31.08.2010 · Özdag, Özkan, das özt doch egal: Thilo Sarrazin wirkt bei „Beckmann“ wie eine Figur von Wolfgang Menge - so richtig aufregen will und kann sich darüber keiner. Denn sein Altmann-Gemecker ist zwar xenophob, wirkt im Fernsehen aber hilflos.
Von Nils MinkmarThilo Sarrazin könnte sich, nach dem englischen Spruch, noch als blessing in disguise erweisen, als Segen, der zunächst ganz anders wahrgenommen wird. Seine komischen Ansichten, denen er mit eigenwillig selektierten Fakten und mühsam uminterpretierten Forschungsergebnissen den Anschein von wissenschaftlicher Objektivität verleihen möchte, werden, in ganz Europa übrigens, von vielen geteilt. Sein Buch stellt diese bürgerliche Fremdenangst in extenso dar, ohne dass sich dessen Autor zum Volkstribun oder zum Chef einer rechtsextremen Partei eignen würde. Man kann hier also endlich einmal zeigen, was an diesen Aussagen zutreffend ist, was eine Fehlinterpretation und was geradewegs in die Katastrophe führt.
Sarrazin könnte, entgegen seiner Absicht, die Abwehrkräfte gegen seine Art von bornierter und fantasieloser Kinderbewertung mobilisieren. Sein Buch ist ein Impfstoff. Wer es liest, schüttelt sich und weiß dann: Dies ist der falsche Weg. Doch wie geht das Fernsehen damit um? Von seinem Habitus her ist Thilo Sarrazin dem Medium fremd. Bei Beckmann musste er mehrmals neu ansetzen, um selbst seine elementarsten Argumente zu formulieren. Mit dem Hin und Her so einer Talksendung wird er nicht fertig, ihm fallen keine Repliken ein und keine schlagenden Beispiele. Wenn es ihm zu viel wird, und das passiert recht schnell, hebt er beide Hände seitlich auf Höhe seines Gesichts und sagt den Namen des Moderators.
Das Jörg-Haider-Gen ist bei Sarrazin also nicht nachzuweisen. Andererseits müssen sich seine Opponenten im Studio etwas einfallen lassen, denn direkte Angriffe kann Sarrazin mit seiner umständlichen Art schlecht parieren, dann haben die Zuschauer Mitleid mit ihm. Bald agieren alle mit halber Kraft, die Folge ist eine langweilige Sendung.
Typisch für bestimmte Sozialdemokraten
Beckmann war gut vorbereitet, er konnte beide Positionen vertreten und wechselte freudig und besorgt von einem Gast, einem Thema zum nächsten wie ein gewissenhafter Hütehund. Allerdings beherrschte er damit das Feld derart, dass man nicht mehr wusste, wozu er sich noch Gäste eingeladen hatte. Olaf Scholz wirkte müde, und als er darlegte, der Parteiausschluss von Sarrazin werde „ein ordnungsgemäßes Verfahren, das im Kreisverband seinen Ausgangspunkt hat“, da klang er wie aus einem Sketch von Loriot.
Dabei ist Sarrazins Weg nicht untypisch für Männer, die eine ganze Karriere mit der SPD verbracht haben. Mit den Jahren gerät ihnen die Beschäftigung mit den Kernthemen der Partei, mit Arbeitslosigkeit, Unbildung und Armut, zu einer Obsession, bis sie das Problem mit seinen Patienten verwechseln. Dann findet man höhere Beamte der Arbeitsagentur, die über die Arbeitslosen schimpfen; Lehrer, die ihre Schüler hassen und Sozialpolitiker, die über ihre Klienten ätzen. Es klingt, als sei es auch Sarrazin so ergangen: Wenn die Armen und Dummen keine Kinder mehr bekommen, so wird er sich eines Tages gedacht haben, dann verringert sich auch die Armut und Dummheit in der Welt. Und umgekehrt: Wenn sie sich vermehren, gibt es bald kein gepflegtes protestantisches Pfarrhaus mehr.
Das hat es Sarrazin, auch sehr typisch für eine bestimmte Sorte Sozialdemokraten, besonders angetan, denn Pfarrer sind ja wie Beamte, dazu die vielen schönen Bücher in den geräumigen Häusern - ein Traum wie aus der „Vorwärts“-Wochenendbeilage. Keiner in der Beckmann-Runde wandte ein, dass auch Terroristen und Nazi-Unholde aus protestantischen Pfarrhäusern kamen, aber das ist nur einer von vielen Aspekten, den man gegen das Buch vorzubringen hat. Wichtiger wiegt, dass Sarrazin eine nostalgische Zukunftsvision pflegt. Für eine dynamische, kreative Wirtschaft, die nicht nur Professoren und Pfarrer, sondern eben auch Unternehmer und Künstler auf heute noch unregulierten Betriebsfeldern braucht, in Fächern, für die es noch keine Schule gibt, hat er kein Gespür.
