06.04.2009 · Bei Anne Will wurde geistlos über Kinder-Gangster geredet, bis ein „ehemaliger Jugendstraftäter“ den selbstgefälligen Welt- und Daseinsauslegern einen derart geschickten rhetorischen Hieb verpasste, dass diese bedrohlich ins Schlingern kamen.
Von Oliver JungenDass Talkshows immer auch Castingshows sind, ist nicht neu. Schließlich talkt uns das Fernsehen, zumal das öffentlich-rechtliche, inzwischen gnadenlos das Hirn zu Brei. Selten aber geht aus diesen Runden so klar ein Gewinner hervor wie im Falle von Anne Wills müder, ja abgekämpfter Show zum Thema „Kinder-Gangster“ am gestrigen Abend.
Die Sendung war inhaltlich mit dem vorausgehenden Polizeiruf verschränkt, wie das die chic gewordene „vertikale Programmierung“ eben vorgibt. Da musste die Gastgeberin - ganz wie kürzlich beim großen Aufregerthema „Versklavte Supermarktkassiererinnen“ - erst einmal Gewährsleute aus dem echten Leben fragen: „Wie realistisch ist das, was wir da gesehen haben?“
„Einfach zwei Polizisten killen“
Auch einen Ausschnitt der ja gerade erst zuende gegangenen Sendung brauchte es offenbar: „Na, Opa“ und „Na, Bulle“, sagen die Schurken-Kids da wirklich respektlos. Der Berliner Polizeihauptkommissar Frank Richter bestätigte vom Sofa aus brav die Realitätsnähe. Als Beispiel für die Gewaltzunahme führte er an, dass „vor einiger Zeit“ zwei Jugendliche in Nordrhein-Westfalen zwei Polizeibeamte mit einer „Anscheinwaffe“, einer Attrappe, bedroht haben. Sie konnten überwältigt werden und gaben später zu Protokoll, sie hätten „einfach zwei Polizisten killen“ wollen.
Damit war also klar: Hier wird nicht über Kavaliersdelikte gesprochen. Um so mehr mag es verwundern, dass ausgerechnet der ebenfalls auf der Gebeutelten-Couch platzierte Duran Yücel, seines Zeichens „ehemaliger Jugendstraftäter“, zum Sieger des Abends wurde. Das hat diesmal nichts damit zu tun, dass die „Gestalt des 'großen' Verbrechers“, wie Walter Benjamin in „Zur Kritik der Gewalt“ schreibt, „die heimliche Bewunderung des Volkes erregt“, sondern liegt an einer ganz anderen Schlagfertigkeit: Einen derart geschickten rhetorischen Hieb verpasste der Dreiundzwanzigjährige den selbstgefälligen Welt- und Daseinsauslegern kurz vor Schluss, dass diese bedrohlich ins Schlingern kamen, weil keine der seit Jahrzehnten abgenagten Standardantworten mehr zu passen schien.
Trend zu Verlust an Respekt
Der hessische Innenminister Volker Bouffier rang nach Worten und verfiel vor Schreck aufs Duzen: „Das würdest Du vor dem Vater auch nicht machen.“ Dabei hatte man bis zu diesem Zeitpunkt das „Nichteingehen auf die Sachen“ aufs Vortrefflichste praktiziert. Bouffier zum Beispiel wollte ordentlich differenzieren statt zu pauschalisieren. Dann pauschalisierte er fröhlich drauf los: Es gebe nun einmal „mehr Qualität der Gewalt“, einen „Trend zu einer gewissen Verrohung“ und einen „Trend zu Verlust an Respekt, an Autorität und ähnlichem mehr“. Sein Dauerplädoyer: Man müsse von den Opfern reden, nicht von den Tätern. Mithin saß er in der falschen Sendung, die nun einmal jugendlichen Straftätern gewidmet war.
Beinahe unzurechnungsfähig wirkte Grünen-Chefin Claudia Roth, die sich bei jeder Antwort vergaloppierte und dann einfach mal „Bildung, Bildung, Bildung“ oder „Hannover“ trompetete. Ein anderes Mal wollte sie sich auf eine Studie berufen, konnte aber den Namen des Erstellers kaum aussprechen: „Kriminal-, äh, Kriminal-, wie heißt es, KF, ja, äh, Kriminallogik, Kriminal-Kriminologisches Forschungsinstitut, so“. Eben weil sie vor lauter Floskeln („Nicht bagatellisieren, aber auch nicht dramatisieren“) zu keiner Pointe fand, musste ihr Anne Will tatsächlich jedes Mal das Wort abschneiden.
