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Fernseh-Vorschau: Die Wölfe Nicht einmal die Mauer kann sie trennen

29.01.2009 ·  Die ganze Geschichte Deutschlands nach dem Krieg will uns das ZDF heute Abend mit dem Dreiteiler „Die Wölfe“ erzählen. Die Bilder sind spektakulär, die Schauspieler groß, nur die Dramaturgie ist brüchig.

Von Jochen Hieber
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Zum Auftakt des zweifachen deutschen Jubiläumsreigens - sechzig Jahre Bundesrepublik, zwanzig Jahre Mauerfall - bietet das ZDF ein aufwendiges Doku-Drama, das sich zwischen Sommer 1948 und Silvester 1989 abspielt, dabei in einer Spielhandlung sechs fiktive Lebensläufe entfaltet und sie zugleich einbettet in bewegte Zeugnisse der Epoche: in Bilder der Wochenschauen aus Ost und West oder in Ausschnitte aus Nachrichtensendungen und Dokumentationen des DDR- wie des westlichen Rundfunks.

Das Ineinander von Fiktion und Realität ist handwerklich überzeugend, ja die Montage bisweilen so perfekt, dass man zumindest für Augenblicke die medialen Nahtstellen zwischen den verschiedenen Ebenen gar nicht oder nur minimal wahrnehmen kann - in der Spielhandlung etwa geht der Film von der Farbe in Schwarzweiß über, bevor die Kamera gen Himmel schwenkt, wo wir nun durchs Fernglas einer fiktiven Figur die realen „Rosinenbomber“ der alliierten Luftbrücke im Anflug auf West-Berlin sehen.

Sprünge in der Zeit

Dem handwerklichen Aufwand entspricht eine überlegte Erzählstruktur. Aus drei jeweils eineinhalbstündigen Teilen setzt sich dieses deutsch-deutsche Mosaik zusammen. Der Regisseur Friedemann Fromm, der zusammen mit seinem Bruder Christoph auch das Drehbuch schrieb, vermeidet dabei die Illusion, in knapp 270 Minuten gut vierzig Jahre Zeitgeschichte kontinuierlich nachzeichnen zu können. Jeder Teil mithin konzentriert sich auf ein ganz bestimmtes Geschehen - der erste auf die Trümmerzeit im Nachkriegs-Berlin von 1948 und 1949, der zweite auf den Mauerbau im Sommer 1961 und die Monate danach, der letzte schließlich auf die Öffnung der Grenzen und das Gesellschaftsglück vom Herbst 1989.

Die Sprünge in der Zeit werden auch durchs Auswechseln der Schauspieler verdeutlicht. Dramaturgisch wie ästhetisch einleuchtend ist der Verzicht darauf, durch Maske, Schnitttechnik oder Computertricks die Darsteller der sechs Hauptfiguren zumindest von den vierziger in die sechziger oder von den sechziger in die achtziger Jahre hinüberzuretten. Zu Beginn des zweiten und dritten Teils resultiert daraus ein verfremdender Effekt: Die vertraut gewordenen Akteure sind inzwischen nicht nur deutlich älter, sie sehen sich selbst auch keineswegs mehr ähnlich. Also muss man sich als Zuschauer in der jeweils neuen Situation auch jeweils aufs Neue mit ihnen identifizieren oder wenigstens bekannt machen - und just dies gelingt dank Fromms kunstvoller Personenführung ausgezeichnet.

Beim Blut des Karl May

„Nichts kann uns trennen“ heißt der erste Teil. Bernd Lehmann und Jakob Lehn, eher Komplizen als Kumpel, sind um die sechzehn Jahre alt. Zusammen mit dem dicken Kurt und den charakterlich ganz unterschiedlichen, indes gleichermaßen hübschen Mädchen Silke und Lotte bilden sie ein Trümmerquintett, zu dem sich noch Lottes kleiner Bruder Ralf gesellt, ein etwa zehnjähriger Flüchtlingswaise mit reichlich Überlebenswitz. Ein recht zahmer Wolfshund gehört auch dazu: Den amerikanischen Soldaten gegenüber geben ihn die Jugendlichen als Nachkomme von Hitlers Blondi aus, was sich auf mehrfache Weise als sehr einträglich erweist. „Die Wölfe“ nennen sich die sechs und schwören beim Blut des Karl May, dass nicht einmal der Tod sie trenne.

