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FAZ.NET-Frühkritik „Du bist ein sauberer Clown“

18.02.2011 ·  Was ist gute Unterhaltung? Darum ging es bei Maybrit Illner im ZDF. Also um die Frage, was Thomas Gottschalk von Dieter Bohlen unterscheidet. Der Schauspieler Mathieu Carrière weiß vor allem eins: Das Dschungelcamp war eine Offenbarung.

Von Michael Hanfeld
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Maybrit Illner hatte schon recht: Das ZDF machte am Donnerstagabend in Dschungelcamp. Zuerst erzählte bei ihr der Schauspieler Mathieu Carrière, er sei im Dschungelcamp permanent „high“ gewesen, so ganz ohne Alkohol und Zigaretten. Danach berichtete Rainer Langhans bei Markus Lanz, wie er die Unterhaltungsshow bei RTL erlebte. Auch so kann man die Unterschiede zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Fernsehen aufheben.

Doch es gibt sie, dafür ist Thomas Gottschalk der lebende Beweis. Denn er macht sich über die Frage Gedanken, was erlaubt ist und was nicht und - vor allem - wie das auf Kinder und Jugendliche wirkt. Wenn Erwachsene sich zum Narren machen - er selbst etwa den Hans Wurst spielt und bei „Wetten, dass ..?“ in einen riesigen Senftopf eintaucht -, ist es das eine.

Wenn Jugendliche sich von Dieter Bohlen erniedrigen lassen oder bei Heidi Klum geschunden werden, ist das schon etwas anderes. Doch ist es nichts, womit man Ute Biernat aus der Reserve locken oder schrecken könnte. Die Chefin der Produktionsfirma Grundy, die ein ganzes Dutzend Sender mit Shows beliefert, ist eine äußerst sympathische Frau und also genau die richtige, um Bohlen in Schutz zu nehmen (der macht einen „Superjob“) und ganz am Ende für eine Unterhaltung im Fernsehen einzutreten, die von Herzen kommt, mit Herz gemacht wird und die Herzen erreicht. Amen. Mit der real existierenden Unterhaltungslandschaft, für die Ute Biernat in Spitzenjahren sage und schreibe bis zu 200 000 Menschen „castet“, hat das freilich wenig zu tun. Doch darüber kann man ja hinweglächeln.

Maybrit Illner legte es nicht zu sehr darauf an, Widersprüche hervorzukehren. Sie moderierte souverän und nicht unkritisch, doch war vielleicht etwas zu nett. Man kann natürlich sagen, es sei richtig, Mathieu Carriéres Begeisterung fürs Dschungelcamp als lässigen Zynismus für sich stehen zu lassen. Doch setzte er im Laufe der Sendung schon eine ganze Reihe Absonderlichkeiten ab. Als „Bildungsfernsehen“ erscheint ihm die RTL-Show, als das Beste im Fernsehen überhaupt, von der Komplexität her vielleicht so gerade noch zu vergleichen mit der Mondlandung. Er hat seine Tage unter Menschen und Maden als eine einzige Ajurveda-Kur erlebt, und auf die Truppe, die da im Dschungel herumlungerte ließ er nichts kommen: „Wir waren das beste Dschungelcamp-Team aller Zeiten.“

Sadismus und Sympathie

Die Medien hält Carrière für „gleichgeschaltet“ und die Deutschen für vernarrt ins Mittelmaß. Die Zukunft sieht er in der „Subversion“, dem Angriff auf die bestehenden Verhältnisse. Was RTL im Dschungel mit Subversion zu tun hat, kam allerdings nicht zur Sprache. Dafür aber, dass Unterhaltung, wie Carriere meint, etwas mit Sadismus und Sympathie zu tun hat. Das ist eine schöne Erklärung, die auf die Zuschauer zurückfällt, schließlich entscheiden sie, wer Maden fressen und den Saft der Kotzfrucht trinken muss. Die Frage nach der Verantwortung derjenigen, die das Menü zubereiten, rückt in den Hintergrund. Die Sadisten sind immer die anderen.

Gilt in der Unterhaltung das Grundgesetz?

Giovanni di Lorenzo, dem Chefredakteur der „Zeit“ und Moderator von „Drei nach 9“, war es aufgegeben, Carriere zu widersprechen (die Medien sind nicht gleichgeschaltet), gegen den Gott der Quote anzureden - wenn zehn Millionen Bohlen schauen, tun es siebzig Millionen eben nicht und die reichen dem Chefredakteur als Zielgruppe -, und ein um das andere Mal zu fragen, was denn zu tun sei, damit gerade das öffentlich-rechtliche Fernsehen in der Unterhaltung Maßstäbe setzt. Schwieriges Thema. Thomas Gottschalk fiel dazu ein, dass man Zutrauen und Geduld haben und der Jugend eine Chance geben müsse. Das war eine der Stellen der Talkshow von Maybrit Illner zum Mitschreiben für die Programmchefs.

Thomas Gottschalk sagte auch, wo für ihn der Spaß aufhört, nämlich da, wo von vornherein klar ist, dass die Kandidaten der Show ihr Ziel gar nicht erreichen können - was für die anderen den Reiz erst ausmacht, nämlich: sie jämmerlich scheitern zu sehen. Fiona Erdmann, die Kandidatin in Heidi Klums Modelzuchtanstalt war, scheint das inzwischen ganz gut weggesteckt zu haben. Aber eine Schande sei es schon, das Unwissen der jungen Leute auszunutzen. Und handelt Artikel eins des Grundgesetzes nicht von der Würde des Menschen, die unantastbar sei?

Wann hätte Samuel Koch verloren?

Thomas Gottschalk schilderte nicht zum ersten und wahrscheinlich nicht zum letzten Mal, warum er mit „Wetten, dass ..?“ aufhört: Es war an der Zeit und es gab den Unfall von Samuel Koch, dem jungen Mann, der in Gottschalks Show im vergangenen Dezember so schwer stürzte, dass er seither gelähmt ist. Gottschalk spricht von Samuel, als sei es sein eigener Sohn, verhehlt zugleich nicht, was seine Show mit dessen Auftritt und dieser junge Mann mit demselben erreichen wollte. Er sah eine Chance, sich nachhaltig zu profilieren, anders als die üblichen Wettkönige, die ihren Spaß haben und fertig. Das ist ein Erbe der Casting-Schule der Nation, die das Unterhaltungsfernsehen mit seinem Versprechen, „Superstars“ hervorzubringen, längst auch ist. Di Lorenzo hatte, einen Leserbrief des „Spiegel“ zitierend, die richtige Frage: Was hätte Samuel Koch eigentlich tun müssen, um zu verlieren?

Ob es für die Fans von Thomas Gottschalk, der sich darüber freuen kann, die freundlichen Nachrufe auf ihn noch zu Lebzeiten studiert zu haben, trotzdem Hoffnung gibt? Auch ohne „Lichterketten“? Bei „Wetten, dass ..?“ komme nun halt ein Neuer, der fange von vorn an und man werde sehen, sagte der, den Mathieu Carriere anerkennend einen „sauberen Clown“ genannt hatte: „Und wenn es gar nicht geht - ich bin ja nicht aus der Welt.“

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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