Sie wollten dieser Tage in München sein, um Ihrem deutschen Publikum zu erklären, warum die Serie „24“ mit der gerade beim Abosender Sky laufenden achten Staffel zu Ende geht. Die Reise ist der Vulkanasche zum Opfer gefallen.
Ja - und das tut mir sehr leid. Gerade aus Deutschland bekam „24“ viel Lob und Unterstützung. Im Moment kann ich nur hoffen, aus London rechtzeitig wieder nach Los Angeles zu kommen. Dort wird es in der kommenden Woche ein Treffen mit wirklich allen Leuten geben, die im vergangenen Jahrzehnt jemals an der Serie mitgearbeitet haben. Und diesen Leuten will ich sagen, wie dankbar ich für diese Zusammenarbeit war und bin.
Sie sind in der Rolle des Antiterroragenten Jack Bauer nicht nur Hauptdarsteller, sondern produzieren „24“ mit. Wieso lassen Sie die Serie jetzt enden?
Es war die gemeinsame Entscheidung aller Verantwortlichen - nicht zuletzt jene der wichtigsten Drehbuchautoren mit Howard Gordon an der Spitze. Während wir an einer Staffel arbeiteten, entwickelte Howard stets die Grundidee für die nächste. Aber während der Arbeit an der achten Staffel drang er auf die Entscheidung, „24“ endlich ins Kino zu bringen. Wir haben aber immer gesagt, dass wir den Kinofilm erst machen, wenn die Fernsehserie beendet ist. Die Drehbuchautoren können und wollen einfach nicht beides zugleich bewerkstelligen. Howard Gordon war von der Kinoidee absolut enthusiasmiert. Er will die vierundzwanzig Stunden eines Jack-Bauer-Tags in zwei Filmstunden packen, was logischerweise nur geht, wenn wir auf die Echtzeit der Serie verzichten. Das gibt uns andererseits ganz neue Möglichkeiten für den Gang der Handlung. Ohne Echtzeit können wir Jack Bauer an einem Tag, sagen wir: von Prag über Frankfurt nach Frankreich schleusen, um die Story dann in London enden zu lassen. Es darf dabei dann nur kein Vulkan ausbrechen. Und Achtung: Die Europaidee ist nur ein Beispiel. Wie das Drehbuch, das nahezu fertig ist, dann die neue Freiheit wirklich nutzt, wird sich weisen. Wir stecken jetzt die ganze Energie des Teams in dieses Projekt.
So ganz überzeugt Ihre Argumentation nicht. Zwischen der sechsten und der siebten Staffel gab es mit „Redemption“ („Tilgung einer Schuld“) schon einmal einen kinolangen Fernsehfilm.
Aber „Redemption“ war auch in Echtzeit. Und wir haben dieses Zwischenstück genauso rasch gedreht wie die Serie selbst. „Redemption“ war unser Ausweg aus dem Streik der amerikanischen Drehbuchautoren im Winter 2007/2008. So konnten wir die Zuschauer bei der Stange halten und sie zwei Stunden lang daran erinnern, wo wir waren, als der Streik die Arbeit unterbrach. Der Film, den wir jetzt vorbereiten, ist etwas ganz anderes. Wir können uns für das, was wir normalerweise in drei Wochen drehen, fünf Monate Zeit lassen und alles fokussieren auf diese eine Story, die zwei Stunden dauert.
Aber das Prinzip der Echtzeit war es ja gerade, was „24“ so innovativ machte.
Ja, aber zugleich auch die Hölle für die Drehbuchautoren. Wer sich nicht selbst hinsetzt und versucht, eine Geschichte in Echtzeit zu schreiben, von Minute zu Minute zu Minute, wird nie wirklich verstehen können, wie schwierig das ist. Nicht wenige und überdies ganz außergewöhnliche Autoren sind daran gescheitert. Glauben Sie mir: Es ist unglaublich kompliziert. Und davon sind wir jetzt befreit. Wir können etwas tun, was uns bisher unmöglich war - wir können schneiden. Wieder als Beispiel: Wenn die erste Sequenz im Kino zwischen ein und drei Uhr am Nachmittag stattfindet, können wir nun etwa auf sechs Uhr am frühen Abend springen - das war bisher völlig unmöglich.
