein mag. Das Gebet finde ich sehr, sehr wichtig [...] Es gibt mir Halt, es gibt mir Stütze und es gibt mir auch eine Sprache.“
Exemplarische Geschichten aus dem Patientenalltag
Von der Sendung aus Stockholm blieben daher nicht die Filmeinspielungen im Nachtschlaf kleben, die den Volkskönig beim Rasenmähen, die Thronfolgerin bei der Einschulung, die Königin auf humanitärer Mission und die Familie insgesamt beim Segelurlaub zeigten - sondern die Demenz-gerecht eingerichteten Zimmer des Pflegeheims „Silviahemmet“, das die Königin dem aufgedrehten Moderator aus Deutschland unbedingt zeigen wollte.
Tische, auf denen ganz bewusst alte Zeitungen liegen (die Silvia vom Flohmarkt mitzubringen pflegt). Fotoalben, die Angehörige detailliert neu beschriftet haben. In den Schlafräumen Betten mit Auffanggittern, Zimmer mit Lichtautomatik, Kaffeemaschinen mit Timer, Spiegel mit Gardinen, Räume mit Alarmanlagen und rot umfasste, weil besser erkennbare Lichtschalter, Toiletten, Tischdecken.
Dieser reportagehafte Abstecher imponierte schon deshalb, weil Silvia exemplarische Geschichten aus dem Alltag der Patienten zu erzählen begann, weil sie beobachtete, dass man neuerdings vielen Demenzfällen im Alter von Mitte fünfzig begegne, und unterstrich, wie wichtig ein respektvoller und altersgerechter, nicht kindlich-naiver, Umgang mit ihnen sei.
Das Leben ist kein „Bullerbü“-Traum
Beeindruckend war freilich auch die Reaktion Beckmanns, der schon im Kaminzimmer die erstbeste Gelegenheit genutzt hatte, das Thema zurück auf die königliche Hochzeit des Jahres 1976 zu lenken. Kaum wurde er von Königin Silvia auf die Bedeutung von Musik für die Erinnerungsarbeit hingewiesen, bog er der Monarchin eine Gitarre aus den Händen und zog sich schrammelnd aus der Affäre - obwohl alleine dieser Besuch im „Silviahemmet“ mit seiner palliativen Pflegephilosophie, die im Rahmen eines Modellprojekts auch Fachleute aus Deutschland anzuziehen beginnt, die siebzig Minuten hätte füllen können.
Aber okay, die Vorstellung, das Leben im Alter könne anders verlaufen als eine entspannt-gereifte Ausgabe des „Bullerbü“-Traumes, ist eben wenig verlockend. Das Publikum wollte noch etwas hören von Kronprinzessin Victoria, die sich unlängst mit einem Fitnesstrainer verlobte (und von ihrer herzlichen Mutter eingeschärft bekam, „ein Vorbild zu sein, lebenslang“.) Und wer weiß: Vielleicht hat die Königin von Schweden, die nicht abstreitet, ihre Arbeit mit preußischer Disziplin zu planen, die kleine Gitarrenfalle ja auch ganz bewusst gestellt. Auszuschließen ist es nicht.
Peinlich
Irene Henning (Ganzweitvorn)
- 16.06.2009, 18:31 Uhr