13.09.2009 · Auch das Kanzlerduell wird den Wahlkampf nicht eröffnen. Warum die Farblosigkeit der Kandidaten kein persönliches Manko ist, sondern, im Gegenteil, nur die logische Konsequenz des medialen Anforderungsprofils.
Von Harald StaunWäre die Frage, wer die nächste Bundeskanzlerin wird, nicht schon längst eine rhetorische: Patricia Riekel und Claus Peymann hätten einen beträchtlichen Einfluss auf ihre Beantwortung: Die Chefredakteurin der Illustrierten „Bunte“ und der bekennende Fernsehverachter nämlich sollen am Sonntag mithelfen, bei Anne Will zu erklären, wer denn nun eigentlich das sogenannte Kanzlerduell gewonnen hat.
Das hat Tradition: Schon in den Jahren, in denen sich die Kandidaten bemüht hatten, mit unterscheidbaren Positionen und Temperamenten die Zuschauer für sich zu gewinnen, betrachteten es die Fernsehsender als ihre journalistische Pflicht, den Bürgern die Aufgabe abzunehmen, die Performance, die sie kurz vorher gesehen hatten, selbst zu bewerten.
Die großkoalitionäre Harmonie aber, die den bisherigen Wahlkampf beherrschte, führt auf allen Kanälen zu einem Maximaleinsatz von Deutern und Einschätzern, die die prognostizierte Langeweile weginterpretieren sollen. Zu den Bürgern Riekel und Peymann gesellen sich Günther Jauch und Hans-Ulrich Jörges sowie Edmund Stoiber und Klaus Wowereit, die immerhin den Vorteil haben, schon heute zu wissen, wer sich besser geschlagen haben wird.
Fragen Sie ihren Arzt oder Prominenten
Auch die anderen drei übertragenden Sender wollen es nicht dem Zufall überlassen, wen die öffentliche Meinung anschließend zum Sieger erklärt. Das ZDF fragt nicht „prominente Zuschauer und Politiker“ nach ihrer Meinung, dafür aber Ärzte und Krankenschwestern in einem Krankenhaus in Brandenburg sowie Fabrikarbeiter aus Baden-Württemberg. Bei RTL vor- und nachberichten die Ansagerinnen Ilka Eßmüller und Frauke Ludowig aus einem Außenstudio vor dem „Hotel Adlon“ und versuchen einen repräsentativen Überblick zu vermitteln, wer eben auch so alles wählen darf: die Schauspielerinnen Alexandra Kamp und Sophia Thomalla zum Beispiel, aber auch der Schneider Otto Kern. Schließlich hält sich der Mythos hartnäckig, es gehe in der Debatte vor allem darum, wie man aussieht. Und Michael Michalsky hatte offensichtlich keine Zeit. Und wer noch nicht weiß, dass Guido Westerwelle das Gespräch der Kanzlerin mit ihrem Vize für eine Farce hält, kann es sich von ihm bei Sabine Christiansen und Stefan Aust auf Sat.1 noch einmal erzählen lassen.
Nur die sogenannten Nachrichtensender verweigern die Teilnahme an der Personality-Show und widmen sich ab 22 Uhr Themen von zeitloser Bedeutung: N24 zeigt eine amerikanische Dokumentation über die beiden Marsrover „Spirit“ und „Opportunity“, ntv eine über Supervulkane, beides vergleichsweise relevante Probleme (wobei man den Sendern da sicher keine Absicht unterstellen sollte).
Was soll schon groß passieren?
