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Fernsehen Die Methode Hill

26.05.2009 ·  Martina Hill parodiert bei „Switch Reloaded“ Heidi Klum, Charlotte Roche und Angela Merkel. Mit Oliver Welke macht sie im ZDF jetzt Politsatire in der „heute-show“. Und denkt dabei an ihren alten Mathelehrer.

Von Jörg Thomann
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Im Jahre 1981 startete die ARD mit dem Moderator und Komiker Rudi Carrell als Anchorman eine Nachrichtenpersiflage. Die wöchentliche, halbstündige Sendung nannte sich in Anlehnung an die Hauptnachrichten des Ersten „Rudis Tagesshow“, zeigte und kommentierte aktuelle Nachrichtenbilder und wurde zu einem großen Publikumserfolg. Keine dreißig Jahre später startet nun das ZDF eine Nachrichtenpersiflage. Die zunächst monatliche, halbstündige Sendung mit dem Moderator und Komiker Oliver Welke als Anchorman nennt sich in Anlehnung an die Hauptnachrichten des Zweiten „heute-show“, will aktuelle Nachrichtenbilder zeigen und kommentieren und ist, wie der Unterhaltungschef Manfred Teubner es ausdrückt, ein „neuer Versuch“ des ZDF, „in Sachen Humor mal wieder aktiv zu werden“. Der letzte Versuch, „Neues aus der Anstalt“ („Neues aus der Anstalt“: Das ZDF macht wieder Kabarett), war von Erfolg gekrönt, und direkt im Anschluss an die Kabarettsendung soll die „heute-show“ künftig auch laufen.

Einen Originalitätspreis mag man dem ZDF vorab nicht verleihen für das neue Format, dessen Ahnengalerie neben der „Tagesshow“ die Sat.1-„Wochenshow“, die „Freitag Nacht News“ bei RTL oder die vielgepriesene „Daily Show mit Jon Stewart“ (Comedy Central) umfasst; selbst Mathias Richling hat in seinem „Satire Gipfel“-Studio eine Newsroom-Ecke eingerichtet. Auch fragt man sich, ob eine aktuelle Nachrichtensatire nicht wenigstens wöchentlich laufen müsste - und ob der Wanderarbeiter Welke, der Shows bei Pro Sieben und RTL moderierte und demnächst „ran“ bei Sat.1 macht, ein glaubwürdiger Frontmann für die ZDF-Satire ist. Zu einer Entscheidung aber darf man dem Sender getrost gratulieren: Bei der „heute-show“ ist auch Martina Hill dabei.

Neues aus Soest

Als Demoskopie-Expertin „Tina Hausten“ - ZDF-Freunde werden ihre Patin in der „Politbarometer“-Präsentatorin Bettina Schausten erkennen - wird Martina Hill in der „heute-show“ regelmäßige Auftritte haben, die nur zwei, drei Minuten dauern. Wer jedoch Martina Hill kennt, und das sind vor allem die Zuschauer von „Switch Reloaded“ bei Pro Sieben, der weiß, dass ihr diese Zeit ausreicht, um einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen - auch wenn sie nicht als Martina Hill aufzutreten pflegt, sondern als Heidi Klum, Gundula Gause, Charlotte Roche, Sonya Kraus, Angela Merkel oder Bill Kaulitz. Oder als lispelnde RTL-Ansagerin Katja Burkard, die in ihrer Hillschen Variante Nachrichten vortragen muss, die sich auffallend häufig in Soest ereignen. Wobei Hill nicht einfach nur den Sprachfehler der RTL-Frau persifliert, sondern deren gesamtes Auftreten, den überakzentuierten Duktus, die in die Länge gezogenen Silben, die dummdreiste Attitüde eines Unterhaltungsjournalismus, der Katastrophenmeldungen gleichgewichtig mit Aufnahmen süßer Tierbabys verkauft.

An diesem Vormittag im Café des Kölner Hotels, in dem das ZDF das Konzept seiner „heute-show“ vorgestellt hat, sieht Martina Hill zur Abwechslung mal aus wie sie selbst - eine schlanke Frau mit mittellangen blonden Haaren, die nach dem offiziellen Pressetermin das dunkle Kostüm gegen Bluse, Jeans und Halstuch getauscht hat. „Ich hasse Mathe und Physik“, erzählt sie, „und dass ich da jetzt vor einer Wand stehe und Diagramme erkläre, das finde ich schon ganz witzig. Wenn mein alter Mathelehrer das sieht, lacht er sich scheckig.“ Es wäre nicht das erste Mal, dass Hill sich selbst und andere überrascht. Auch politische Satire hätte sie „eigentlich überhaupt nicht“ mit ihrer Person verbunden, so wie es ihr zuvor auch mit den Parodien erging: „Ich wusste selber nicht, dass mir das liegt“, sagt sie, „und bin auch jedes Mal von neuem skeptisch, ob ich die Figur hinkriege.“

