Home
http://www.faz.net/-gsc-1413i
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

FAZ.NET-Fernsehkritik Diskutiert wird heute, die Fakten folgen morgen

08.10.2009 ·  Wir als Zuschauer sind naiv. Wir glauben immer wieder, es gehe um Argumente und Tatsachen. Blödsinn. Frank Plasberg nutzt Sarrazins plakative Sprüche zur Integration nur als Vorlage für seine Sendung. In Wahrheit interessiert ihn das alles einen Dreck.

Von Jürgen Kaube
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Den „Faktencheck“, sagte Frank Plasberg gegen Ende seiner Sendung, „können Sie ab morgen im Internet lesen“. Das ist Fernsehen, das ist öffentliche Debatte, das ist Plasberg: hart aber verlogen. Denn wie kann es sein, dass in einer angeblich absolut brisanten Debatte, die auf einen ungeheuren Tabubruch folge, und jetzt endlich alles zur Sprache komme, was sonst ständig unter den Teppich gekehrt werde, weil die deutsche Diskussionskultur vor Offenheit zurückschrecke etc. etc. - wie kann es sein, dass unter diesen Umständen der Faktencheck vertagt wird?

Doch der Reihe nach. Zuerst gibt es ein Problem: mangelnde Integration. Worin sie besteht, ist gar nicht umstritten. Die Kriminalstatistik, die Bildungsstatistik, die Arbeitslosenstatistik zeigen Auffälligkeiten, nämlich ein überproportionales Zurückbleiben mancher Migrantengruppe hinter dem für alle Wünschenswerten.

Wie geht es denn den Mädchen?

Umstritten sind die Ursachen. Die einen finden, dass die Migranten, aber auch solche Mitbürger, die hier seit langem wohnen und noch nie in ihrem Leben irgendwohin eingewandert sind, nicht freundlich und gerecht genug behandelt werden. Die anderen finden, dass die Betroffenen und ihre Familien selber zu wenig dafür tun, in diesem Land durchschnittliche Karrieren machen zu können.

Und dann kommt jemand wie der ehemalige Berliner Finanzsenator Sarrazin, der unter Klartext möglichst plakative Sprüche versteht ("Ständig neue kleine Kopftuchmädchen" - Was Thilo Sarrazin sagt). Und löst angeblich eine Debatte aus. Und wird beschimpft und gelobt und beides genau so reflexhaft wie er selber formuliert hat, weshalb ihm Recht geschieht, wovon aber niemand etwas hat. Nur von einem „Faktencheck“ hätten alle etwas oder jedenfalls alle, die nicht nur an Absatzgelegenheit für ihre Reflexe interessiert sind.

Wie sieht sie denn aus, die Kriminalstatistik? Wie geht es denn den Mädchen durchschnittlicherweise in den angesprochenen Familien? Hat denn die Scham zugenommen in den vergangenen zehn Jahren, wenn das Tragen von Kopftüchern tatsächlich Ausdruck von religiöser Scham ist? Und wenn die älteren Türken nur zu einem Drittel eine Heirat ihrer Kinder mit Deutschen fragwürdig finden, die jüngeren aber zu mehr als der Hälfte, woran liegt das?

Die Erklärung der bei Plasberg auftretenden türkischen Verbandsprecherin, das Heiraten könne man den Leuten ja nicht vorschreiben, blieb unkommentiert. DITIB - so heißt der Verein - bejaht Liebesheirat, das wäre doch ein Integrationserfolg. Gefragt wurden allerdings nicht die Verliebten, sondern die prospektiven Schwiegereltern. Liest man Statistiken des Familienministeriums dazu, wieviele Ehen türkischstämmiger Partner „arrangiert“ sind, könnte die Antwort der Funktionäre also auch bedeutet haben: Das Nichtvorschreiben könne man den Leuten ja nicht vorschreiben.

Es gibt also ziemlich viele Fakten zu checken, bevor sich eine Meinung lohnt. Aber die Debatte lebt davon, dass jeder etwas aus seiner oder irgendeiner Umgebung - Bad Schussenried, Kreuzberg, Duisburg - hererzählt. Oder sich unwidersprochen eigene Statistiken ausdenkt. Dass es kein Migrations-, sondern nur ein Unterschicht-Problem gibt, kann man dann genauso vortragen wie ein Komplott der Lehrer gegen Türken, oder dass türkische Lobbyisten aggressiver sind als solche aus der Wirtschaft. Man kann dann feiern, dass in Hessen ab fünf mit den türkischen Kindern besonders viel Deutsch gelernt wird. Und fordern, dass auch mehr Türkisch mit ihnen gelernt werden sollte. Und behaupten, dass die Schulen sowieso der Integration im Weg stehen, obwohl man wissen könnte, dass es der Sprachschatz der Dreijährigen ist, der die besten Hinweise auf ihre späteren Bildungserfolge gibt.

Plasberg fühlt sich integriert

All das würde ein Faktencheck schon vor der Sendung erschwert haben. Aber natürlich sind wir als Zuschauer naiv. Wir glauben, durch den Wortwechsel gebannt, immer wieder, es gehe um Argumente und Tatsachen, und die Tatsachen bildeten die Grenze der Argumente. Blödsinn. Die türkischstämmige Lobbyistin hatte schon recht mit ihrer Definition, integriert sei, wer sich wohlfühle.

Am wohlsten fühlte sich Frank Plasberg. Der fand die Diskussion „herzhaft“, womit er aber nicht „kopflos“ meinte. Schöne Sendung - das denkt man als Produzent, wenn man es sich mit niemandem verdorben hat und also, wenn niemand sich von Tatsachen hat stören lassen müssen. Die Infamie ist nur, dass Plasberg diese Art von Harmonie unter Mitnahme des Eindrucks erzeugt, er habe echt nachgebohrt und - durch seine „Einspieler“ - die Diskutanten mit unbequemen Fakten konfrontiert. Doch in Wahrheit interessiert ihn das alles, was stimmt und wer Recht hat, einen Dreck. Wäre es anders, hätte er den Faktencheck ja vor der Sendung durchführen können.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr