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Freitag, 10. Februar 2012
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Fernseh-Skandal Verblödung mit System

06.09.2009 ·  Zwischen Impotenz und Allmacht: Der Fall Heinze ist nur Symptom der byzantinischen Zustände, unter denen das Fernsehen leidet. Zu fragen ist nach den atmosphärischen Bedingungen, die dem Sumpf überhaupt erst zu wachsen erlauben.

Von Peter Körte, Claudius Seidl und Harald Staun
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Von falschen Drehbüchern war viel die Rede in der vergangenen Woche: von Autoren, die nicht echt waren; von einer Fernsehspielchefin, mit der die Fiktion durchgegangen war; von Biographien, die eher in die Idylle jener Bücher zu passen schienen als in die Wirklichkeit des harten Autorenalltags: jenen in Kanada lebenden Niklas Becker, den man so schlecht telefonisch erreichen konnte, oder jene Marie Funder, die sich an die irische Ostküste zurückgezogen hatte, wo sie in die „emotionalen Welten“ ihrer Figuren eintauchte.

Wenn aber nun, Stück für Stück, die Pseudonyme von Doris Heinze enttarnt werden, der suspendierten Fernsehspielchefin des Norddeutschen Rundfunks; wenn die Staatsanwaltschaft ermittelt, wer noch alles profitierte von der Vetternwirtschaft zwischen Programmmachern und Produzenten; wenn die Verantwortlichen des Senders von Heinzes „hoher krimineller Energie“ sprechen (so der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust) und ihrem „unlauteren Verhalten“ (NDR-Intendant Lutz Marmor); wenn also alle Mängel des Systems mit dem Hinweis auf menschliches Versagen beiseitegewischt werden: dann muss man sich fragen, ob das Skript, dem diese Reaktionen folgen, nicht noch viel stereotyper ist als all die Schmonzetten, die Heinze und ihrem Mann zur Last gelegt werden. Wie jene Reflexe, die nur in der Gier moralisch verkommener Manager die Ursache für die Krise eines anderen Systems sehen, scheint es damit getan zu sein, das Personal auszutauschen.

Wenn jemand nicht zu erreichen ist

Es geht gar nicht nur um Korruption und Kumpanei; darum geht es aber auch. Vielmehr wäre zu fragen nach den atmosphärischen Bedingungen, die dem Sumpf überhaupt erst zu wachsen erlauben: nach dem Geflecht von Sendern, Produktionsfirmen, Filmgesellschaften und Förderanstalten, nach dem Qualitäts- und Selbstverständnis der Redakteure. Dass die fiktiven Autoren so lange ihre Drehbücher anbieten konnten, das hat ja nicht nur mit der Skrupellosigkeit einer Fernsehspielchefin zu tun oder gar mit der Glaubwürdigkeit der von ihr gefälschten Biographien. Es zeugt eben auch von einer Kultur, die es nicht weiter irritiert, wenn jemand, der für das Gelingen eines Fernsehfilms ja nicht ganz unwesentlich ist, für Rückfragen nicht zur Verfügung steht und allen Änderungen am eigenen Werk absolut gleichgültig gegenübersteht.

Für Kenner ist, was da jetzt herausgekommen ist, keine Überraschung. Der Regisseur Christopher Roth schilderte schon 2002 im Gespräch mit dieser Zeitung seine Erfahrungen mit Doris Heinze, die Roths Film „Candy“ produziert hatte und dann nicht ausstrahlen wollte. „Es hieß, weil häufig große Uhren zu sehen sind, auf denen Rolex steht, sei es problematisch. Das haben wir dann aufwendig retuschiert, dann hat die Redakteurin ihn auch nicht zeigen wollen, obwohl sie während der Dreharbeiten und während des Schnitts nie was gesagt hat. Doris Heinze war vor Jahren auch an dem berüchtigten ARD-Papier beteiligt, in dem steht, dass alle Filme, die in der ARD gezeigt werden, sofort verstanden werden müssen, dass sie eine bestimmte Länge nicht überschreiten dürfen und dass Motive sich in bestimmten Abständen wiederholen müssen.“

Der Konformitätsdruck, der von solchen Papieren ausgeht, selbst wenn sie nicht als offizielle Richtlinien verabschiedet werden, sondern nur als vage Kontrollkriterien durch Verantwortlichenköpfe spuken, ist für Autoren wie für Regisseure deutlich spürbar: Der Oscar-Gewinner Stefan Ruzowitzky („Die Fälscher“) sprach vor zwei Jahren von der „Schreckensherrschaft der Dramaturgen und Lektoren“; und ein anderer, nicht ganz unerfolgreicher Regisseur zog es aus naheliegenden Gründen vor, anonym zu bleiben: „Für einen einzelnen Produzenten, Regisseur oder Autor ist es beruflicher Selbstmord, über die Presse einen Fernsehredakteur oder die Öffentlich-Rechtlichen zu kritisieren. Ich hab daher volles Verständnis dafür, dass sich keiner traut.“

