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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Feiertagsfernsehen Warum gibt es keine Weihnachtsserien mehr?

 ·  Bis 1995 zeigte das ZDF jedes Jahr eine eigene Reihe zu Weihnachten. Anna, Silas oder Timm Thaler hießen da die Helden. Plötzlich war es aus, weil die Zuschauer wegblieben. Doch es besteht neue Hoffnung.

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Am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1979 war das Wetter in Hamburg trübe. Es lag kein Schnee, dafür schien die Sonne nicht bei minus ein bis plus zwei Grad. Beste Voraussetzungen, um die Leute in der Hansestadt und im Rest der Republik vor den Fernseher zu locken - auch wenn der Film, den das ZDF am frühen Abend des 25. Dezember 1979 ausstrahlte, offensichtlich in einem sommerlichen Hamburg spielte: Ein Junge im T-Shirt rast auf seinem Skateboard durch die Sonne, prallt gegen eine alte Dame und reißt ihr den Einkaufsbeutel mit Apfelsinen aus der Hand.

Der Junge mit dem Skateboard war der vierzehn Jahre alte Thomas Ohrner, den damals alle nur Tommi nannten. Bekannt werden sollte er aber unter dem Namen der Rolle, die er fürs ZDF übernommen hatte: Timm Thaler, der Junge der sein Lachen verkauft. Bis zu „Manni der Libero“ 1982 galt: Ohrner gleich Thaler. Und auch wenn das beim ZDF vor 31 Jahren vermutlich noch niemand ahnte, sollte eine zweite Gleichung noch lange Gültigkeit haben: Timm Thaler gleich Weihnachtsserie.

Denn mit der abenteuerlichen Geschichte um den Jungen, der vom bösen Baron erst um sein Lachen betrogen wird, um es dann wiederzugewinnen, begründete das ZDF einen Brauch, der bis ins Jahr 1995 reichte - und der zur bundesrepublikanischen Weihnacht der Achtziger und frühen Neunziger gehörte wie Kerzen anzünden und Lego-Ritterburgen aufbauen.

Familienunterhaltung im Wortsinn

Siebzehn meist sechsteilige Weihnachtsserien produzierte das ZDF von 1979 an und sendete sie jeweils vom ersten Weihnachtsfeiertag bis zu Neujahr. Viele davon haben sich ins Gedächtnis der sogenannten Generationen „Golf“ und „Praktikum“gebrannt: Der Junge „Silas“, der aus einem Wanderzirkus ausbricht, das „Nesthäkchen“, dessen Kindheit am Vorabend des ersten Weltkriegs geschildert wird, „Patrick Pacard“, der von Spionen durch Norwegen und Tunesien gejagt wird, und nicht zuletzt „Anna“, die sich als Ballerina in den Schwanensee tanzt.

Die Figuren der teils visionären Reihen und ihre Geschichten waren Rollenmodelle für viele Heranwachsende und vereinten sie mit den Eltern vor dem Fernseher. Die Weihnachtsserien waren Familienunterhaltung im Wortsinne. Für die Stunde zwischen 18 und 19 Uhr wurde schon mal das feiertägliche Fernsehverbot gelockert. Doch dann stellte das ZDF die Serien ein. Mangelnde Zuschauernachfrage, veränderte Sehgewohnheiten, zu hohe Produktionskosten lauteten die Argumente.

„Das waren vier bis sechs Neunzigminüter hintereinander“, erinnert sich der Fernsehspielchef und stellvertretende Programmdirektor des ZDF, Reinhold Elschot, der seit August 2009 im Amt ist. Zuvor hat er lange Jahre selbst als Produzent gewirkt. Ob man so etwas heute noch hinbekäme? Das ist die Frage.

Rezepte für Weihnachtsgeschichten

Er trage sich mit dem Gedanken, sagt Elschot. Doch hätten sich die Sehgewohnheiten der Zuschauer seither radikal verändert. Das zeige der Misserfolg einer Serie wie „Im Angesicht des Verbrechens“ von Dominik Graf, die unlängst bei der ARD unterging. Auch der Vierteiler „Die Säulen der Erde“, der gerade bei Sat.1 lief, verdeutliche das Risiko. Die Stücke verloren an Zuspruch, wenn auch auf hohem Niveau, von mehr als acht Millionen Zusehern blieben am Ende etwas mehr als sechs Millionen. Die Serie „Kommissarin Lund“ im ZDF wiederum vermochte es, mit einer komplexen Geschichte das Publikum zu halten. „Es ist schwierig mit einem Stoff, der durcherzählt wird“, sagt Elschot. Damals, bis in die neunziger Jahre hinein, habe das Fernsehen eine Alleinstellung innegehabt, heute reüssierten Serien bisweilen erst auf dem DVD-Markt. Doch gehe es auch um das Wesen einer Weihnachtsgeschichte, um einen Stoff, der die richtigen Anmutung habe, eine, die nicht ins Kitschige kippen darf. „Da fehlt etwas, ich vermisse das auch.“