Auch wenn die Umfragen, die dem Duell nun noch schnell wahlentscheidende Bedeutung bescheinigen, vor allem nach Werbung für das sogenannte TV-Highlight klingen, darf man die Wirkung des Duells nicht unterschätzen. Allein die Rekordeinschaltquote von bis zu zwanzig Millionen Zuschauern, die auch diesmal erwartet wird, zeigt, wie sehr sich das öffentliche Interesse auf diesen Abend konzentriert: Die einzelnen Fernsehauftritte der Kandidaten wollten bisher, wenn es gut lief, höchstens vier Millionen Menschen sehen. Den Eindruck, dass man dem Anblick der beiden Spitzenkandidaten in den vergangenen Tagen kaum noch entkam, können also schon rein rechnerisch nicht alle teilen. Für viele wird das Duell, so beunruhigend das klingt, tatsächlich die erste Gelegenheit sein, Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, wenn man davon sprechen kann, einmal in Aktion zu erleben.
Diejenigen aber, die die Floskeln nicht mehr hören können, mit denen die Kandidaten in diesem Jahr besonders bemüht versuchen, programmatische Unterschiede zu kaschieren, dürfen nicht den Fehler machen, den Sonntag für den dramaturgischen Höhepunkt des Wahlkampfs zu halten. Woher die Deutsche Presseagentur die Hoffnung nimmt, „dass das Aufeinandertreffen im Studio Berlin-Adlershof endlich Schwung in die bislang doch eher müde Auseinandersetzung zwischen den beiden Noch-Koalitionspartnern bringt“, ist völlig rätselhaft. Wem gelänge es schon, sich vorzustellen, dass Steinmeier plötzlich die Nation mit seinem Charisma mitreißt? Dass Merkel Interna aus dem Kabinett ausplaudert, die ihren Außenminister diskreditieren?
Wer sich zur Vorbereitung noch einmal von der Ähnlichkeit der politischen Programme überzeugen will, kann sich beim „Web-Duell“, einem Online-Angebot der ARD, davon überzeugen. Dort kann man, in Bild und Ton und nach Themen geordnet, die Aussagen von Merkel, Steinmeier und achtzehn anderen Politikern miteinander vergleichen und anschließend darüber nachdenken, von wem man sich lieber erklären lässt, warum Opel gerettet werden musste oder die Rente mit 67 leider notwendig ist. Und es erhöht die Brisanz auch nicht, wenn Steinmeier vor dem Aufeinandertreffen die minimalen Erwartungen noch einmal schnell in Grund und Boden stampft, indem er auf sein gedämpftes Temperament hinweist („Ich habe nichts von einem Wüterich.“).
Charismadefizite sind nicht der einzige Grund
Die These, dass die zu erwartende Ereignislosigkeit vor allem auf die charakterlichen Dispositionen der Duellanten zurückzuführen ist, ist derart glaubwürdig, dass man sie kaum zu hinterfragen wagt. Es wäre gar nicht mehr nötig, dass beide Kandidaten ihre Charismadefizite auch noch mit dem Hinweis unterstreichen, Sachthemen in den Mittelpunkt stellen zu wollen - was denn sonst? Und trotzdem ist es möglich, dass die Konfliktscheu von Merkel und Steinmeier weniger auf ihre Persönlichkeit zurückzuführen ist, als vielmehr auf die Erfahrungen der bisherigen Kanzlerduelle. Aus der Analyse der beiden Duelle 2002 und 2005 nämlich lässt sich vor allem eine Lektion ablesen: Wer den Gegner angreift, hat eigentlich schon verloren.
Die Kommunikationswissenschaftler Carsten Reinemann und Marcus Maurer hatten in beiden Debatten Zuschauer mit einem Drehregler ausgestattet, um deren unmittelbare Wahrnehmung zu ermitteln. Während polarisierende Aussagen sich zwar als nützlich erweisen konnten, die eigenen Anhänger zu mobilisieren, ließ sich das gesamte Publikum am ehesten durch Gemeinplätze überzeugen, etwa mit der Forderung, die Arbeitslosigkeit zu senken oder Bürokratie abzubauen. Angriffe auf den politischen Gegner dagegen verursachten vor allem Ablehnung bei dessen Anhängern.