Wissen, wie es läuft

Allein die Angst all der Autoren, Produzenten und Regisseure, die viel erzählen, aber dann doch nichts gesagt haben wollen, veranschaulicht den Zustand des Systems. Und so ist es nur konsequent, wenn sich die wenigen, die deutlich werden, entweder als Opfer oder als Aussteiger eines korrupten Betriebs sehen. Im Licht des Skandals fällt es schwer, ihre Geschichten als Verschwörungstheorien zu lesen. Die Schauspielerin und Lektorin Loretta Wollenberg etwa ist eine jener zutiefst Enttäuschten; sie nimmt jetzt in Kauf, „in der ganzen Branche als Nestbeschmutzer ins ewige Abseits zu geraten“. Als freie Mitarbeiterin des NDR bearbeitete sie acht Jahre lang „mehrere Tausend Bücher“ für Heinzes Redaktion; im Mai des vergangenen Jahres wurde sie plötzlich „aussortiert“, was, so vermutet sie, mit der „Pensionierung einer Redakteurin zusammenhing, die meine Arbeit schätzte“. Seitdem versucht sie wieder als Schauspielerin Fuß zu fassen: „Zahlreiche Regisseure haben mir geantwortet, dass sie mir sofort eine Chance einräumen würden - wenn sie die Möglichkeit dazu hätten. Als Lektorin beim NDR würde ich doch wohl wissen, wie es läuft . . .“

Wie dicht das „unglaubliche Netz“ der Kumpanei ist, schockierte auch Wollenberg - obwohl sie von den Drehbuchfälschungen wusste: „Dass sowohl Frau Heinze als auch Herr Strobel unter Pseudonym selbst schrieben und dass ich mich davor hüten sollte, eventuell eins der entsprechenden Werke negativ zu bewerten, davor wurde ich bereits zu Beginn meiner Tätigkeit von Redaktionsmitgliedern eindringlich gewarnt.“

Immerhin macht es Hoffnung, wenn jetzt die Verbände der Drehbuchautoren und Filmregisseure endlich aus der Deckung kommen: „Das ganze System, das über lange Zeit praktiziert wurde, hat Unterwerfung und Phantasielosigkeit produziert“, erklärt der Verband der Drehbuchautoren; der Bundesverband der Fernseh- und Filmregisseure spricht von einem „zu stark hierarchisierten, zu wenig kontrollierten, von einigen Hauptabteilungsleitern und -leiterinnen beherrschten System“. Der langjährige ARD-Programmdirektor Günter Struve, da sind sich alle einig, habe dieses System gewollt und gefördert.

Neue Aufsichtsgremien, neue Controller?

Auch renommierte Regisseure wie Dominik Graf, dessen Arbeiten die Fernsehleute gerne als Beweis für ihr Qualitätsbewusstsein vorlegen, sehen die Korruption einer Doris Heinze nicht bloß als Betriebsunfall: „Ich frag mich unwillkürlich als Erstes: Wer kommt nach Doris Heinze in diese Position? Und werden jetzt wieder neuerliche Aufsichtsgremien gegründet, neue Controller von den Sendern beauftragt, die mit ihrem unsäglichen Roland-Berger-Deutsch das TV-Programm noch mehr systematisch veröden und verblöden lassen?“

Graf, der gerade die zehnteilige ARD-Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ fertigstellt, spricht von „der fehlenden Balance des ganzen Filmsystems: Nahezu die komplette faktische Entscheidungsmacht über die deutschen Filme liegt inzwischen beim Fernsehen, namentlich beim öffentlich-rechtlichen. Und einige Spitzenkräfte dort sind mit dieser einsamen Position offenbar auch charakterlich überfordert. Meiner Ansicht nach herrscht aber ein unausgesprochener Krieg in den Sendern. In diesem Krieg gibt es klassisch böse Apparatschiks, die ein zu Tode strukturiertes Programm erzwingen wollen, und auf der anderen Seite gibt es nach wie vor echte Kämpfer für eine lebendige Filmkultur. Je mehr man dies zu unterscheiden lernt, und je mehr man von außen diesen Kämpfern zu Hilfe kommt und je präziser man den gnadenlosen Angriff der ebenso bürokratischen wie quotengeilen Klotzköpfe auf das TV-Programm brandmarkt - umso mehr tut man Gutes für den deutschen Film, glaube ich.“

Gutes tun, das könnte auch heißen, die Fernsehredakteure aus den Gremien der Filmförderung zu verbannen, in denen sie auffällig häufig repräsentiert sind. Doris Heinze entschied in Hamburg wie in Niedersachsen über die Vergabe öffentlicher Gelder, die unter anderem aus der Kasse des NDR stammen. Nicht immer schließt sich der Kreis so gut wie 2007, als die Mediengesellschaft Nordmedia, die die Fördergelder in Niedersachsen und Bremen verteilt, mehr als zwei Millionen Euro an die Produktionsfirma Studio Hamburg vergab, eine hundertprozentige Tochter des NDR - für die Produktion der Telenovela „Rote Rosen“.

