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FAZ.NET-Frühkritik „Germany's Next Topmodel“ Schublade auf, Model rein

04.03.2011 ·  Bei „Germany's Next Topmodel“ ist in diesem Jahr alles anders: Pro Sieben verzichtet auf die langwierigen Castings und lässt Heidi Klum mit der Selektionsphase loslegen. Doch vieles bleibt immer noch Fernsehhandwerk. Hoffentlich war nicht alles ernst gemeint.

Von Peer Schader
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Es ist eine Zeit der historischen Momente, die wir gerade erleben: die Volksaufstände in Nordafrika, der Rücktritt des Verteidigungsministers, die Benzinrebellion an deutschen Tankstellen. Nur der Entertainment-Kanal Pro Sieben, den das Weltgeschehen für gewöhnlich eher kalt lässt, konnte davon bisher nicht profitieren. Also hat sich der Sender am Donnerstagabend einfach seine eigene Ausnahmesituation geschaffen.

„Wir haben Geschichte geschrieben“, raunte Werbemanager Thomas Hayo bedeutungsschwer. Sein Designer-Kollege Thomas Rath war sichtlich bewegt: „Dieser Kampfgeist hat mich umgehauen!“ Eine Kandidatin erklärte: „Ich hab den Willen gehabt, zu überleben.“ Und selbst Heidi Klum, die sonst gerne als emotionales Äquivalent eines Gefrierschranks im Fernsehen auftritt, musste zugeben: „Ich bin so stolz!“

Stolz auf - einen Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde, dafür dass 50 junge Frauen im schwarzen Badeanzug auf hochhackigen Schuhen innerhalb einer Stunde zusammengerechnet 265 Kilometer auf Laufbändern zurückgelegt haben.

Hoffentlich versäumt es die ARD heute Abend nicht, deswegen einen „Brennpunkt“ ins Programm zu schieben.

Gerade einmal vier Minuten dauerte es zum Auftakt der aktuellen Staffel von „Germany's Next Topmodel“, bis die Titelanwärterinnen des Pro-Sieben-Vermarktungswettbewerbs ihre erste Aufgabe bewältigen mussten. Auch wenn der ungefähr gar nichts mit der Karriere zu tun hatte, für die sie sich bewerben - abgesehen davon, dass „Ausdauer, Energie, Wille“ abgeprüft werden sollten. Dagegen ist die Teilnahme bei den Olympischen Spielen natürlich Kindergarten.

Von der Kleine-Mädchen-Optik verabschiedet

Im sechsten Jahr der Show hat der Sender die aus den vorigen Staffeln bekannten, eher langwierigen Castings komplett gestrichen. Stattdessen wurden dem Publikum augenblicklich 50 Kandidatinnen präsentiert, die im vor drei Monaten in einer Tour durch 21 Städte ermittelt wurden - zum ersten Mal ohne Klums direkten Beistand.

Die durfte zu Beginn der Sendung geradezu hollywoodesk in Los Angeles in den Flieger steigen, um ihre neue Jury in New York und Mailand abzuholen und in München sofort mit dem Wettbewerb loszulegen. Weil die Quoten im vergangenen Jahr zwar in Ordnung waren, aber gegenüber den vorherigen Rekordzahlen doch deutlich zurückgegangen waren, hat sich Pro Sieben größte Mühe gegeben, seiner Castingshow in diesem Jahr einen komplett neuen Anstrich zu verpassen.

Dafür haben sich die Verantwortlichen nicht nur von der bekannten Kleine-Mädchen-Optik verabschiedet: Statt in Barbie-Rosa glänzt der Vorspann jetzt ganz in Rot und Gold. Dazu herrscht absolutes Schnörkelverbot. Viel wichtiger ist aber, dass die Fans sich ihre Favoritinnen von Anfang an ausgucken können. Am Ende der ersten Folge waren die wichtigsten Kandidatinnen bereits fein säuberlich in Schubladen einsortiert: die Widerspenstige, die Ehrgeizige, die Schusselige, die Bodenständige - die Identifikationsspiele ist eröffnet.

Warnungen vor dem ach so harten Modelleben

Mit ungeheurer Eile raste Klum durch die erste Selektionsphase: Aufs Laufbandtraining, bei dem die Kameras nachher zahlreiche blutig gelaufene Füße filmen konnten, folgte die Catwalk-Übung im frisch gefallenen Schnee, nachher ein Open-Air-Auftritt mit Popsternchen Kesha beim Ski-Opening vor 8000 laut grölenden Zuschauern.

Am Ende mussten die Übriggebliebenen in Abendgarderobe über einen wackeligen Steg in einem Schwimmbad stelzen, um sich den Respekt der Jury zu verdienen. „Den Mädchen war die Angst ins Gesicht geschrieben“, fasste Juror Hayo zusammen.

Und es ist zunächst einmal ja löblich, dass Pro Sieben am Konzept gearbeitet hat, um mit dem Verzicht auf die quälend langen Entscheidungsprozeduren wieder etwas Tempo in die Show zu bringen, bei der man zuletzt getrost nebenbei die Wohnung tapezieren konnte ohne was zu verpassen.

Ein Großteil bei „Germany's Next Topmodel“ ist aber immer noch TV-Handwerk: Klum wiederholte, wenn auch sichtlich lockerer als im Vorjahr, mantrahaft ihre Warnungen vor dem ach so harten Modelleben, das die Teilnehmerinnen erwartet. Den Rest hat sich die Produktionsfirma Tresor TV einfach bei der Konkurrenz abgeguckt: nachträglich eingefügte Quietschgeräusche, dramatische Zeitlupenwiederholungen und Verfremdungen kennen die Zuschauer schon von „Deutschland sucht den Superstar“.

„Wenn das nicht klappt, schlaf ich mich halt nach oben

Sogar beim Erzählen privater Schicksalsgeschichten steht „Germany's Next Topmodel“ der RTL-Gesangsdokusoap in nichts mehr nach: Dass eine 19 Jahre alte Kandidatin nach der ersten Runde ausschied, weil ihr Arzt Lymphdrüsenkrebs bei ihr feststellte, darf im Fernsehen nicht unerwähnt bleiben - inklusive nochmaligem Krankenhausbesuch samt Kamera.

Bemerkenswert ist hingegen, wie genau die 25 jungen Frauen, mit denen Pro Sieben nun endgültig in die Staffel startet, das Prinzip der Sendung studiert haben: Die meisten wissen exakt, welche Rollen sie spielen müssen, damit das Fernsehen sie in den Mittelpunkt rückt. Weil es im Castingfernsehen inzwischen fast ausschließlich darauf ankommt, Geschichten erzählen zu können, damit die Zuschauer dabei bleiben. Folgerichtig präsentierte das Glamour-Magazin „red!“ im Anschluss auch „die auffälligsten Kandidatinnen“ samt Besuch im heimischen Elternhaus.

Viele Kandidatinnen könnten jedenfalls genauso gut zum Schauspiel-Casting gehen - obwohl das natürlich nicht in Frage kommt, weil dann der ersehnte Ruhm ja Jahre auf sich warten lässt. Oder wie eine der jungen Frauen im Scherz erklärte: „Erst versuch ich's bei 'Germany's Next Topmodel' - und wenn das nicht klappt, schlaf ich mich halt nach oben.“ Jedenfalls war das hoffentlich als Scherz gemeint.

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