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Fernsehen Willkommen in der Casting-Republik Deutschland

29.06.2009 ·  Sind Sie schon gecastet? Wenn nicht, wird es Zeit: Die Sender brauchen frisches Material. Es kann einfach nicht genug Menschen im Fernsehen geben. Allerdings hat die Bezahlung Hartz-IV-Niveau.

Von Michael Hanfeld
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Die Republik wird neu vermessen. Seit Jahren schon. Nicht nach Quadratmetern, sondern nach Köpfen. Es ist eine Volkszählung sondergleichen. Während Google Straßen und Häuser von außen filmt und die ganze Welt kartographiert, schauen die Castingagenten direkt in die Zimmer. Der Begriff „Privatfernsehen“ bekommt eine neue Bedeutung. Gestern Couchpotato, heute ein Superstar. So lautet das Versprechen.

Doch nicht zu Stars werden die Jedermänner, die das Programm bevölkern, sondern zu Kleindarstellern in einem Drama, dessen Drehbuch ein Happy End nicht kennt. Sie werden aufgerufen, verbraucht und wieder in die Welt entlassen, die sie nun mit neuen Augen sieht. Sie haben ihr Privatestes preisgegeben, sich persönlich geopfert - und sie merken es offenbar nicht einmal. Die Jüngsten sind noch zu klein zu begreifen, „gecastet“ wird schon an der Wiege.

Ratgeber-Fernsehen nennt sich das Genre, das zuletzt mit der RTL-Produktion „Erwachsen auf Probe“ (siehe auch: Fernsehkritik: Erwachsen auf Probe) für Furore sorgte. Teenager, die angeblich schon eine Familie gründen wollen, gehen zum Eltern-TÜV. Mit echten Babys, die ihnen die Eltern übergeben. Dabei haben die Teenager genug damit zu tun, ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen. Genau darum hat RTL sie ausgewählt. Der eine muss vor Gericht erscheinen, der andere sagt, dass er seine Freundin schlägt, wenn sie ihm nicht genug „Respekt“ zollt. Nachts liegt er die ihm zu Übungszwecken übergebene Babypuppe platt. Beim Aufwachen bekümmert ihn das kaum. Er macht sich über einen bösen Traum Gedanken, in dem ihn seine Freundin, die eine Vorliebe für schwarze Männer haben soll, betrügt. Trotzdem bekommt auch er ein echtes Baby, das in der nächsten Folge fast vom Wickeltisch fällt.

Was das alles soll? Ganz einfach

Der Protest gegen die Sendung war massiv - und nicht wohlfeil, auch wenn sich der Sender und etliche Branchenzyniker beeilten, ihn als heuchlerisch zurückzuweisen. Mehr als fünfzig Strafanzeigen sind gegen „Erwachsen auf Probe“ eingegangen, die Kölner Staatsanwaltschaft hat in der vergangenen Woche Ermittlungen aufgenommen.

Die Kritik lässt sich reduzieren auf eine Frage, welche die Vizepräsidentin des Deutschen Kinderschutzbunds, Marlis Herterich, stellte: Was soll das Ganze? Worin liegt der Sinn? Was rechtfertigt die Gefahren? Die Antwort ist einfach, aber offiziell nicht zu hören: Das Programm ist billig, die Protagonisten sind willig, das Publikum schaut hin. Moralische Fragen spielen keine Rolle. Wer sie stellt, wird Teilnehmer einer Inszenierung, die wir seit „Big Brother“ kennen. Wollten die Produzenten des sogenannten Reality-Fernsehens zunächst Tabubrecher sein, versuchen sie es heute in der Rolle von Sozialdienstleistern: Bei „Erwachsen auf Probe“ geht es angeblich darum, Jugendliche davon abzuhalten, zu früh eine Familie zu gründen.

Früher war das sexuelle Belästigung

Worum aber geht es beim zweiten Aufreger dieser Tage, mit dem der Privatsender RTL in den Urschlamm seiner Gründertage zurückkriecht? „Mission Hollywood“ (siehe auch: Glaube, Liebe, Striptease: „Mission Hollywood“ bei RTL) soll einer hoffnungsvollen Nachwuchsschauspielerin eine kleine Rolle im Kinofilm „Twilight“ bescheren. Vor die Arbeit am Set haben die Produzenten der Casting-Show einen Striptease, einen gemimten Orgasmus und einen Kuss unter Frauen gesetzt. Das waren die Szenen aus Filmen wie „9 1/2 Wochen“, „Harry und Sally“ und „Eiskalte Engel“, welche die jungen Frauen zum Auftakt der Show vorspielen sollten. Obgleich manche Widerstand leisteten und eine sich keine künstlichen Nippel an den Busen kleben lassen wollte - das Drehbuch kannte kein Pardon. Die Jury auch nicht. Hernach bewerteten die Schauspieler Til Schweiger und Heiner Lauterbach die Überzeugungskraft der vorgespielten Orgasmen. Was bis dato als sexuelle Belästigung galt, hier wird es zur Unterhaltung. Die Oben-ohne-Show „Tutti Frutti“, mit der RTL sein Senderdasein einst begann, ist ein softpornograpischer Witz dagegen.

