26.08.2009 · Die ARD hat am Dienstag die Fraktionsvorsitzenden der im Bundestag vertretenen Parteien zur Sendung „Klartext zur Wahl“ geladen - und musste sich gleich zu Beginn mal ordentlich Schelte von der Opposition anhören. Immerhin gab es auch mal einen Anflug von Wahlkampf.
Von Peer SchaderDas war vielleicht keine so gute Idee: mit einem Ausschnitt der Elefantenrunde aus dem Jahr 1976 anzufangen, in der Kohl, Schmidt und Strauß drei Tage vor der Bundestagswahl so arg aneinander gerieten, dass man besser einen Löwendompteur als einen Fernsehmoderator ins Studio gesetzt hätte. „Ich habe ernste Sorge um ihren Zustand!“, schimpfte Strauss über Schmidt, und Kohl beschwerte sich aufbrausend: „Es ist ein Skandal, wie Sie in diesen Wochen Wahlkampf geführt haben!“
Als der Ausschnitt zu Ende war, schaute Ulrich Deppendorf amüsiert zu seinen Studiogästen hinüber und ulkte: „Da war noch Stimmung in der Runde!“ Dann brach das Donnerwetter los.
Es kommt nicht alle Tage vor, dass eine Politikdebatte gleich mit einer ordentlichen Tracht Prügel fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen beginnt. Aber daran konnte Deppendorf mit seiner Co-Moderatorin Sandra Maischberger am Dienstagmittag bei der Aufzeichnung von „Klartext zur Wahl“ auch nichts mehr ändern. Draußen vor den Studios in Berlin-Adlershof knallte die Sonne auf den Asphalt. Und drinnen knallten dem ARD-Duo die Beschwerden um die Ohren. Eingeladen hatte der Sender die Fraktionsvorsitzenden der Parteien, und die der kleineren nutzten die Gelegenheit prompt, um ihrem Unmut Luft zu machen, dass sie nicht am „Wahl-Duell“ zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier teilnehmen dürften.
„In den 70ern war es üblich, alle da sitzen zu haben!“
„Beklagen Sie sich nicht!“, musste Deppendorf sich anhören - wenn ARD und ZDF zuließen, dass die Kanzlerin eine Sondersendung bekäme, um 90 Minuten mit ihrem Stellvertreter über die aktuelle Lage zu diskutieren, aber weder FDP, Grüne noch die Linke dazu eingeladen seien, müssten sich die Sender nicht wundern, wenn der Wahlkampf kein konfrontatives Potential entwickele. „In den 70ern war es üblich, alle da sitzen zu haben!“, grätschte Grünen-Frontfrau Renate Künast dazwischen. Und Gregor Gysi von der Linken alberte: „Wenn Sie zum Duell wenigstens einen kleinen Oppositionspolitiker wie mich einlüden!“ Nur SPD-Mann Peter Struck versuchte zu besänftigen: „Ich kann nicht erkennen, dass sich ARD und ZDF falsch verhalten hätten.“
Zehn Minuten dauerte es, bis es genug war mit den Albernheiten. Dann kam tatsächlich Schwung in die Runde und es ging um Inhalte. Genauer gesagt: um Mindestlohn, Steuern und Hartz IV. Für andere Themen ist in diesen Wochen sowieso kein Platz. Und die Debatte entwickelte sich dann auch nicht ganz so kuschelig wie zu befürchten war - unter anderem wegen einer angriffslustigen Renate Künast, die sich mit den vagen Ankündigungen von CDU-Fraktionschef Volker Kauder, „Anreize“ für neue Arbeitsplätze zu schaffen, mit der Frage wehrte: „Wie denn?“ Als CSU-Mann Peter Ramsauer das „bürgerliche Lager“ beschwor, hielt Künast dagegen: „Wenn Sie glauben, das Bürgertum sei Ihres, haben Sie sich geschnitten!“
Kein Feuerwerk politischer Streitkultur
Guido Westerwelle hingegen gab sich erstaunlich gelassen, entschuldigte sich, wenn er anderen ins Wort gefallen war, benutzte öfter einmal die Formulierung „über die Parteigrenzen hinweg“ und wahrscheinlich hätte sich niemand gewundert, wenn er danach noch ein Räucherstäbchen angezündet hätte, so friedliebend war er an diesem Mittag eingestellt. „Ich hab meinem Unmut schon Luft gemacht“, erklärte er den erstaunten Moderatoren. „Das war's jetzt auch.“ Und sowohl Struck als auch Kauder hatten vorher offensichtlich geraten bekommen, einfach nicht weiter aufzufallen. Angela Merkel macht es ja täglich ganz gut vor.
Ein Feuerwerk politischer Streitkultur war dieser „Klartext zur Wahl“ sicher nicht, aber immerhin einer der erhellenderen Momente im derzeit geführten Fernsehwahlkampf, weil die Diskussion in der großen Runde die Unterschiede zwischen den Parteien dann doch an der ein oder anderen Stelle stärker betonte als wenn sich alle in Einzelgespräche ihre Positionen um die Ohren hauen.
Am tollsten war Sandra Maischberger
Und: So sehr man die Sender sonst dafür loben kann, dass sie sich darum bemühen, die Bürger und deren Fragen direkt in die Sendungen zur Wahl einzubeziehen: Dieses Mal war es geradezu erholsam, nicht auf Webcam-, SMS- oder Twitter-Einblendungen achten zu müssen.
Am Tollsten aber war: Sandra Maischberger. Die saß gelassen in der Mitte, hatte klare Fragen und ließ sich nicht abwimmeln. „Sie sehen jetzt schon so gequält aus, Herr Westerwelle, das tut mir leid“, versuchte sie den FDP-Politiker noch vor der Aufzeichnung aufzumuntern. (Aber da hatte sie Peter Struck auf der anderen Seite noch nicht gesehen, der ein Gesicht machte, als hätte er das alles am liebsten schon hinter sich). Als Westerwelle nach dem Elefantenrunden-Ausschnitt von 1976 erklärte, früher seien manche Politiker im Fernsehen ja „knülle“ gewesen, bot die Moderatorin an: „Das können wir auch machen“ - und Westerwelle erwiderte: „Ja, das hätten Sie gerne!“ Und nachdem Gregor Gysi sich in einen Monolog hineingesteigert, die Politik der großen Koalition angegriffen und dabei ständig Maischberger in die Augen gesehen hatte, maunzte die: „Ich hab ja gar nichts gesagt!“
Ein entscheidendes „NEIN!“
Vielleicht lag es am Geburtstag? 43 ist Maischberger am Dienstag geworden, und wenn das so gute Laune macht, darf sie ruhig öfter im Jahr Geburtstag haben. Als Westerwelle ihr kurz vor Ende der Sendung noch vor laufenden Kameras gratulieren wollte, wehrte sie sich mit einem entschiedenen „NEIN!“ Aber gratulieren mag man ihr trotzdem: Wer es schafft, in diesem Wahlkampf über eine Stunde seine gute Laune durchzuhalten, hat sich die Glückwünsche redlich verdient.