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Fernsehkommentare zum Terror Wer solche Experten kennt, braucht keine Laien

 ·  Eine Explosion und ihre Interpreten: Die Fernsehberichterstattung erwies sich einmal mehr als verheerende Kombination aus dem Zwang, Inhalte zu produzieren, und dem Wunsch des Publikums nach unmittelbaren Antworten.

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Eineinhalb Stunden nach der Explosion im Regierungsviertel weiß man noch nicht, was deren Ursache ist, geschweige denn etwas über den Hintergrund. „Es ist noch nichts klar“, sagt der Mann, der auf dem Nachrichtensender n-tv aus Oslo per Telefon zugeschaltet ist. Die Moderatorin im Studio erwidert: „Dann lassen Sie uns ein bisschen spekulieren.“

Die Montage von Bildern zu kitschiger Musik, die n-tv später zeigen würde, war zu diesem Zeitpunkt offenbar noch nicht fertig, und man hatte auch noch keinen Experten aufgetrieben wie den Schauspieler und Halbnorweger Georg Uecker. Und so wollte die Moderatorin zwar die Möglichkeit einer Gasexplosion nicht ausschließen, fragte aber ihren Gesprächspartner, ob es auch ein politischer Anschlag sein könnte, „wenn ja, warum?“. Ihre Zwischenbilanz um kurz vor fünf: „Die Norweger an sich gelten als sehr freundliches Volk. Da ist es umso erstaunlicher, dass an einem Freitagnachmittag so plötzlich eine solche Explosion stattfindet dieser Heftigkeit.“ Andererseits ist diese Form offensiven Nichtswissertums vermutlich jenen sendereigenen „Terrorexperten“ vorzuziehen, die sich am Freitagabend bei ARD und ZDF um Kopf und Kragen redeten.

Nur Millimeter von der „Switch-Satire“ entfernt

Elmar Theveßen, der diesen Titel als Bauchbinde trägt, berichtete in der „heute“-Sendung von seinen Gesprächen mit „norwegischen Sicherheitsbehörden“, die ihm bestätigten, was sie offiziell (aus gutem Grund, wie man im Nachhinein meinen möchte) nicht sagten: dass wohl Islamisten hinter den Anschlägen stecken. Noch im „heute journal“ um 22.15 Uhr, als es längst massive Zweifel an dieser Interpretation gab, betonte er, ein islamistischer Hintergrund sei „nicht ausgeschlossen“. Er und seine Kollegen waren höchstens noch Millimeter von der „Switch“-Satire entfernt, in der die Reporterin auf die Frage nach der Ursache eines gerade passierten Unglücks sagt: „Al Qaida. Alles andere wäre zum jetzigen Zeitpunkt reine Spekulation.“

Es ist eine verheerende Kombination aus dem Zwang der Medien, Inhalte zu produzieren, und dem Wunsch des Publikums nach unmittelbaren Antworten. Dabei wäre schon viel gewonnen, wenn Leute wie Theveßen oder sein ARD-Kollege Rainald Becker sich selbst zuhören würden. Theveßen sagte: „Man muss die Ermittlungen abwarten.“ Um es dann natürlich nicht zu tun.

Es ist Al Qaida gelungen, unser Denken zu bestimmen

Maybrit Illner hatte die Sendung mit den Worten begonnen: „Ein bitterer Tag für Europa. Der Terror ist zurück.“ In allen Teilen der weltweiten Medienmaschinerie hatten dieselben Reflexe funktioniert. Die Nachrichtenagentur Reuters packte in eine frühe Meldung über die Explosion einfach mal eine Liste islamistischer Gruppen, die irgendwann Anschläge in Europa geplant haben sollen. „Welt Online“ verlinkte prominent einen älteren Kommentar: „Die Gefahr geht vom politischen Islam aus“. Die „New York Times“ berichtete von einem angeblichen Bekennerschreiben einer Gruppe namens „Helfer des globalen heiligen Krieges“ und fügte erst später hinzu, dass amerikanische Regierungsleute sagten, die Gruppe existiere möglicherweise gar nicht.

ZDF-“Terrorexperte“ Theveßen sagte, in Internetforen freuten sich Islamisten über diese schreckliche Tat, und fügte hinzu: „Wenn es sich herausstellt, dass es ein Islamist war, wäre es ein großer Propagandaerfolg für Islamisten.“ In Wirklichkeit stimmt das Gegenteil noch viel mehr. Es ist ein großer Propagandaerfolg, gerade weil es kein Islamist war. Nicht nur, weil der Täter womöglich ein christlicher Fundamentalist ist, sondern weil die Reaktionen und Reflexe zeigten, wie sehr es Al Qaida gelungen ist, unser Denken zu bestimmen. Es ist auf eine perverse Art ein Erfolg für sie, wenn Menschen ihr automatisch jeden Anschlag zuschreiben; wenn Medien sich sofort aufgerufen fühlen, aufzuzählen, welche Gründe sie haben können, ein Land wie Norwegen anzugreifen, und wie groß die Bedrohung ist. Das Ziel von Terrorismus ist es, Angst und Schrecken zu verbreiten. Sie müssen dazu nicht einmal selbst Bomben legen, um es zu erreichen.

Reflexe und Interessen

Es gibt Gruppen, die ein Interesse daran haben, sofort den Islam für jede Untat zu verhaften. Aber der Reflex, ohne jede Kenntnis der Umstände sofort einen islamistischen Hintergrund zu vermuten, genügt, um sich selbst zu bestätigen. „Spiegel Online“ schrieb am Freitagnachmittag: „Sollte es sich tatsächlich um einen Terroranschlag handeln, dürfte der Verdacht auf Al Qaida oder von dem Terrornetzwerk inspirierte Täter fallen.“ Die Tatsache, dass man wohl sofort an Al Qaida denken wird, genügt, um dann ausführlich darüber zu schreiben, was dafür spricht, dass es Al Quaida war. (Einer der „führenden norwegischen Terrorismusexperten“ wird da mit der Analyse zitiert, das Regierungsviertel als Ort der Explosion sei „ein starker Hinweis darauf, dass es sich um einen Terroranschlag handeln könnte“. Wer solche Experten kennt, braucht keine Laien.)

Laut Europol wurden im vergangenen Jahr in der EU 249 Terroranschläge verübt. Drei davon hatten einen islamistischen Hintergrund.

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