Die Kritik kann an den Gegebenheiten in der Casting-Republik nichts ändern. Solange eine Sendung nicht gegen die Menschenwürde verstößt oder Straftatbestände erfüllt, rührt sich bei der Medienaufsicht nichts. Die Landesmedienanstalten, welche die Privatsender beaufsichtigen, haben sich der Opposition gegen „Erwachsen auf Probe“ nur halbherzig angeschlossen, erst Wochen später kamen die Jugendschützer der Medienanstalten darin überein, dass man mit RTL in einen Dialog über moralische Standards treten müsse.

Dann eben ins Nachmittagsprogramm

Um „Mission Hollywood“ haben sich die Medienaufseher erst gar nicht gekümmert. Wer sie über Jahre bei der Arbeit beobachtet, weiß, dass sie nach Opportunitätskriterien handeln - erst wenn der Aufruhr so groß ist, dass man ihn nicht mehr ignorieren kann, setzen sie sich in Bewegung, Folgen hat das für die Sender nicht.

Und wer wollte auch schon einer Zensur das Wort reden. Es gibt einen anderen Mechanismus, der legitim ist und - wirkt: die Abstimmung mit der Fernbedienung und der Werbeschaltung. Das hat sowohl bei „Erwachsen auf Probe“ als auch bei „Mission Hollywood“ funktioniert. Weil die Ausziehshow zu wenige Zuschauer fand, hat RTL die letzten Folgen der Reihe aus dem Hauptabendprogramm verlegt und zeigt sie nun am Samstagnachmittag - um mehr junge Zuschauer zu erreichen. Da die meisten Jugendlichen samstags um diese Zeit Besseres zu tun haben sollten, als vor dem Fernseher zu sitzen, könnte man das als Jugendschutz ex negativo bezeichnen.

Siebzigtausend Menschen in der Kartei

Bei „Erwachsen auf Probe“ wirkt etwas anderes: Einige große Firmen haben sich dafür entschieden, im Umfeld der Sendung nicht zu werben. Das trifft den Sender, der wie alle anderen um jede Werbeminute kämpft, hart. Und es könnte Konsequenzen haben.

Folgen hat nur, was das Geschäft schädigt. Für dieses Geschäft werden Heerscharen angeworben. Rund 70.000 Menschen hat die in der Branche führende Agentur Casting Concept in der Kartei. Die Agenturen schalten Anzeigen, sprechen Menschen auf der Straße an. „In der Zukunft wird jeder für 15 Minuten weltberühmt sein“, sagte Andy Warhol vor vierzig Jahren. Die Casting-Agenturen werben ihre Protagonisten mit dem Versprechen an, diese 15 Minuten seien für sie gekommen.

Die Billigdarsteller fügen sich

Der Verschleiß an Menschen ist allerdings enorm. Allein von der Reality-Show „We are Family“ (siehe auch: Reality-TV: Der Horror des Alltags) sind mehr als tausend Folgen gelaufen. Manche Darsteller erscheinen in wechselnden Rollen. Eine Familie aus Oberhausen trat binnen neun Monaten dreimal in „We are Family“ auf. Einmal ging es um Übergewicht, dann war die Mutter angeblich ihrer Kinder überdrüssig, schließlich kämpfte sie sich als Hartz-IV-Empfängerin durch.

Die Honorare der Amateurdarsteller bewegen sich auch auf Hartz-IV-Level. Zwischen 200 und 750 Euro gibt es in der Regel pro Dreh, kein Vergleich zu den Gagen, die professionelle Schauspieler bekommen: Bei den Stars können sie im hiesigen Fernsehen einige tausend Euro am Tag betragen. Dabei haben die Sender von den billigsten Darstellern am meisten - sie fügen sich in jedes Drehbuch und geben in ihren Mitwirkungsverträgen nicht nur Rechte an den Bildern ab, die von ihnen gemacht werden, sondern an einem Teil ihrer Persönlichkeit.

Spielfilm und Fernsehserie werden zum Nischenprogramm

Und weil es sich derart rechnet, gewinnt das falsche Spiel mit echten Menschen an Terrain. Die amerikanischen Networks, sagt der Produzent David Wyler, der in Marokko gerade „Ben Hur“ fürs Fernsehen verfilmt, setzten mehr denn je auf „Scripted Reality“. Spielfilm und Fernsehserie werden zum Nischenprogramm. Das „Unterschichtfernsehen“, von dem Harald Schmidt einmal sprach, ist aus dem Programm nicht mehr wegzudenken. Seine Präzeptoren verstehen es als urdemokratische Einrichtung, denn es werde mit Menschen für jene Menschen gemacht, denen es genauso gehe und die genau das sehen wollten.

