11.04.2009 · Fernsehen zu Ostern, das war einmal eine überaus ernste Sache, grausam sogar. Doch schon vor fünfundvierzig Jahren wollte das Publikum, was ihm die Fernsehmacher erst später zugestanden, nach und nach: Unterhaltung.
Von Jochen HieberAm Karfreitag des Jahres 1962 begann mein Fernsehleben. Ernster, erhabener, aber auch furchterregender hätte der Beginn nicht sein können. Zu Gründonnerstag nach einer kleinen Operation aus dem Krankenhaus entlassen, fand ich, keine elf Jahre alt, zu Hause vor, was meine Eltern noch unlängst strikt abgelehnt hatten: einen Fernsehapparat der Marke Loewe-Opta. Ihre an sich beschlossene Fernsehabstinenz – „So ein Kasten kommt mir nicht ins Haus“, pflegte mein Vater gefragt wie ungefragt zu wiederholen – hatte schließlich der Begeisterung für die Eislaufidole Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler nicht standgehalten.
Gerade waren die beiden aufs Neue Europameister im Paarlauf geworden, ihre Kür, schwarzweiß übertragen, bot tagelang Gesprächsstoff für die glücklichen Apparatebesitzer – und schloss alle anderen aus. Mitten im Wirtschaftswunder gab es der Glücklichen gar nicht mehr wenig. Gut fünf Millionen bundesrepublikanischer Haushalte besaßen bereits ihr flimmerndes Statussymbol, aus dem sich täglich zwischen 15 und 23 Uhr ein einziges Programm in die Wohnstuben ergoss: Das Erste der ARD, das sich würdevoll „Deutsches Fernsehen“ nannte. Nun waren auch wir dabei.
Düster und bedrohlich
An Karfreitag des Jahres 1962 durfte ich zum ersten Mal für ein Abendprogramm aufbleiben. Es gab großes, tragisches, vor allem religiöses Theater: „Mord im Dom“, den Nachkriegs-Bühnenwelterfolg von T.S. Eliot, handelnd von Blutzeugnis und Märtyrertod des Thomas Becket, bis 1162 Kanzler und Vertrauter des englischen Königs Heinrich II. und bis zu seinem gewaltsamen Ende acht Jahre danach auch Erzbischof von Canterbury. Konkret sind die Erinnerungen an dieses erste Fernsehgericht Gottes nicht, unvergesslich aber bleibt die düstere und bedrohliche Atmosphäre, in welcher der bescheidene Edelmut und der demütige Stolz des Erzbischofs desto heller erstrahlen konnten: So also sah das Mittelalter aus, erstmals wurde es zum Bild.
„Mord im Dom“ war eine jener aufwendigen, exklusiv fürs Heimkino aufgenommenen Theaterinszenierungen, die für die frühe Phase des Fernsehens überaus charakteristisch sind. Ehrfurchtsvoll flüsterten sich meine Eltern die Namen der Schauspieler zu: Wolfgang Kieling, Pinkas Braun, Benno Sterzenbach und Romuald Pekny etwa spielten die vier Versucher des Thomas Becket, Johanna Hofer führte den Chor der armen Frauen an – allesamt wurden sie zu Identifikationsfiguren des jungen Mediums, in zahlreichen Rollen würde man ihnen in den sechziger und siebziger Jahren wiederbegegnen.
Eine wirklich ernste Sache
Fernsehen war einstmals eine wirklich ernste Sache, gerade für diejenigen, die es prägten und gestalteten. Volksbildung und Kultur hatten sie sich auf die Fahnen geschrieben, Unterhaltungssendungen sahen sie bestenfalls als notwendiges Übel an. Karl Holzamer etwa, Pädagogikprofessor in Mainz und von 1962 an erster Intendant des gerade gegründeten ZDF, wollte in einem Artikel von 1964 seine „Enttäuschung“ über die amüsiersüchtigen Zuschauer „nicht verschweigen“, denn sie machten „nicht den rechten Gebrauch von diesem Medium“. In seiner großen Zahl, so Holzamer weiter, benehme sich das Publikum also „nicht fernsehgerecht“, gehe doch die „Realitätsgewandtheit des Fernsehens“ weit über dessen „verbreitete Neigung zu Traumsurrogaten hinaus“.