Was hätte Willy Brandt eigentlich von Sarrazins Thesen gehalten?
Darin lag ja auch der eigentliche Unterschied zwischen Sarrazin und der niedersächsischen Ministerin Aygul Özkan: Während Sarrazin von einem Modell der ewigen sozialen Reproduktion ausgeht, in dem die Kinder von Professoren auch Professoren werden, steht Frau Özkan für ein Beispiel von sozialem Aufstieg, den schon ihr Vater als selbstständiger Schneider vollzogen hat und der sich nun in ihrem Ministeramt vollendet. Auch hieran erkennt man die Wandlung der SPD zur Honoratiorenpartei: Was hätte wohl Willy Brandt von der These gehalten, dass Begabung zu 80% Erbsache ist und Kinder von schönen, reichen und gebildeten Menschen gesellschaftlich relevanter seien als andere?
Für die wissenschaftliche Widerlegung von Sarrazins Thesen - die Frage also, ob Muslime schwerer kapieren - war Ranga Jogeshwar zuständig. Er war zugleich der einzige im Ausland Geborene der Runde, denn er kommt aus Luxemburg. Offenbar waren ihm die vielen Fehler und schrägen Deutungen in Sarrazins Buch zu peinlich, um sie direkt zu benennen. Er hielt sich vornehm zurück, etwa indem er dem Autor zur Vorsicht riet bei seinen Verbindungen zwischen IQ und Abstammung: „Da begeben sie sich wirklich in die Arena von Fachleuten!“
Dabei gibt es genug Passagen in Sarrazins Buch, die sich gegen die Intention des Autors analysieren und interpretieren lassen, aber darin tut sich das Fernsehen natürlich schwer. In so einer Sendung könnte man sich auch das Ritual sparen, den „Menschen von draußen“ zu Wort kommen zu lassen. Das geht fast nie gut. Bei Beckmann war es gestern der Sozialarbeiter Thomas Sonnenburg, der schon auf RTL eine Sendung hatte. Er legte dar, dass seine Jugendlichen nicht doof sind, sondern sehr gut rappen und hiphoppen könnten, was sich nun wirklich jeder Fernsehzuschauer gedacht haben dürfte. Fehlte nur noch die Anmerkung, dass sie es mit Boxen und Basketball aus dem Ghetto schaffen.
Interessanter wären mal eine Erörterung der makropolitischen Dimensionen der Neuköllner Probleme gewesen, die Frage also, was es nahostkonflikttechnisch mit dem Status der von Kirsten Heisig beschriebenen, kriminellen libanesischen Clans auf sich hat. Ebenso hätte erwähnt werden müssen, das Berlin seit der Wende Hunderttausende von Industriejobs für Geringqualifizierte verloren und kaum neue hinzu bekommen hat, auch das ein Faktor, der den Kessel unter beträchtlichen Druck setzt, für den die Neuköllner und der Islam ihrer Vorfahren kaum etwas können. Der Finanzsenator von Berlin aber schon.
Wie eine Figur von Wolfgang Menge
So wurde die Sendung, trotz der Anwesenheit von Olaf Scholz und Renate Künast, seltsam unpolitisch. Es regte sich auch niemand so richtig auf, bis auf die aus Berlin zugeschaltete Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan, die es nicht fassen konnte, wie Sarrazin die Zahlen und die Trends ignoriert. An Thilo Sarrazin selber schien das alles abzuprallen. Auf die Einladung des Sozialarbeiters, mal seine Kids beim Rappen zu besuchen, antwortete er: „Ich komme überall hin und rede mit jedem“. Das klang weniger selbstsicher als depressiv, als habe er kein Zuhause. Er wirkte auch nicht, als freue er sich über die ganze Aufmerksamkeit. Mittwoch muss er wieder in so einer Fernsehrunde sitzen - stehen eigentlich, denn er ist bei „hart aber fair“ hinter der Theke - und alles an sich abprasseln lassen wie die Dschungelkandidaten die RTL-Einfälle.
Zu Lachen gab es gestern allerdings auch etwas. Als Thilo Sarrazin, der sich doch gegen den Vorwurf der Unsensibilität im persönlichen Kontakt mit migrationshintergründigen deutschen Frauen mit allen Mitteln wappnen müsste, seine Nachbarin zu seiner Rechten einfach mit einem falschen Namen ansprach, so nach dem Motto Özdag, Özkan, das özt doch egal. Spätestens da fragte man sich, ob Thilo Sarrazin mit seinem xenophoben Altmänner-Gemecker nicht einfach eine Figur von Wolfgang Menge ist.