Es gebe bei den Zuschauern offenbar das Bedürfnis nach Lebenshilfe im Fernsehen, sagte der Produzent Nico Hofmann vorsichtig. Wie David Wyler in Amerika steht er in Deutschland für anspruchsvolle, aufwendige Spielproduktionen. Doch will Hofmann es als Herausforderung sehen: Die Produzenten und Senderverantwortlichen hätten sich diesem Bedürfnis zu stellen, es sei an ihnen, fiktionale Stoffe so lebensecht zu gestalten, dass sie die Zuschauer berühren.

Wolf Bauer, Chef der deutschlandweit größten Fernsehschmiede Ufa, sieht folgende Veränderung: „Die Privatsender überlassen das klassische Feld der deutschen TV-Movies und Primetime-Serien mittlerweile nahezu komplett den Öffentlich-Rechtlichen und profilieren sich mit TV-Events und Dailies sowie mit Casting- und Coachingshows. Wir konkurrieren mit zum Teil herausragenden seriellen amerikanischen Programmen. Die Produzenten sind gefordert, neue und originäre Programme zu entwickeln, die Sender, auf deutsche Serien zu setzen.“

Der Autorenstreik beförderte das Genre zusätzlich

ARD und ZDF sind ein Refugium, doch auch dort gerät das echte Reportage- und Dokumentarfernsehen ins Hintertreffen, das nicht die Realität nach dem Bild des Drehbuchs formt, sondern umgekehrt. Selbst eingefleischte Dokumentarjournalisten sehen sich vor die Aufgabe gestellt, Filme abzuliefern, deren Geschichten nach Hollywood-Schinken stinken.

Begonnen hat das Reality-Fernsehen zur Jahrtausendwende in den Vereinigten Staaten mit der Überlebensshow „Survivor“, damals konnte sich in der Branche kaum jemand vorstellen, dass Amateurshows einmal das Gros des Programms ausmachen würden. Das Blatt wendete sich mit „Big Brother“ in Europa und mit „American Idol“ in den Vereinigten Staaten. Dessen hiesige Version, „Deutschland sucht den Superstar“, ist zwar auch schon in die Jahre gekommen, für RTL aber offenbar noch nicht ausgereizt, solange das Publikum Gefallen an den Verbalinjurien findet, die der Chefjuror Dieter Bohlen den jungen Kandidaten zufügt. In Amerika hat Ende 2007 der mehrmonatige Autorenstreik das Genre zusätzlich befördert. Da es den Sendern an Drehbüchern mangelte, mussten die Spielserien pausieren. Reality-Shows füllten das Programm. Vor allem die Spielversion des „survial of the fittest“ - nichts anderes ist das Casting - trat ihren Siegeszug an. Mit auf ihre Ekelgrenzen getesteten C-Prominenten wird das Ganze im Dschungelcamp bei RTL durchexerziert.

Hier entzaubert und heilt sich das Genre zugleich

Mit dem Jugendwettbewerb „Ich kann Kanzler!“ (siehe auch: „Ich kann Kanzler“: Der fleißige Jacob) hat das ZDF zumindest bewiesen, dass die Form den Inhalt nicht vollkommen verdirbt. Der Sender hat auch gezeigt, dass eine Casting-Show ein ansehnlicher Wettbewerb sein kann, wenn es nicht um oberflächliche Reize oder niedere Instinkte geht, sondern um Witz, Geist und Überzeugungskraft. Mit dieser Show, deren Original „The Next Great Prime Minister“ aus Kanada stammt, entzaubert und heilt sich das Genre zugleich: Die Jugend von heute erscheint einmal nicht als übergewichtig, faul, dumm oder kriminell, sondern als engagiert und einfallsreich.

Dass diese Version des Reality-TV die Oberhand gewinnt, dürfen wir kaum hoffen. Die Sender stehen nicht auf positive Geschichten. Die jüngsten Erfindungen aus den Vereinigten Staaten zeugen davon. In „The Real Housewives of New York“ fallen zickige Hausfrauen übereinander her (ähnlich geht es beim „Frauentausch“ von RTL II zu), und in „Undercover Boss“ und „Someone's gotta go“ werden Arbeitnehmer live vor der Kamera entlassen, im einen Fall vom Chef, der sich als Kollege tarnt, im anderen von den lieben Kollegen selbst. Das bekommen wir im deutschen Fernsehen sicherlich auch irgendwann zu sehen. Der letzte Kandidat macht dann das Licht aus.

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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