Verloren in einer Figur

Wie parodiert man eine Person, wie entdeckt man jene Eigenarten, deren Überzeichnung die Zuschauer lachen lässt? Sie folge keinen Regeln, sagt Martina Hill. Im besten Fall hat sie drei bis vier Wochen Zeit, sich eine Figur zu erarbeiten, betrachtet endlos Videos, macht sich Notizen, lässt sich berieseln: „Viel läuft bei mir übers Unterbewusstsein.“ Anders als manche Kollegen übe sie nie vor dem Spiegel, sondern verlasse sich auf ihre Intuition: „Wenn das Gefühl einsetzt, dass ich mich selbst ein bisschen verliere, dann, glaube ich, wird die Figur gut.“ Die Methode Hill funktioniert: Auf ähnlich vollendete Weise in ihren Charakteren aufzugehen, gelingt im „Switch“-Team nur Max Giermann und Michael Kessler. Ihr komme zugute, sagt Hill, dass sie „nicht so ein markantes Gesicht“ habe; in mancher Maskerade erkenne sie nicht einmal ihre Mutter.

Die eine, entscheidende Note, die aus einer guten Parodie eine geniale macht, wird mitunter aber doch höchst bewusst gesetzt - wie im Fall von Heidi Klum, mit der Hill zunächst nichts anzufangen wusste. „Die Idee, der Heidi-Parodie eine schrille Stimme zu verpassen, kam mir, ehrlich gesagt, erst kurz vor Drehbeginn“, erzählt sie. Sie erinnerte sich an ein Youtube-Video, in dem Klum einmal fröhlich kiekste, und sagte zum Regisseur: „Lass mich den Text doch einfach mal quietschen.“ Wie gewohnt erleben wir Klum nun auch in „Switch Reloaded“ als kühle, mitleidlose Mädchenschinderin - jedoch mit einer ungewohnten, grotesk hohen Stimme, die „Germany's Next Topmodel“ erst als jene Mickymaus-Veranstaltung entlarvt, die die Sendung nun mal ist.

„Ich will ja nicht verletzen“

Mittlerweile völlig vom Vorbild gelöst hat sich Hills Anja Kohl, eine bis unlängst nur Finanzfachleuten bekannte ARD-Börsenreporterin mit Faible für Sprichwörter. Folge für Folge treibt Hill ihre metaphernschleudernde, wild grimassierende Börsenfrau mit Konsonantenproblem („An der Pörse ist das nicht anders, pis morgen“) stetig weiter in den Wahnsinn, das Original wirkt längst wie ein lascher Abklatsch der Kopie. Beschwerden hat Hill noch keine gehört, im Gegenteil: Manch Parodierte findet ihre Darstellung höchst vergnüglich. Auch deshalb erscheint Martina Hill der Begriff „Opfer“ unangebracht: „Das klingt immer so, als wenn ich es persönlich meine. Ich will ja nicht verletzen, ich will komisch sein.“

Letzteres wollte Martina Hill durchaus nicht immer. Sie hatte sich verdingt als Buchhalterassistentin, Barfrau oder Türsteherin, bevor sie in ihrer Geburtsstadt Berlin eine Ausbildung am Theaterstudio machte. Vor allem als Schauspielerin sieht sie, die in Serien wie „Der Dicke“ oder „Soko Köln“ auftrat, sich bis heute - auch wenn ihr klar ist, dass immer mehr Leute sie in die Comedy-Schublade einordnen. Was sie auch überhaupt nicht stört: „Dass überhaupt so ein Interesse ein meiner Person besteht und mein Demoband nicht mehr in verstaubten Regalen steht, dafür bin ich echt dankbar.“ Bei anderen würde das kokett klingen; Martina Hill nimmt man es ab. Verhältnismäßig spät hat sie, die 1974 geboren wurde, den Durchbruch im Fernsehen geschafft, doch für sie war es genau der richtige Zeitpunkt: „Besser spät als nie. Ich bin froh, dass es jetzt passiert. Ich glaube, dass ich so jung gar nicht in der Lage gewesen wäre, diesen Beruf auszuüben.“ Sie sei ein eher zurückhaltender, vorsichtiger Mensch - „und deshalb gehe ich in Trippelschritten voran“.

Ein solcher Schritt hat sie nun ins ZDF geführt, wo sie sich darauf freut, die kleine, feine Rolle der Statistikexpertin mit Leben zu füllen. Dabei ist ihr, der vielleicht komischsten Fernsehfrau seit Anke Engelke, weit Größeres zuzutrauen. Martina Hill selbst gibt sich, was ihren weiteren Weg angeht, ganz gelassen; „Ich lass' mich überraschen.“ Und wir uns wie bisher gern von ihr.

Die erste „heute-show“ läuft an diesem Dienstag um 23 Uhr im ZDF.

Quelle: F.A.Z.
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