28.08.2011 · „Dreileben“ heißt der Ort, an dem Dominik Graf, Christoph Hochhäusler und Christian Petzold eine Geschichte in drei Teilen erzählen. Um Liebe, Hass und Tod geht es. Und um die Frage, wie man das Medium Fernsehen in Hochform bringt.
Von Friederike HauptAm Ende weiß man nicht genau, ob die drei Regisseure mit ihrem Projekt nun Thüringen oder doch die ARD retten wollten, aber sie schaffen beides, und da kaum etwas dringender gerettet werden muss als Thüringen und die ARD, kann man nur sagen: danke. Der kommende Montag würde, wenn man über das Fernsehen spräche wie über das Wetter, der schönste Tag des Jahres genannt werden müssen, ein Spätsommerereignis wie in der Hängematte ausgedacht. Danach beginnt dann übergangslos der Fernsehwinter, zumindest gefühlt, denn von September an wird in der ARD fünfmal pro Woche getalkt. Darüber, wer das braucht, kann man beim Zusehen - oder nach dem Abschalten - ausführlich nachdenken. Oder man erinnert sich dann eben an den Tag, an dem die ARD für einen Abend gerettet wurde.
In solchen Kategorien muss gedacht werden, wenn es um „Dreileben“ geht, das weiß auch ARD-Programmdirektor Volker Herres. Dass das Erste Deutsche Fernsehen die drei Filme, die am Montag zu sehen sein werden, zeige, spreche für das „von vielen Kritikern oft totgesagte künstlerische Potential unseres Mediums“, schreibt er zur Einführung in das „ungewöhnliche filmische Experiment“. Dass viel häufiger die Phantasie der Programmverantwortlichen totgesagt wird als das zweifellos tolle Medium Fernsehen, mit dem sich kein Kritiker beschäftigte, hielte er es für tot, übersieht er dabei allerdings. Jedenfalls scheint Herres selbst ganz angetan von seinem Mut, mal etwas zu wagen, er schreibt von „Kunst, die die Zeit in bewegte und bewegende Bilder fasst“ und „unsere Wirklichkeit“, die sich „in den drei Filmen gebrochen spiegelt“. Dann ist der Text zum Glück zu Ende.
Drei in Serie
Weniger verschwurbelt und viel schöner ist die Filmtrilogie, von der die Rede ist. Christian Petzold, Dominik Graf und Christoph Hochhäusler haben sich dafür zusammengetan und drei Filme gemacht, die zusammengehören, weil sie sich einen Handlungsort, eine Zeitspanne und ein Ereignis teilen, und von denen doch jeder für sich steht, weil jeder Regisseur eine eigene Geschichte erzählt. Auf die Idee kamen die drei, als sie untereinander hin und her mailten und den Zustand des deutschen Kinos, die Einsamkeit der Filmemacher und andere Filmemacherprobleme besprachen (nachzulesen ist die Korrespondenz in der Filmzeitschrift „Revolver“). Man kann nicht behaupten, dass zu wenig gemailt würde; schade nur, dass nicht öfter Projekte wie „Dreileben“ dabei herauskommen.
So erlebt es nun der deutsche Fernsehzuschauer tatsächlich, dass beginnend um 20.15 Uhr drei Filme von je neunzig Minuten nacheinander laufen, und wer das irgendwann für eine Art Bayreuther Festspiele in bequem und unterhaltsam hält, liegt nicht ganz falsch. Neben der Dauer des Vergnügens, die ungefähr der einer „Parsifal“-Inszenierung entspricht, legt auch die Freude der Filmemacher am Mythologischen den Vergleich nahe. Es gibt Liebe, Hass, Tod, Tannen und Thüringen, und dieses Land, vielmehr seine wunderbare Landschaft, kommt bei Petzold, Graf und Hochhäusler zu ganz neuen Ehren. Bisher gab es vielstündige Thüringen-Impressionen vor allem im Nachtprogramm der ARD, nämlich in Form von Führerstandsmitfahrten auf Deutschlands schönsten Bahnstrecken. Allein, Spannung und Anspruch hielt sich in Grenzen, der Zuschauer dämmerte weg.
Nicht ohne Klinik
Damit ist es nun vorbei, denn Thüringen dient den Berliner und Münchner Regisseuren als Schauplatz für ihre drei Geschichten. Sie haben den Ort „Dreileben“ erfunden, in dem es so aussieht wie fast überall im Thüringer Wald in der Gegend um Oberhof und Suhl, wo gedreht wurde: dunkel, selbst bei Sonnenschein. Das kommt vielleicht von den Tannen oder den Häusern, die geduckt unter den Tannen stehen, im Schatten irgendeiner steinernen Burg oder in niedrigen Reihen an grauen Straßen. Hin und wieder findet sich eine Klinik dazwischen, in der Lungenkranke oder Verstörte ihr Heil suchen und nur manchmal finden.
Eine solche Klinik gibt es auch in Dreileben, und was dort geschieht, ist das Ereignis, das die drei Filme verbindet: Frank Molesch, ein verurteilter Sexualstraftäter, flieht aus dem Krankenhaus, in das er gebracht wurde, um sich von seiner dort soeben verstorbenen Mutter verabschieden zu können. Christian Petzolds Film „Etwas Besseres als den Tod“, den die ARD als Erstes zeigt, beginnt damit. Allerdings bleibt Molesch in der Liebesgeschichte, die der Regisseur erzählt, ein Schatten, dessen Gesicht ein paarmal hinter Tannenstämmen und in Höhlen aufleuchtet, aber nur, wenn die zwei Protagonisten, Johannes und Ana, seinen Fluchtweg scheinbar zufällig kreuzen. Ihnen sieht Petzolds Kamera zu, nicht dem Entflohenen.