Dann blitzt tatsächlich eine Messerklinge auf
Wenn der Zuschauer sich bei Frau Roths wohl irgendwie mehr Geld für Jugendarbeit forderndem Gestammel überhaupt etwas gefragt haben sollte, dann vermutlich am ehesten, ob sie diesen Blumeneklat auf ihrer Kostümjacke selbst aufgebügelt hat oder ob man so etwas kaufen kann. Im irrsinnigsten der Einspieler war zu erfahren, dass zur Zeit ein Siebenjähriger Berlin in Angst und Schrecken versetzt. Die Mutter soll es „mehrfach nicht geschafft haben, ihren Sohn in die Schule zu schicken“, werden Boulevardzeitungen zitiert. Dann blitzt tatsächlich eine Messerklinge auf im „Problemkiez Wedding“, allerdings in der Hand eines älteren deutschen Herrn: „Wenn ich hier abends losgehe, habe ich das Taschenmesser offen in der Hand“.
Das war dem Sozialpädagogen und „Ausreißer“-Protagonisten Thomas Sonnenburg dann doch der Plattitüden zuviel: Das sei immer noch ein Kind, platzte ihm der Kragen. Zudem habe es sich längst entschuldigt für den Handyraub.
Eine Pflegefamilie, vielleicht ein geschlossenes Heim
Bouffier dagegen wusste anderen Rat: eine Pflegefamilie, vielleicht ein geschlossenes Heim. Schließlich schaffe es „die Mutter, eine Bosnierin“, ja offenbar nicht, den Jungen in die Grundschule zu schicken. Ex-Polizist Murat Topal, der sonst eigentlich gar nichts sagte, befand indes, dass es vielleicht doch ratsamer sei, die Eltern zu unterstützen, statt ihnen gleich das Kind wegzunehmen.
Das war das Stichwort für Kirsten Heisig, für Berlin-Neukölln zuständige Jugendrichterin, die damit wohl auch ihre vorangegangene, mindestens obskure Wortmeldung vergessen machen wollte, in der sie auf die Unverhältnismäßigkeit hingewiesen hatte, dass eine deutsche Ohrfeige und das Zahnausschlagen „mit Migrationshintergrund“ gleichermaßen als gefährliche Körperverletzung gewertet würden. Nun also machte sie sich für das juristische In-die-Pflicht-Nehmen der Eltern von Problemkindern stark. Wer es nicht schafft, seine Kinder in die Schule zu schicken, soll konsequent mit Geldstrafen belegt werden, „ersatzweise sechs Wochen Haft“.
„Geht meine Mutter in den Knast, oder wie?“
Hierin schienen sich die Studiogäste einig zu sein. Das war der Moment des Duran Yücel. Anne Will fragte ihn, ob er die Verantwortungserzwingung für eine wirksame Maßnahme halte. Er bejahte vorsichtig, schloss jedoch die schelmische Rückfrage an: „Wenn ich dann zu Hause aber mit meiner Mutter Streit habe und meiner Mutter eins auswischen will, indem ich nicht zur Schule gehe, dann geht meine Mutter in den Knast - oder wie?“
Es dauerte mehrere Sekunden, bis die Bedeutung dieses Einwands bei allen angekommen war. Frau Heisigs Anscheinwunderwaffe nicht mehr als ein Druckmittel der Kinder gegen ihre Eltern? „Das hätte es früher so nicht gegeben“, konterte Bouffier etwas plump, bevor er konsterniert zweimal die Phrase wiederholte: Denen, die wollen, aber nicht können, sei zu helfen, und auf die, die können, aber nicht wollen, müsse man „deutlich reagieren“.
„Muss ich ihn jeden Tag mit dem Taxi abholen?“
Dann tat der Ex-Jugendkriminelle auch noch die einzige konstruktive Äußerung des Abends: „Man müsste schon das System so machen, dass ich Lust kriege, in die Schule zu gehen“, sagte Yücel leichthin. Bouffier pöbelte erbost, was denn da zu tun sei, damit „so einer“ Lust bekomme: „Muss ich ihn jeden Tag mit dem Taxi abholen?“
„Die Öffentlichkeit“, sagt Heidegger, „verdunkelt alles und gibt das so Verdeckte als das Bekannte und jedem Zugängliche aus“. Diesmal aber blieb es noch eine Sekunde hell, weil Yücel diese Attacke einfach als Frage nahm und beantwortete. Der Unterricht müsse anders gestaltet werden, stärker auf die Fragen der Schüler eingehen. Doch liegt das Problem seiner Meinung nach im deutschen Schulsystem begründet, das manche Schüler früh zu Versagern stempele: „Wir werden eingeteilt“. Hinzunehmen sei das allerdings nicht: „Auch Hauptschüler können es schaffen.“
Motivation ist das Wichtigste...
Claudia Schüßler (felida)
- 06.04.2009, 13:12 Uhr