Wer den Drehbuchautor Justus Pfaue auf seine Weihnachtsserien anspricht, begibt sich auf eine Zeitreise in die Filme von damals. Pfaue will sich gar nicht bremsen, schildert Drehumstände, lobt den dreifachen Hauptdarsteller Patrick Bach (“unglaubliches Talent“). Und ab und an schwärmt Pfaue auch von sich selbst, ohne je arrogant zu wirken. Dann spricht er von sich in der dritten Person (“die Dramaturgie eines Justus Pfaue sieht vor“) oder preist eine Drehbuchidee, wie die Handlung von Patrick Pacard in einem norwegischen Fjord anzusiedeln. Pfaue darf das, immerhin sahen zum Beispiel die Geschichte der Ballerina Anna bis zu 23 Millionen Zuschauer - und zwar 1987, zu einer Zeit als Deutschlands Hauptstadt noch Bonn hieß, und es in den heutigen neuen Bundesländern allenfalls Schwarzseher gab. Wie Pfaue all diese Menschen vor den Fernseher gelockt hat, erscheint im Nachhinein simpel: nicht zu viele Hauptpersonen, am besten eine gute und eine böse Identifikationsfigur, eine abenteuerliche Handlung mit unterschwelliger moralischer Botschaft, mindestens ein Drehort im Ausland. Dazu kamen populäre Schauspieler in den Erwachsenenrollen wie Horst Frank in „Timm Thaler“, Gila von Weitershausen in „Patrick Pacard“ oder Diether Krebs in „Silas“.

Der Weg durch die Gremien

Besonderes Augenmerk legte der Autor auf Reduktion: „Jede Geschichte musste in einem Satz erzählt werden können“, sagt Pfaue. Trotzdem sollten die Geschichten moralischen Tiefgang haben - nach dem Muster einer Was-wäre-wenn?-Frage: Was wäre, wenn es wie in Patrik Pacard eine Formel gäbe, die den Hunger auf der Welt stoppen könnte? Was wäre, wenn ein Junge wie Silas die größtmögliche Freiheit hätte? Die Hauptfiguren der Weihnachtsserien beantworteten diese Fragen und nahmen die Zuschauer für sich ein. Das wirkt bis heute: Beim Medienhändler Amazon stehen die DVD-Boxen von drei der Serien unter den hundert Bestsellern für Fernsehmehrteiler: „Anna“ rangiert auf Platz 32, „Patrik Pacard“ auf 67, und „Jack Holborn“ auf 77.

Es gäbe also Gründe, zu versuchen, an den Erfolg anzuknüpfen. Für Pfaue gab es einen Anlass, sich wieder mit einer Weihnachtsserie zu beschäftigen. Vor einigen Jahren kam ein Privatsender auf ihn zu, um mit ihm über einen neuen Festtagsmehrteiler zu sprechen. Als die Senderverantwortlichen signalisierten, die Besetzung aus einer Vorabendsoap zu rekrutieren, stieg Pfaue gleich wieder aus. Der Drehbuchautor ist sich aber bewusst, dass eine jährliche Produktion einer Weihnachtsserie unter heutigen Bedingungen wohl nicht mehr drin wäre. „Damals ging alles auf kurzem Dienstweg mit einem verantwortlichen Redakteur“ sagt er. „Heute müssen neue Stoffe, durch alle möglichen Gremien gehen.“ Jedes Jahr eine Weihnachtsserie zu produzieren, sei unter diesen Umständen unmöglich. Aber vielleicht erst einmal eine, vielleicht auf einem Spartenkanal wie ZDFneo?

Auch der Produzent Sven Burgemeister glaubt nicht, dass allein veränderte Sehgewohnheiten einer Wiederbelebung der Weihnachtsserien im Wege stehen. „Die Serien funktionieren als DVD immer noch gut, warum sollte das nicht auch noch einmal als ganz neue Produktion funktionieren“, sagt Burgemeister.

Um den Fernseher versammelt

Der Vierundvierzigjährige ist wie viele seiner Generation vor dem Fernsehen mit den Serien aufgewachsen, er hat aber auch die Produktion der Serien miterlebt: Burgemeisters 2008 verstorbener Vater Bernd hatte mit seiner Filmproduktionsfirma TV60-Film vierzehn der siebzehn Produktionen bis 1995 umgesetzt. Die Weihnachtsmehrteiler-Truppe mit Justus Pfaue, dem Regisseur Sigi Rothemund und dem damaligen ZDF-Familienprogrammchef und heutigen Intendanten Markus Schächter zählten zur Burgemeister-Familie. Die Produktion bestimmte einen großen Teil des Jahres: Während die eine Serie gedreht wurde, knobelte sein Vater schon an der nächsten. Bernd Burgemeister war der Produzent für getragene Stoffe, für Moritaten im Gewand von Abenteuergeschichten, für Schicksalsgeschichten mit Herz und Lebensklugheit, die Junge wie Ältere anrührten, ohne je ins Kitschige zu driften, für säkulare Erzählungen, die eine zeitgemäße Weihnachtsbotschaft der Hoffnung transportierten.

Sven Burgemeister hat die letzte Produktion „Frankie“ 1995 selbst als Produzent betreut. „Es hat besonderen Spaß gemacht, weil man die Chance hatte, die ganze Familie an Weihnachten vor dem Fernseher zu versammeln“, sagt er. Der Produzent schaut heute mit seinen Kindern die Serien auf DVD und weiß aus eigener Anschauung, dass ein auf mehrere Abende verteilter Stoff fesseln kann. „Seit dem Tod meines Vaters denken wir immer wieder darüber nach, wieder eine Weihnachtsserie zu produzieren“, sagt Burgemeister - entweder mit einem ganz neuen Stoff oder vielleicht auch als Remake.

Um ein Stück hat sich Sven Burgemeister erst kürzlich wieder bemüht: Um den Stoff der ersten Serie von 1979, um die Geschichte von Timm Thaler, dem Jungen, der sein Lachen verlor und - wiedergewann.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

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