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FAZ.NET-Fernsehkritik Die konkrete Angst der Gattin

30.04.2009 ·  „Hart, aber fair“ stand drauf, aber was war drin? Es war, man kann es loben oder darf es beklagen, eine klassische Aufklärungssendung über die Schweinegrippe. Nichts aber von der kampfeslustigen Sendung, die ansonsten auf diesem Platz zu finden ist.

Von Joachim Müller-Jung
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Nicht nur der FC Bayern, die Welt als solche gerät augenscheinlich immer bedrohlicher in eine Schieflage, wird immer undurchschaubarer, unkalkulierbarer. Aufklärung tut not, speziell wenn es um so etwas wie die Pandemie geht. Die, wie soll man es ausdrücken, vor der Tür steht und dann doch wieder nicht da zu sein hat. Statt Schlagabtausch also ein weiterer Brennpunkt. Überlänge inklusive.

Eine Viertelstunde Klinsmann tags davor, einen Fernsehabend für die Schweinegrippe am Mittwochabend. Das ist gerecht. Aber ist es auch gerecht von Moderator Frank Plasberg, dafür eine Sendung wie „Hart, aber fair“ zu opfern? Sicher, „Hart, aber fair“ stand wie erhofft drauf, aber was war drin? Es war, man kann es loben oder darf es beklagen, eine klassische Aufklärungssendung mit einem reichlich bemühten, aber wenigstens blendend informierten Stichwortgeber. Nichts aber von der kampfeslustigen Sendung, in der polarisiert, zugespitzt und manchmal auch heftig gestritten werden soll, um die Zwiespältigkeiten des Daseins aufzudecken.

Hysterie oder Abwiegeln

Frank Plasberg hatte also eine gemischte Expertenrunde einbestellt, die die brennende Frage zu beantworten hatte, wie gefährlich das von Mexiko aus um die Welt jagende Schweinevirus nun eigentlich ist. Einhellige Antwort: Nichts Genaues weiß man nicht. Weder der Immunologe aus Bern, auch nicht der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts als Bundesbehörde, noch der Gesundheitsstaatssekretär oder der Arzt und Autor, und am allerwenigsten die vogelgrippeerprobte Ex-Ministerin von den Grünen wollen sich festlegen. Sie konnten es auch nicht. Sie konnten und wollten sich allerdings auch nicht festlegen, als es um die wenigstens ansatzweise konfliktträchtige Frage ging, ob denn nun Hysterie oder Abwiegeln die adäquate Reaktion auf die aktuellen Vorgänge an den Infektionsfronten sei.

Irgendwie waren alle zufrieden mit sich, den anderen und den Offiziellen, den Medien, aber auch ausnahmslos unzufrieden mit der kollektiven Unfähigkeit, die Vorgänge und Risiken richtig einordnen zu können. Schießt man mit Kanonen auf Spatzen, fragte Plasberg. Und bemühte Vergleiche mit BSE, Sars oder Vogelgrippe, die in ihrer infektiologischen Unvergleichlichkeit doch kaum zu übertreffen sind. Das Stichwort hier war die ausgebliebene Katastrophe. „Haben wir uns umsonst gefürchtet“, wollte Plasberg wissen, wo längst klar war, dass dieselbe Frage, die nun natürlich auf die Schweinegrippe anzuwenden war, in diesem Stadium gar nicht zu beantworten ist. Was, wenn es neunmal gut geht, aber diesmal nicht, lautete die entwaffnende Antwort des geradezu herzerfrischenden Schweizer Immunologen Beda Stadler.

Alles irgendwie gehemmt

Wir sitzen alle im selben Boot. Nur wo die Reise hingeht, wer wollte das sagen? Sollten wir uns im Kahn ängstigen oder ruhig zurücklegen? Reichen die Tamifluvorräte oder reichen sie nicht? Über die ungleiche Verteilung der Arzneivorräte in den Ländern sollte für einen kurzen Moment so etwas wie Aufregung oder wenigstens Bestürzung aufkommen. Wird das Überleben im Ernstfall vom Wohnort abhängen? Schon in diesem Ansatz von Diskussion, der schließlich staatsmännisch gekonnt von Staatssekretär Schröder mit dem Hinweis beendet wurde, die Länderverantwortlichen hätten sich auf eine Vereinheitlichung der Bestände gewissermaßen kurz vor der Sendung verständigt, schon dieser Hauch von Debatte trug den unseligen Selbstzweifel in sich: Schüren wir nicht schon wieder leichtfertig Angst und Panik, wenn wir über Tablettenrationen im Ernstfall reden? Und gilt das gleiche nicht auch für die Impfungsszenarien? Und mit welchem Recht sollte PEI-Präsident Johannes Löwer über das richtige Händewaschen und Autor Werner Bartens über das richtige Niesen dozieren dürfen, wenn an dem Pandemiegefasel womöglich gar nichts dran ist?

Alles war irgendwie gehemmt von der Vorstellung, falsche Emotionen zu schüren. Hysterie auf der einen oder fahrlässiges Abwiegeln auf der anderen Seite. Unsicherheit jedenfalls allenthalben. Irgendwann fiel dann aber doch einer der entscheidenden Begriffe, unbemerkt fast. Ernstfall: Haben wir es bei der neuen Influenza-Variante mit dem Ernstfall zu tun? Nicht mit einer normalen neuen Grippe, sondern mit der jahrelang hoch- und wieder heruntergespielten Pandemiegefahr?

„Meine Frau will mich nicht alleine lassen“

Was in der „theoretischen Diskussion“ (Plasberg) immer wieder hinterfragt wurde, war in der Live-Zuschaltung des ARD-Mexiko-Korrespondenten Stefan Schaaf unzweifelhaft: Der Seuchenberichterstatter isoliert Frau und Kind in Mexiko-Stadt zu Hause, sorgt sich um die fehlenden Tamifluvorräte sowie die ausverkauften Atemmasken und skizziert die konkrete Angst seiner Gattin mit den Worten: „Meine Frau will mich hier nicht alleine lassen.“ Wenn das nicht der Ernstfall ist.

Die überzeugendste Antwort flatterte allerdings ausgesprochen unerwartet eine Stunde vor Mitternacht herein ins Studio. Ein Zettel mit einer Eilmeldung aus dem Hauptquartier der Weltgesundheitsorganisation in Genf nämlich, dass man wegen der anhaltenden Übertragungswelle in Nordamerika die Pandemiewarnung auf die zweithöchste Stufe gesetzt habe. (Siehe auch: Pandemiegefahr: Schweinegrippe heißt jetzt Influenza A (H1N1)) Das rettete die Runde aus dem Nebel der Unentschiedenheit. Radikales Relativieren ging von da an nicht mehr. Abwägen, abwiegeln, aussitzen? Ein Schlagabtausch darüber war zwar nicht mehr herzustellen, aber wenigstens hatte man ein neues Faktum - und eine Richtung. Das ist zwar nicht der Sinn der Plasberg-Sendung, aber immerhin ein Ergebnis.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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