„24“ wird im Kino filmästhetisch also gleichsam normal?
Warten Sie mal ab, was wir uns einfallen lassen. Wir sind schon in der Vorproduktion, das ganze Konzept wird in einigen Wochen stehen. Ich wiederhole es gern, auch wenn Sie es im Moment noch bedauerlich finden: Das Ende der Echtzeit war nicht zu vermeiden. Gerade deshalb bin ich so überaus zufrieden, dass die achte Staffel der Fernsehserie eine unserer besten geworden ist.
Jack Bauer wird also weiter als Kopf der CTU, Amerikas Antiterroreinheit, die westliche Welt vor finsteren Bedrohungen retten, vor tödlichen Viren, vor schmutzigen Bomben aus Nahost oder russischen Nuklearbanditen. In Deutschland sieht man Jack Bauer - und Sie, der Sie ihn spielen - ohnehin in der Tradition des guten amerikanischen Helden, als eine Art letzten Cowboy, als Nachfahre etwa eines John Wayne aus dem „Schwarzen Falken“ oder von Gary Cooper aus „Zwölf Uhr mittags“.
Den Vergleich mit John Wayne und Gary Cooper empfinde ich als sehr ehrenvoll. Aber ich denke, dass Jack Bauer doch anders ist. Wenn Sie einen Blick auf die allermeisten der John-Wayne-Filme werfen, ganz speziell auch auf Gary Cooper in „Zwölf Uhr mittags“: Diese Helden gewinnen am Ende immer - und die Dramaturgie dieser Filme basiert eben auf dem guten Kerl, der gegen die bösen Kerle kämpft. Dagegen ist das wichtigste Merkmal von Jack Bauer, dass er Dinge tut, die nicht richtig sind, die gegen das Gesetz verstoßen und auch durch die außergewöhnlichen Umstände, in denen er handelt, nur schwer oder eben nicht zu rechtfertigen sind. Wir erlauben Jack Bauer schlicht, dass er einige Fehler macht. Er ist, im Regierungsauftrag, der Guerrillero der Grauzone. Gleich in der ersten Staffel gelang es ihm zwar, am Super Tuesday den demokratischen Präsidentschaftskandidaten David Palmer zu retten und auch seine eigene Tochter Kim. Aber seiner Frau Teri kann er nicht helfen, sie wird getötet. Dass er ein Agent in der Grauzone bleibt, hat zu seinem Erfolg beim Publikum nicht unwesentlich beigetragen, denn er wirkt viel eher als reale Person als die idealisierten Helden, die Wayne und Cooper spielen. Jack Bauer ist keineswegs perfekt, aber die Leute bewundern, dass er stets das Beste gibt, das ihm möglich ist.
Jack schont weder sich noch seine Feinde. Er verstümmelt sich selbst, um seinen Widerpart zu täuschen, aber er foltert eben auch andere, um Aussagen zu erzwingen. Just dies haben selbst hohe amerikanische Militärs der Serie vorgeworfen: dass sie die Hemmschwelle der wirklichen Soldaten im Einsatz senken könnte. Sie haben sich gegen solche Vorwürfe mit dem Argument gewehrt, die Serie sei eben fiktiv und nur an ihren eigenen Maßstäben zu messen.
Ja, genau. Und ich habe über diese Vorwürfe auch gelacht. Schauen Sie: In den Vereinigten Staaten - und in Deutschland - gibt es die Fernsehserie „Dexter“. Sie handelt von einem Serienmörder, ist sehr erfolgreich und interessant. Niemand aber hat der Serie je vorgeworfen, sie provoziere die Leute dazu, raus auf die Straße zu gehen und selbst Serienkiller zu werden. Ich habe, „24“ betreffend, auch niemals die Aussage eines real Gefolterten gehört, er sei misshandelt worden, weil sein Folterer sich Jack Bauer zum Vorbild genommen und deshalb die Orientierung darüber verloren hätte, was er tun dürfe und was nicht. Lassen wir die Kirche im Dorf: „24“ ist eine Fernsehserie, die letztlich auf der Erfindungsgabe von Joel Surnow und Robert Cochran basiert. Und als ein weiteres Exempel in Sachen Realität und Fiktion: Wir haben anderthalb Jahre vor den schrecklichen Ereignissen des 11. September 2001 mit der Arbeit begonnen, als die Anschläge verübt wurden, hatten wir die Hälfte der ersten Staffel bereits gedreht. Mehr als alles andere hätte ich mir gewünscht, unsere Serie wäre ein reines Phantasieprodukt geblieben.