Scheinbar leichthin gelingt es Drehbuch und Regie, jedes Mitglied dieser Berliner Sechserbande so individuell wie typisierend zu zeichnen. Bernd Lehmann, dessen Vater zu Beginn noch in Kriegsgefangenschaft ist und dessen Mutter mit einem farbigen Major ein Kind hat, ist ein Kämpfer, also auch ein kommender Machtmensch - er wird es später mit seiner Spedition im Westen der Stadt zu einigem Wohlstand bringen. Der junge Jude Jakob Lehn hat als Einziger aus seiner Familie das Vernichtungslager überlebt, ist nun der stille Denker und Lenker der „Wölfe“, wird später bei einem Fluchtversuch gefasst und danach ob seiner überragenden Computerfähigkeiten von der Staatssicherheit zur Mitarbeit erpresst.

Kurt: ein bodenständiger Opportunist mit diplomatischen Fähigkeiten. Silke: von der ersten Stunde an Mitglied der FDJ, später gesinnungstreue Fernsehfrau, schließlich sozialismusgläubige Staatdissidentin. Lotte schließlich: eine reine, überaus gesangsbegabte Seele, die von beiden, Bernd wie Jakob, gleichermaßen begehrt wird, während Silke sich all die Jahrzehnte lang nur nach Jakob sehnt. 1989 sind die jungen Wölfen Mitte fünfzig: sie werden von Barbara Auer (Lotte), Johanna Gastdorf (Silke), Axel Prahl (Bernd) und Matthias Brandt (Jakob) überzeugend gespielt - und natürlich taucht Willy Brandt, der Vater des Schauspielers, in den dokumentarischen Passagen ebenso auf wie das übrige politische Führungspersonal des Kalten Kriegs in Ost und West. Unter den Darstellern der Jugendlichen ragen Neel Fehler (Jakob) und Vincent Redetzki (Bernd) heraus, die jungerwachsene Lotte wird von Annett Renneberg sensibel verkörpert.

Die krasse Not der Nachkriegsjahre

Einigen Kummer machen indes der Gang und die Führung der Handlung. Eine durchgängige Handschrift ist nicht zu erkennen, unentschieden wechseln die Brüder Fromm gerade im ersten Teil zwischen Brutalität und Putzigkeit hin und her - mal scheint Carol Reeds „Der Dritte Mann“ von Wien nach Berlin verpflanzt, mal herrscht die freundliche Dramaturgie von Sönke Wortmanns „Das Wunder von Bern“ oder jene einer harmlosen Familienserie. Keineswegs einleuchtend ist, weshalb Lotte nach dem Mauerbau die dramatische Flucht in den Westen gelingt, während ihr Bruder dabei ums Leben kommt und Jakob fast ertrinkt: Sekunden, bevor sie Bernd in den Arm fällt, war sie noch mit den beiden anderen im Fluchtlaster auf der DDR-Seite - und dieser Laster wird erst beschossen und rast dann führerlos in den Kanal.

Durchaus bewegende Bilder und Dialoge findet das Doku-Drama immer dann, wenn es sich lakonisch auf die große und krasse Not der Nachkriegsjahre einlässt - und auf die Versuche, ihr zu entkommen. Völlig schief jedoch gerät das sehr private Symbol, das in einer Vorausblende gleich zu Beginn und, dem zeitlichen Ablauf gemäß, dann ganz zum Schluss auch die deutsch-deutsche Situation jener Epoche versinnbildlichen soll. Ohne auch nur zu ahnen, wer die Eltern des jeweils anderen sind, finden im ungarischen Sommer des Jahres 1989 Bernd und Lottes West-Tochter sowie Jakobs und Silkes Ost-Sohn zueinander. Kurz vor der Hochzeit stellt sich heraus, dass sie Bruder und Schwester sind. Nach der Geburt der gemeinsamen Tochter aber findet ein gütiger Arzt heraus, dass von Inzest nicht die Rede sein könne, dafür von einem Sieg der Liebe. Hier lügt uns der Film schlichtweg etwas vor. Aber auch in manch anderer Szene kann er sich zwischen Epos und Kolportage nicht entscheiden.

Die Wölfe beginnen heute um 21 Uhr im ZDF. Die Teile 2 und 3 folgen am 2. und 3. Februar jeweils um 20.15 Uhr

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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