Besonders kontraproduktiv war es, sein Statement mit Zahlen oder Fakten zu belegen: dadurch, so schreiben die Forscher, „wurde die Ablehnung durch die Anhänger des politischen Gegners keineswegs geringer, sondern eher noch gesteigert“. An konkrete Inhalte kann sich am Ende sowieso kaum ein Zuschauer erinnern: 41 Prozent etwa sagten im Anschluss an das Fernsehduell 2005, „Schröder habe die besseren Argumente beim Thema Bildung gehabt“, obwohl über Bildungspolitik gar nicht gesprochen wurde. Brillante Argumentationen sollte man also schon deshalb nicht erwarten, weil sie mindestens unnötig sind, oft aber abschreckend.
Charaktereigenschaften unterdrücken, die die Wähler nur irritieren
Wer den Verlauf des Wahlkampfs betrachtet, wird das Gefühl nicht los, dass die Berater der beiden großen Parteien diese Ergebnisse nicht nur sehr gut kennen, sondern längst zur umfassenden Devise ausgegeben haben, die nicht nur das Verhalten im Fernsehduell bestimmt, sondern den kompletten Wahlkampf formatiert, wenn nicht sogar die Politik. Aus dieser Perspektive ist auch die Farblosigkeit der Kandidaten kein persönliches Manko, sondern, im Gegenteil, nur die logische Konsequenz des medialen Anforderungsprofils. Die immer wieder aufkommenden Beschwerden, die Mediendemokratie fördere Selbstdarsteller und Polit-Entertainer, steht jedenfalls empirisch derzeit auf wackeligen Füßen: Wo wären denn diese Charismatiker? Und wie haben es die aktuellen Spitzenkandidaten so weit geschafft?
Nicht mit schwitzendem Populismus beweist man heute wahre Medientauglichkeit, sondern mit der Fähigkeit, all jene Charaktereigenschaften zu unterdrücken, die die Wähler nur irritieren. Vielleicht muss man ja doch all jenen glauben, die immer davon erzählen, wie schlagfertig Merkel im persönlichen Gespräch sein kann und wie witzig Steinmeier. Es wäre nur fatal, wenn sich das herumspräche.
Warum der Gewinner gewinnt
Weil es heute Abend vor allem darauf ankommen wird, Mittelmäßigkeit auszustrahlen, kommt das Duell nicht ohne Schiedsrichter aus. Dass der Zuschauer am Ende die Auflösung nicht erfährt, ist auf dem Sendeplatz, an dem sonst zum Beispiel der „Tatort“ läuft, nicht vorgesehen. Die Diskussion über die Performance der Akteure ist längst so wichtig wie das Duell selbst - und vermutlich werden demnächst auch dafür jene Spielregeln und Formalismen eingeführt, die schon die Debatte in Zaum halten sollen. Es wäre auch keine Überraschung, wenn schon beim nächsten Fernsehduell die ersten Blitzumfragen als eigener Themenblock noch im Duell selbst debattiert werden.
Bei den Debatten zwischen Barack Obama und John McCain lieferte CNN seinen Zuschauern die Reaktionen einer Testgruppe bereits als Live-Grafik mit, was unentschlossene Wähler durchaus als Orientierungshilfe missverstehen können. Ähnlich selbstreflexive Effekte ergab auch die deutsche Studie: „Siegerurteile der ,normalen' Zuschauer sind nicht zuletzt deshalb von Bedeutung, weil sie indirekt die Nachberichterstattung der Medien beeinflussen, die wiederum ihrerseits in den Tagen nach dem Duell die Ansichten über den Ausgang des Duells beeinflussen kann“, schreiben Reinemann und Maurer. Jede inhaltliche Analyse erübrigt sich dann: Der Gewinner gewinnt, weil die Zuschauer glauben, dass er gewonnen hat, und zwar, weil die Medien ihnen gesagt haben, dass die Zuschauer gesagt haben, dass er gewonnen hat.
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Harald Staun Jahrgang 1970, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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