Gleichwohl scheint es eine prophetische Energie, eine vorgreifende Ambition der Serienmacher zu geben. Am Ende von „Redemption“ zieht mit Allison Taylor, großartig gespielt von Cherry Jones, erstmals eine Frau als Präsidentin ins Weiße Haus ein. „Redemption“ wurde 2008 gesendet, im Januar 2007 hatte Hillary Clinton ihre Kandidatur für das Präsidentenamt angekündigt.
Wir haben die Figur der Allison Taylor ein halbes Jahr vor Beginn der Vorwahlen entwickelt. Der Grund, warum das Publikum den Film selbst und die darauf folgende siebte Staffel so spät sehen konnte, war eben der Streik der Drehbuchautoren. Haben wir damals geahnt, dass sich Hillary Clinton um die Kandidatur bei den Demokraten bewerben würde? Ja, das haben wir. Noch viel interessanter aber wäre es geworden, hätte es den Autorenstreik nicht gegeben. Denn dann wäre die siebte Staffel, die Allison Taylor in Amt und Würden zeigt, nicht erst von Januar 2009 an ausgestrahlt worden, sondern wohl fast ein Jahr früher. Hätte das die Vorwahlen bei den Demokraten beeinflusst? Ich schließe das keineswegs aus, aber auch das muss nun bloße Vermutung bleiben.
Wirklich prophetisch war „24“ schon viel früher. Vom Beginn der ersten bis zum Ende der dritten Staffel hatten wir es mit David Palmer (Dennis Haysbert) zu tun, dem schwarzen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, der dann auch zum ersten afroamerikanischen Präsidenten gewählt wurde - sechs, sieben Jahre, bevor dies Barack Obama wirklich gelang.
Ja, es ist wahr: Wir haben die Serie von Anfang an mit einem Zukunftsblick ausgestattet. An den Augenblick, als einer der Drehbuchautoren mit der Idee eines afroamerikanischen Präsidenten kam, erinnere ich mich noch genau - und ich mochte die Idee sofort. Wir alle glaubten damals - übrigens unabhängig davon, ob die Drehbuchautoren politisch eher links oder eher rechts standen -, dass es angesichts eines so großen Anteils von Afroamerikanern an der Gesamtbevölkerung an der Zeit wäre, dass die Gruppe auch einen nationalen Repräsentanten aus ihren Reihen haben sollte. Es war jedenfalls ein wirklicher Coup, gleich zu Beginn der Serie mit einem schwarzen amerikanischen Präsidenten anzutreten. Aber wir waren auch danach immer bestrebt, Situationen zu erfinden und Umstände zu kreieren, die ihrer Zeit voraus waren. Das gilt natürlich auch im Fall der ersten „Madame President“. Indes: Mit allen Charakteren, die wir je für „24“ erfunden und fortentwickelt haben, verfolgten wir stets dasselbe Ziel: Sie sollten uns dabei helfen, eine Geschichte zu erzählen, die aufregend, dramatisch interessant und, unserem Genre gemäß, eben „thrilling“ war.
Dass der Bürger Kiefer Sutherland für amerikanische Verhältnisse ziemlich weit links steht, ist bekannt. Wo aber steht Jack Bauer politisch?