Vernetzungen und Verquickungen

„Das Fernsehen benutzt die Kinoförderung fast ausschließlich, um seine Programme innerhalb des eigenen Formatdenkens zu bestücken“, sagte der Oscar-Preisträger Pepe Danquart Ende vergangenen Jahres in der „Zeit“. Wenn man all diese Vernetzungen und Verquickungen sieht, dann ist auch der Gedanke gar nicht so absurd, dass es sich beim deutschen Fernsehfilm um das klassische Modell eines geschlossenen Systems handelt, das sich selbst reguliert und so autark ist, dass es ein Außen gar nicht mehr benötigt.

Heike-Melba Fendel, die Kölner Schauspielagentin, die auch, jahrelang und mit großem Erfolg, Lesungen unverfilmter Drehbücher veranstaltet hat, führt die ganze Misere auf die Dialektik von Impotenz und Allmachtsgefühlen zurück. Nach innen, gefangen in der komplizierten und byzantinistischen Hierarchie der Sender, habe so ein Spielfilmredakteur nicht besonders viel Macht. Den Produzenten, Regisseuren und Drehbuchautoren gegenüber erscheine derselbe Mensch aber fast schon als allmächtig: Das, sagt Fendel, sei die Sollbruchstelle des Charakters - und zum Beleg dafür führt sie jenen Redakteur des Südwestrundfunks an, der, zum Beispiel, den Fernsehfilm „In Sachen Kaminski“ erst glätten und entschärfen wollte, dann, als Regisseur und Schauspieler sich gegen ihn durchgesetzt hatten, damit drohte, dieser Film werde niemals ausgestrahlt werden. Und als „In Sachen Kaminski“ aber auf dem Münchner Filmfest als bester Fernsehfilm ausgezeichnet wurde, war das natürlich das Werk des zuständigen Redakteurs.

Diese Verzagtheit gegenüber allem, was einer Herausforderung nur entfernt ähnlich sieht, hat wohl auch mit jenem Missverständnis zu tun, das der ZDF-Fernsehspielchef Reinhold Elschot so formuliert: Auch wer erst in der 23. Minute dazustoße, müsse sofort verstehen, worum es geht. Das Missverständnis besteht nicht nur darin, dass dies eine sehr gute Regel fürs Kommerzfernsehen mit seinen Werbeunterbrechungen und von Quoten abhängigen Werbepreisen ist. Das Missverständnis offenbart sich vor allem in der Weigerung zu erkennen, dass, was man beruhigt in der 23. Minute erst einschalten kann, man mit derselben Ruhe auch zehn Minuten später wieder ausschaltet. Eine Folge der „Sopranos“ bekommt man jedenfalls nicht mit dieser Regel.

An jemanden wie Elschot, der sich gerne selbstbewusst als „Quotenmann“ bezeichnet und ambitionierten Drehbuchautoren auch mal empfiehlt, sie sollten doch besser „Lyrikbände herausgeben“, kann man ganz gut erkennen, was aus der Leidenschaft geworden ist, aus der, in einer fernen Vergangenheit, einmal Serien wie „Kir Royal“ oder „Berlin Alexanderplatz“ entstanden sind: Sie überlebt als Sportsgeist, der eifrig daran arbeitet, den Publikumsgeschmack immer noch ein bisschen besser zu unterfordern. Als Elschot noch Chef der ZDF-Tochterfirma Network Movie war, erklärte er in einem Interview, dass er in seinen Krimis, wann immer es gehe, „Frauen-Frauen“ besetze: „also keine, die den Frauen gleich als große Konkurrentinnen erscheinen“. Mit der Vorstellung, dass ein Autor mal eine überraschende Idee haben könnte, ist das natürlich nicht vereinbar. Mit tödlicher Langeweile schon. Mit Ferresfurtwänglerneubauer absolut.

Angesichts solcher Maximen muss man sich kaum noch darüber wundern, dass sich auch motivierte Fernsehredakteure schnell abgewöhnen, ständig mit dem Kopf gegen eine Wand zu rennen, die doch nicht einstürzt. Als Zuschauer, der längst lieber amerikanische Serien auf DVD bestellt, kann man es ohnehin gut verstehen, wenn sich jemand von seinen Ansprüchen ans deutsche Fernsehen verabschiedet. So geht es den Menschen vor dem Fernseher sehr ähnlich wie jenen, die dort arbeiten: Alle, alle schauen lieber weg.

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Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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