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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fernsehduell Haben Sie doch Interesse!

 ·  Hatten sie aber nicht: Denn es waren keine Journalisten, sondern Moderatoren und Nachrichtensprecher, die beim Fernsehduell zum Einsatz kamen, mediale Mannequins. Warum die Fernsehanstalten ein Professionalitätsproblem haben.

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Politische Diskussionen im Fernsehen haben etwas Widersprüchliches. Was gesagt wird, soll einerseits so klingen, als komme es aus der Situation, als erfolgten Antworten auf Fragen, die soeben gestellt wurden. Warum sonst auch sollte man die Politiker im Gespräch zeigen und nicht einfach nur ihre Reden und Entschlüsse abdrucken? Ginge es nicht um Interaktion unter Anwesenden, würde es, was Kontroversen zwischen Kanzlerkandidaten angeht, auch ein öffentlicher Briefwechsel tun. Dass er es nicht tut, ist der Sinn von „Duell“: Die kommunikative Gattung, in diesem Fall der leibhaftige Auftritt, ist selbst die Botschaft.

Das ging im Kandidatenduell so weit, dass die Kontrahenten nicht einmal einen Zettel, geschweige denn Akten mitbringen durften – so, als würden in erster Linie ihre Gedächtnisstärke und das freihändige Reden ohne Stützräder getestet. Und das in einem Medium, in dem die Moderatoren ihrerseits sogar Sätze wie „Guten Abend, die Regierung ist in einer Krise“ vom Teleprompter ablesen. Und das bei Politikern, die in keiner anderen Situation, insbesondere nicht in solchen des politischen Entscheidens, für das sie gewählt werden, unter solchen Bedingungen sprechen.

Sie werden gesagt haben

Auf der anderen Seite hat auch das Kandidatenduell dieser Wahlperiode dokumentiert, dass es natürlich keineswegs Beiträge zu einem Streitgespräch sind, die wir vernehmen. Es werden vielmehr zumeist Texte aufgesagt. Texte, die bekannt sind, die schon so häufig aufgesagt wurden, dass es keines Zettels mehr bedarf, die gewissermaßen erwartet werden dürfen. Ihre Zeitform ist das Futur II: „Sie werden gesagt haben.“ Am Sonntag waren es beispielsweise Texte über soziale Gerechtigkeit, die zwar herrscht (Merkel), aber nicht genug (Steinmeier), Managergehälter, die unanständig sind (Steinmeier und Merkel), die Notwendigkeit militärischer Präsenz in Afghanistan (Merkel und Steinmeier) oder die Gesundheitsfürsorge, die für jeden Bürger gleichermaßen da sein soll (beide). Die Kandidaten dürften sich um so lieber bei dieser Art Wertetext aufgehalten haben, als er die Eigenschaft besitzt, dass man ihn nicht ablehnen kann. Oder es konnte, wie im Fall der Manager, über abwesende Minderheiten gesprochen werden, weshalb sowohl der mögliche Dissens stumm bleibt als auch die Zahl der entgangenen Wählerstimmen gering.

Hier liegt der Einwand nahe, dass es von Politikern im Allgemeinen ja auch nicht verlangt werden kann, mutwillig Überraschendes zu sagen. Im Besonderen war gerade von diesen beiden nicht zu erwarten, dass sie Dissens mitteilen, auch wenn sie keinen haben, nur weil Kameras laufen und jemand behauptet hat, sie konkurrierten um das Kanzleramt. Irgendwie nährt sich ja auch der Eindruck der Verlässlichkeit, den beide machen, daraus, dass sie dafür nicht zu haben sind. Doch das Paradox eines Gesprächs, das gar keines ist, sondern ein fast wechselwirkungsfreier Austausch von Vorfabrikaten, wurde am Sonntag noch gesteigert dadurch, dass sich auch die Journalisten an ihm beteiligten. Ja, sie sorgten nachgerade durch Desinteresse, Phrasenhaftigkeit („Das S in SPD steht auch für sozial“) und schlechte Vorbereitung (Unkenntnis etwa darüber, was eine Tobin-Steuer ist) dafür, dass gar nichts anderes geschehen konnte.

Rückzahlungspflichtige Moderatoren

Spätestens als Peter Kloeppel von RTL den Unterschied nicht begriff zwischen „bis 2013 einen Plan für den Rückzug aus Afghanistan haben“ und „2013 sich aus Afghanistan zurückziehen“, war klar: Auch die Moderatoren hatten einen Text mitgebracht, von dem sie sich selbst dann nicht lösen konnten, wenn die Diskussion ihnen dazu alle Gründe lieferte. Maybrit Illner und Frank Plasberg unterbrachen die Kandidaten mitunter nachgerade, als hätten die Moderatoren sich nicht nur die Fragen, sondern auch gleich noch die richtigen Reaktionen notiert und stellten nun unwirsch fest, dass das Personal falsch antworte. Der Satz des Abends gehörte Steinmeier und empfahl sich zur Wiederverwendung: „Haben Sie doch einfach Interesse an meinem Argument!“

Hatten sie aber nicht, was schade war, weil es so viele davon nun auch wieder nicht gab. Steinmeiers These, man brauche neun Prozent Wachstum zur Selbstfinanzierung von 50 Milliarden Steuererleichterung; Merkels Empörung über seinen Hinweis auf ungleich verteilte Parteispenden aus dem Finanzsektor; ihre Prognose, Mindestlöhne führten zu Arbeitslosigkeit im Friseurgewerbe; das Schweigen beider darüber, wer die Krise wird bezahlen müssen; dasjenige Steinmeiers darüber, mit wem er denn regieren will – all das bot Anlass zu Fragen. Man hätte sie nur eben der Situation entnehmen müssen. Aber es waren eben gar keine Journalisten, sondern Moderatoren und Nachrichtensprecher, die hier zum Einsatz kamen, mediale Mannequins. Die Fernsehanstalten haben ein Professionalitätsproblem. Sie geben viel Geld für Leute aus, die ihren Job nicht tun. Wollte man dem Konsens in der Managerdebatte folgen, wäre das Moderierpersonal jetzt rückzahlungspflichtig.

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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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