Jack Bauer ist naturgemäß apolitisch. Jedes aktive Mitglied des Geheimdienstes muss apolitisch sein, um den verantwortungsvollen Dienst für das eigene Land ausüben zu können. Das ist die Grundvoraussetzung. Jack Bauer kann sich den Präsidenten, den er schützen muss, nicht aussuchen, also kann er es sich auch gar nicht leisten, selbst eine politische Meinung zu haben. Ja, ich bin links. Aber während die einzelnen Staffeln liefen, habe ich mich öffentlich niemals politisch geäußert. In allen politischen Lagern hat „24“ Anhänger gefunden - von den Clintons und Obama bis zu John McCain und anderen Republikanern. Warum sollte ich irgendeinen Zuschauer verprellen?
Nun ist der Sender Fox, der die Serie in Amerika ausstrahlt, ja für vieles bekannt, für eines aber definitiv nicht: dafür, auch nur die leisesten Sympathien für linke Positionen zu haben.
Sie haben völlig recht. Fox hat aber in unsere Drehbücher und unsere Dreharbeiten niemals reingeredet. Mein Hauptanliegen mit Jack Bauer war, ihn einfach in der Mitte zu halten und das Publikum selbst entscheiden zu lassen, wofür „24“ politisch eintrat. Ein für mich großartiger Effekt der Serie waren die Diskussionen, die die Leute darüber führten. Denken Sie zudem an die schrecklichen Folterungen in Abu Ghraib und ihre Verurteilung selbst durch höchste amerikanische Militärs, denken Sie an den Beschluss, Guantánamo zu schließen. „24“ war an den Debatten beteiligt, die zu diesen Ergebnissen führten. Wie signifikant der Anteil der Serie an diesen Entscheidungen war, vermag ich natürlich nicht zu sagen.
In ein paar Wochen beginnen die Dreharbeiten zu „Melancholia“. Angekündigt wird ein Science-Fiction-Thriller. Regie führt Lars von Trier, Sie spielen die männliche Hauptrolle, Kirsten Dunst und Charlotte Gainsbourg sind mit von der Partie.
Der Prospekt mag Science Fiction sein. Aber Lars von Trier steht dafür, dass es ein Film über die Conditio humana wird: Warum handeln wir so, wie wir handeln, warum interagieren wir, wie wir interagieren? Für mich ist Lars von Trier ein unglaublicher Filmemacher. Ich freue mich riesig darauf, mit ihm arbeiten und ihm bei seiner Arbeit zusehen zu dürfen.
Fortwährend neue Projekte, neue Rollen. Sind Sie ein Workaholic?
Ich liebe es einfach zu arbeiten. Warum? Weil es Zeiten gab, in denen ich keine Arbeit fand. Ich habe nicht die Jobs bekommen, die ich wollte, wurde bei Filmen abgelehnt, in denen ich spielen wollte. Nun bin ich in der angenehmen Lage, viele Möglichkeiten zu haben - auch nur eine davon auszulassen fällt mir sehr schwer.
Haben Sie Freizeit?
Kaum. Wenn ich mir frei nehme, schnappe ich mir ein Lunchpaket und reite dann den ganzen Tag über Land. Oder ich fahre Ski - ich war elf, als ich mein erstes Rennen bestritt.
Kiefer Sutherland, geboren 1966 in London als Sohn des Schauspielers Donald Sutherland, spielt mit dem Agenten Jack Bauer die Rolle seines Lebens. Sein Filmdebüt gab Sutherland 1983 neben seinem Vater in „Max Dugan Returns“. Er gab fortan den jungen Wilden, im Kino (“Bright Lights, Big City“, „Promised Land“, „Renegades“, „The Lost Boys“) und in einer Fernsehrolle, die ihm Steven Spielberg anbot. Anfang der neunziger Jahre gründete Sutherland seine eigene Filmfirma. 1997 entstand „Truth or Consequences“; Sutherland spielte die Hauptrolle und führte Regie. 2001 begann „24“.
Die achte und letzte Staffel von „24“ läuft im Augenblick beim Abosender Sky jeweils montags auf Sky Cinema HD. Für Neueinsteiger gibt es am 24. und 25. April einen Marathon mit den ersten zwölf Folgen, das Finale läuft voraussichtlich am 7. Juni, zwei Wochen nach der Ausstrahlung in Amerika. Im freien Fernsehen wird die achte Staffel bei Kabel eins laufen, ein Termin steht aber noch nicht fest.