War das Fernsehen eine ernste Angelegenheit, so waren gerade die Osterprogramme der sechziger Jahre der Ernstfall des Ernstes. 1964, im zweiten Jahr seines Bestehens, begann das ZDF an Karfreitag um 15 Uhr mit der Übertragung der Bachschen Markus-Passion aus der Stiftskirche St.Goar, ließ am frühen Abend den berühmten evangelischen Theologen und noch berühmteren Fernsehpfarrer Jörg Zink ein englisches Passionsspiel unter dem Titel „Kreuzigung 1964“ kommentieren und sendete um 20 Uhr den Kinofilm „Der Mann, der sterben muss“ in der Regie von Jules Dassin und nach dem Roman „Griechische Passion“ von Nikos Kazantzakis, dem Autor von „Alexis Sorbas“. Das Erste wiederholte am Nachmittag die Dokumentation „Die sieben Leuchter“, eine „Reise in die Apokalypse“, sendete am frühen Abend die Telemannsche Markus-Passion aus Saarbrücken und füllte den Abend mit der Verfilmung einer Ballade des christlichen Autors Reinhold Schneider. „Der Traum des Eroberers“ lautete der Titel, es ging dabei um „die Verflechtung von Schuld und Herrschaft“, mehr aber noch um „die Tragik der westlichen Welt, das Verhängnis ihres Eroberungswillens zu erfassen.“
Der Unterhaltungshit schlechthin
Natürlich heiterten sich die beiden Fernsehprogramme von Karsamstag an etwas auf: Das Erste bot mit Hans Joachim Kulenkampffs Europa-Quiz „Einer Wird Gewinnen“ den nationalen Unterhaltungshit schlechthin, Holzamers ZDF antwortete selbstredend mit Kultur, fand sich indes immerhin zu einer klassischen Komödie bereit: Molières „Der Arzt wider Willen“. Dafür gab es dann am Ostersonntag zur Hauptsendezeit mit der Oper „Der Evangelimann“ von Wilhelm Kienzl wieder schwere Kost, zu der die ARD mit Oskar Werners und Josef Gielens Fernsehtheater-Inszenierung von Goethes „Torquato Tasso“ eine mindestens gleichgewichtige Alternative bot. Richtig locker lassen wollte man im Ersten selbst an Ostermontag nicht – Zoltan Kodalys Singspiel „Háry János“ stand auf dem Programm, während das ZDF nun immerhin mit dem unvergessenen Bully Buhlan („Ich hab noch einen Koffer in Berlin“), mit Curd Jürgens, Greetje Kauffeld, Louis Armstrong „und vielen anderen“ seine „Berlin-Melodie“ anstimmte.
Mit den sechziger Jahren verschwand auch das österlich strenge Opern- und Theater-, also das Klassikerfernsehen von den Bildschirmen, genauer gesagt: parallel zum flächendeckenden Sendestart der dritten Programme, also von 1964 an, beginnt erst allmählich, bald jedoch sehr konsequent die Verbannung des ganz und gar Anspruchsvollen und Schweren in die Fernsehnische für die gebildete Minderheit. Die siebziger Jahre bauen dann fürs Fernsehostern auf cineastische Breitwandschinken im Kleinformat und mit christlichem, zumindest metaphysischem Bezug – von Cecil B. DeMilles „Die zehn Gebote“ über William Wylers „Ben Hur“ bis zu John Hustons „Moby Dick“.
Restreligiöse Pflichterfüllung
Mit dem Beginn des Privatfernsehens im Januar 1984 setzt dann ein, was inzwischen längst Gewohnheit wurde – die im Grunde völlige Profanierung des Programms bei restreligiöser Pflichterfüllung. Dass, wie am Karfreitag zu gewärtigen, das Erste um 20.15 Uhr mit „Schicksalstage in Bangkok“, einem mysteriösen Beziehungsdrama vor exotischer Kulisse, ins Quotenrennen geht und das ZDF parallel mit dem „Alten“ und der „Soko Kitzbühel“ schlicht und ergreifend auf so bewährte wie banale Krimiserien setzt, hätten die Fernsehmacher der Nachkriegsjahrzehnte in ihren schlimmsten Albträumen nicht zu erahnen vermocht.
Wer vom schwarzweißen Erziehungs- und Bildungsprogramm der sechziger Jahre österlich sozialisiert und geprägt wurde, mag in dieser Entwicklung nur einen Niedergang erkennen. Dies allerdings wäre durchaus auch wohlfeil. Denn es ist ja keineswegs so, dass man den frühen Angeboten immer nur freudig begegnet wäre. An den „Traum des Eroberers“ oder den „Evangelimann“ etwa erinnere ich mich jedenfalls mit einigem Trübsinn.