Johannes (Jacob Matschenz) ist Zivi in der Klinik im Wald, ein Sohn aus gutem Hause, der bald Medizin in Los Angeles studieren will. Sanft und ein wenig antriebslos blickt er auf die Kranken wie auf die Welt. Hat er einmal frei, springt er nackt in den Waldsee und schläft danach am Ufer ein. Angstvoll versteckt er sich, als er erwacht vom Grölen der Mopedgang, die ihm kürzlich schon übel mitspielte. Versteckt im hohen Gras, sieht er, wie sie nun einem Mädchen übel mitspielt: Ana (Luna Mijovic). Es dauert nicht lange, da sind die beiden ein Paar, ein stilles, glückliches, zärtliches und doch oft unsicheres. Ana ist Bosnierin und arm, sie arbeitet als Zimmermädchen in einem Hotel und sieht mit Argwohn, wie Johannes' frühere Liebe, die Tochter des Chefarztes in der Klinik, ihren Freund ansieht. „Bin ich dir peinlich?“, fragt sie Johannes, als der eine Partyeinladung der Arztfamilie ausschlägt, und um diesen Verdacht auszuräumen, geht er mit ihr hin, und das ist natürlich ein großer Fehler.
Hinein in die Waldwelt
„Die beiden tanzen, küssen, lachen, lernen, streiten. Reden tun die anderen genug im deutschen Fernsehen“, sagt Petzold über seinen Beitrag zur Trilogie. Und es stimmt, schon in den ersten zehn Minuten von Grafs „Komm mir nicht nach“ geht es gesprächiger zu als in den ganzen neunzig Petzold-Minuten, die dazu da zu sein scheinen, dem Fernsehzuschauer erst einmal den ganzen Eventmovie-Plapperkram aus dem Kopf zu waschen. Es gelingt; man kommt hinein in die Waldwelt, in der man noch weitere drei Stunden bleiben darf.
Molesch ist immer noch auf der Flucht, Johannes schon mit Ana zusammen, als Grafs Erzählung einsetzt. Sie dreht sich um die Freundschaft der Polizeipsychologin Jo (Jeanette Hain), die nach Dreileben gerufen wird, um bei der Fahndung nach Molesch zu helfen. In dem Städtchen trifft sie ihre Jugendfreundin Vera (Susanne Wolff) wieder, die dort nun mit ihrem Mann (Misel Maticevic) in einer alten Villa lebt und Jo gleich ins Gästezimmer einquartiert. Graf, dem man am ehesten einen Krimi um den Flüchtigen zugetraut hätte, bleibt dicht an den beiden Frauen, die in ihrer gemeinsamen Vergangenheit einen Mann entdecken, der ihnen abhandengekommen ist: einen, den beide geliebt haben, zur selben Zeit. Fast ein Kammerspiel ist dieser zweite der drei Filme, in dem viel geredet wird und der Abend an Fahrt aufnimmt. Es macht Spaß zu sehen, wie Johannes und Ana sich im Hotelzimmer küssen, in dem man sie bei Petzold verschwinden sah; wie Molesch im Garten der Villa auftaucht, nachdem er Petzolds dunkle Höhlen satthat; wie eine neue Geschichte erzählt wird in dem Ort, den der Zuschauer nun schon kennt.
Drei Perspektiven
Den Krimi, den Graf dieses Mal nicht drehen wollte, liefert schließlich Christoph Hochhäusler. Er schickt den Kommissar Marcus Kreil (Eberhard Kirchberg) in den Wald, um Molesch zu suchen, der nun endlich in den Mittelpunkt rückt. Stefan Kurt spielt den Flüchtigen als Verschreckten, der nicht weiß, was die Menschen von ihm wollen, die ihn jagen. Kreil stellt Fragen, die vor ihm niemand gestellt hat, zu der Tat, die Molesch begangen haben soll, denn „Eine Minute Stille“, wie der Film heißt, fehlt auf dem Videoband, das Moleschs Untat beweisen soll. Dunkel wogen die Tannen, wissend blicken die Tiere im Wald, flüchtig ist bis zuletzt der Mann, und erst im allerletzten Bild der im Auftrag von WDR, BR und ARD Degeto produzierten Trilogie fügt sich das Puzzle zusammen.
Es ist ein Glück, dass sich die Regisseure zwar anfangs auf den Rahmen ihres Projekts festgelegt und während der Arbeit immer wieder besprochen, aber nicht auf eine detaillierte Dramaturgie geeinigt haben. Wie drei Zeugen, die alle am selben Tatort waren, aber unterschiedliche Dinge gesehen haben und auf je eigene Art davon erzählen, hätten sie sein wollen, sagt Petzold. „Unsere Wirklichkeit“, von der Herres schreibt, gibt es für die drei nicht - dafür drei Wirklichkeiten, die den Fernsehzuschauern nun einen besonderen Abend bereiten. Deren Glaube an das Gute im deutschen Fernsehen wird nämlich, neben der ARD und Thüringen, auch noch gerettet.
Das angekündigte Fernsehereignis dieser Triologie
Helmut Schröder (kaffeekuchen)
- 31.08.2011, 20:06 Uhr
Eine Zumutung!
Joachim Arnold (arnie39)
- 30.08.2011, 18:41 Uhr
Eine Schwalbe macht noch ...
Eberhard Wedekind (wedekind3)
- 30.08.2011, 14:39 Uhr
Schön
Florian Borchert (Floser)
- 30.08.2011, 11:44 Uhr
Soso, dieser famose Dreiteiler wird also die ARD "retten" und das Bundesland...
Rolf Jonasson (R.Jonasson)
- 29.08.2011, 11:40 Uhr