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Mittwoch, 19. Juni 2013
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FAZ.NET-Fernsehkritik: „Aspekte“ Künstler für eine Minute

 ·  Die ZDF-Kultursendung „Aspekte“ hat wieder einem Künstler die Gestaltung der Sendung überlassen. Der österreichische Lebensbildhauer Erwin Wurm nutzte die Chance und machte aus Fernsehen Kunst.

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Völlig zerzauste Moderatorenköpfe sieht man in der letzten Einstellung der ZDF-Kultursendung „Aspekte“ in der gestrigen Nacht (Aspekte-Sendung). Der österreichische Künstler Erwin Wurm war da und hat sie gehörig durcheinander gewühlt. Es war der zweite Kunstversuch des Moderatorenteams Luzia Braun und Wolfgang Herles, die an normalen Tagen das Schiff abwechselnd durch dreißig Minuten in der Freitag Nacht schaukeln.

Der Pionier experimenteller Kunstaktionen im Fernsehen heißt eigentlich Gerry Schum, nicht Luzia Braun oder Wolfgang Herles. Schums Fernsehgalerie brachte schon 1969 die Kunst für den Zuschauer - ohne Metaebene oder Rezensionsgehabe. Die Ära dieses Experiments ging schnell zu Ende. Denn Kunst im Fernsehen tut sich schwer. Die Quoten sind niedrig. Warum das so ist? Ein Rätsel, denn das Fernsehen müsste ja eigentlich das Medium sein für alles Visuelle, wie es das Internet in Windeseile geworden ist.

Die Mitmach-Kunst hat auch schon Franz Beckenbauer animiert

Luzia Braun und Wolfgang Herles sind also keine Pioniere mehr, und doch sind sie im Jahr 2010 ähnlich allein auf weiter Fernsehflur wie Gerry Schum vor dreißig Jahren: Sie lassen Künstler Fernsehen machen.
Der erste Versuch vor einem Jahr mit Christian Jankowski ging gründlich daneben. Der Anspruch war zu hoch, die Botschaften aber dann doch irgendwie zu simpel: Grundsätzliche Fragen nach der Definition von Kunst wirkten in der Gegenüberstellung von Botticelli und Jankowski irgendwie von gestern. Also überhaupt nicht pionierwürdig.

Und doch ist es erfreulich, dass ihr Experiment nicht so jäh zu Ende ging wie das von Gerry Schum. Denn der zweite Versuch mit Erwin Wurm ist gelungen. Eine Ausstellung des österreichischen Künstlers ist per se schon eine Mitmachaktion: Der Besucher des Bonner Kunstmuseum zum Beispiel sollte einige Tennisbälle auf dem Boden verteilen und versuchen, sich darauf niederzulegen. Mit diesen „One Minute Sculptures“ wurde Wurm in den neunziger Jahren berühmt: Bringe Dich selbst und Andere für eine Minute in eine unmögliche Lage! Auch Franz Beckenbauer versuchte es schon einmal mit Wurm-Orangen, die er zwischen seinen Kopf und die Wand klemmte.

Boom der Comicform

Erwin Wurm ist also ein Bildhauer. Seine Lebensplastiken bleiben aber nur auf Fotografien oder im Film erhalten. Und jetzt also als Fernsehsendung. Er zwängte die Moderatoren in seine surrealen Kleidungsstücke. Sie sind abstrakt-menschliche Formen und haben nichts mit der eitlen Attraktivität zu tun, die Mode sonst verfolgt. Die Köpfe der Journalisten verschwinden in den plastischen Stoffen. Gezwängt und verrenkt moderierten sie ohne Manierismen eine Sendung, die im Ganzen, die Beiträge eingeschlossen, zu einer Art Gerry Schum-Fernsehgalerie, zu einem Gesamtkunstwerk, wurde, dass die Geschichte der Graphic Novel erzählte, ein wenig aus der Zeit gefallen.

Der einzige aktuelle Anlass war, der schon lange bekannte Boom der Comicform. Im Anschluss folgte ein wiederum sehr künstlerisch anmutender Film über Woody Allen; ohne Rezensionscharakter wurde ein kleines Allen-Alphabet vorgeführt. Dann folgte ein humorvolles Porträt über Erwin Wurm und eine Operetten-Besprechung vom „Weißen Rössl“, die nichts mit Folklore-Kitsch zu tun hatte, sondern selbst zur „One-Minute-Sculpture“ wurde. Und auch die Zuschauer wurden nicht verschont: Im Vorfeld hatte Wurm dazu aufgefordert, eine eigene „One-Minute-Sculpture“ zu filmen und einzusenden. Drei von ihnen wurden am Ende der Sendung zu Original-Wurm-Kunstwerken erklärt.

Die Zukunft der Kunst im Fernsehen

Ende gut, alles gut? Im Making Of auf der Webseite des Senders äußert Erwin Wurm eine überraschende These: Es gäbe gewisse Spielregeln im Fernsehen, gewisse Schranken, es dürfe nicht gesellschaftskritisch sein und es dürfe nicht über Sexualität gehen. Also keine Gesellschaftskritik? Ich hatte gehofft, er glaube an die Zukunft der Kunst im Fernsehen? Die Tatsache, dass diese Sendung überhaupt stattfand, war aber nun erfreulich - und dann doch eine Herausforderung für die Gesellschaft. Denn über allem schwebt doch immer noch Marshall McLuhans Satz „Das Medium ist die Botschaft“ von 1967. Die Kunst im Fernsehen hat vielleicht doch noch eine Zukunft.

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

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