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FAZ.NET-Fernsehkritik Ab in den Montag

25.05.2009 ·  Bei Anne Will nahm sich das Ende des Festwochenendes aus wie ein Plauderstündchen auf dem Heimweg. Deutlich wurde beim Thema „60 Jahre Bundesrepublik - Wie viel Grund haben wir zum Feiern?“ nur eines: Horst Köhler hat seine Wirkung nicht verfehlt.

Von Matthias Hannemann
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Es gibt bei Festakten, Straßenfeiern und robusten Grillabenden diesen schwerelosen Moment, an dem der Stecker endlich raus ist aus der Jukebox. Dann leert sich der Saal, nimmt das Klingeln in den Ohren ab, und wer bleibt, um dem absehbaren Gewimmel am Ausgang zu entgehen, der sucht nach einem Glas Wasser, nach alten Bekannten und einem freien Stuhl - die Stunde des charmanten Geplauders, den Blick auf der Uhr und die Taxi-Nummer fest umschlossen.

Bei Anne Will war das gestern nicht anders. Sechzig Jahre Grundgesetz, eine Amtsverlängerung und einen Kirchentag feierte Deutschland an diesem Wochenende. Und wer ließ sich, obwohl fürs Erste doch alles zum Thema gesagt schien, noch auf ein Stündchen zum Thema „60 Jahre Bundesrepublik - Wie viel Grund haben wir zum Feiern?“ überreden? Hans-Dietrich Genscher, eingeladen als lebendes Denkmal der deutsch-deutschen Geschichte. Daimler-Chef Dieter Zetsche, eingeladen des staatstragenden Sterns wegen, der sich in Bonn noch heute vis-a-vis des alten Kanzleramtes dreht. Dazu Alice Schwarzer in ihrer Eigenschaft als Frau, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirchen Wolfgang Huber als Vertreter der Moral sowie „Prinzen“-Sänger Sebastian Krumbiegel als Quoten-Ossi mit frischer Bundespräsidentenwahlerfahrung.

Eine starke Runde, eigentlich. Wenn sich im Laufe dieser einstündigen Sendung nur irgendwie Meinungsverschiedenheiten gefunden hätten.

Alle Fragen vergessen?

Selbst Anne Will aber schien für einen Moment alle Fragen zur Krisenhaftigkeit der Gegenwart vergessen zu haben Die wirtschaftlichen, politischen, ja kulturellen Herausforderungen des Jahres 2009 deutete sie zwar brav an. Auch ließ sie selbstredend eine Kurzreportage zeigen, in der (Genscher hatte recht: Achtung, Klischeefalle!) ein Golfclub zu Jubiläum und Präsidentenwahl die Sektkorken knallen ließ, während andernorts das Geld nur noch für eine Scheibe Politfrust reicht. Doch bereits Genscher, ein Loblied gleichermaßen auf das Grundgesetz wie die FDP als Bürgerrechts-Partei anstimmend, nahm ihr in seiner lächelnden, menschenfreundlichen Art jegliche Lust auf die Debatte.

Mit der alten Frage nach Nationalstolz und Nationalhymne jedenfalls, mit der Frau Will in die Diskussion zur Lage der Nation einzusteigen gehofft hatte, ließ sich in dieser Runde kein Fass mehr aufmachen. Die Mütter und die Väter des Grundgesetzes, die Trümmerfrauen, die soziale Marktwirtschaft, das Bundesverfassungsgericht, die friedliche Revolution 1989: Nach sechzig Jahren mangelt es einfach nicht an Dingen, auf die sich in Deutschland stolz sein lässt.

Die Bundesrepublik steht noch. Auch in der Krise. Und sie schaut sogar in ihr Grundgesetz. Wenn das mal kein Grund zum Feiern ist.
War diese Erkenntnis das Ziel der Veranstaltung? Die Finanz- und Wirtschaftskrise jedenfalls schimmerte bei Anne Will nur durch, wo Genscher, Huber und Krumbiegel den Aufbau- und Gestaltungswillen der Jugend vermissten, wo Schwarzer und Huber mehr Wertedebatten forderten, wo Genscher und Zetsche en passant das Verantwortungsbewusstsein der Wirtschaft streiften, Zetsche und Schwarzer den geringen Frauenanteil in Führungspositionen beklagten und alle gemeinsam den Kopf darüber schüttelten, dass nicht längst mehr Geld in Bildung investiert wird.

„Wir brauchen den Mut nicht sinken zu lassen. Wir können unsere Freiheit nutzen, um die Krise zu meistern.“ Das hatte Köhler am Freitag gesagt, beim Staatsakt auf dem Gendarmenmarkt. „Wir haben viel Arbeit vor uns. Aber wir werden es schaffen.“ Das sagte er am Samstag, nachdem ihn die Bundesversammlung erneut zum Präsidenten gewählt hatte. Die Gäste der Talkshow hörten offenbar gut hin. Nicht viel, und man hätte diesen Anne-Will-Abend als Echo dieser Mut-Mach-Reden auffassen können. Aber halt. Viertel vor elf. Jetzt muss man aber wirklich los. Der Montag wartet.

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